Propaganda und Parallelgesellschaften: Vor dem Beispiel Frankreich warnte die 6. Altenessen-Konferenz

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Keine Asyl-Info, sondern die Altenessen-Konferenz: Sozialdezernent Peter Renzel informiert über die neuesten Entwicklungen. Fotos: Müller
 
Das Reizthema „Flüchtlinge“ lockte deutlich mehr Besucher an als die letzte Konferenz.

Angesichts der politischen Situation sah man es fast kommen: Mit Sorgen, Erfahrungen und Chancen der Flüchtlingsfrage beschäftigte sich die 6. Altenessen-Konferenz am vergangenen Sonntag, 15. November, auf Zeche Carl. Ins Gespräch kamen die fast 300 Besucher über die Standorte Hülsenbruch- und Erbslöhstraße sowie Mathias-Stinnes-Stadion, geklärt wurden hauptsächlich Sorgen und Erfahrungen – welche Chancen die Vertriebenen mitbringen, blieb dabei etwas auf der Strecke.

Einen Schatten auf die Veranstaltung warfen die Anschläge von Paris: „Es ist einfach schrecklich“, kommentiert Konferenz-Moderator und Weltenbummler Klaus-Jürgen Wermker, „ich bin selbst erst vor einigen Tagen aus Paris zurückgekommen.“ Die Gäste konnten sich in einem Kondolenzbuch eintragen, große Sorge hatten die Verantwortlichen, dass die beiden Themen auf falsche Weise vermengt werden. Ziel der Altenessen-Konferenz war wie gehabt einen öffentlichen Meinungsaustausch für die Bürger in den Stadtteilen zu ermöglichen, an den einleitenden Vortrag von Sozialdezernent Peter Renzel reihten sich eine offene Fragestunde und Workshops zu den verschiedenen Standorten.

Up-to-Date

Wer fürchtete, dass Renzels Anwesenheit die Wiederholung einer der Informations-Veranstaltungen zu Zeltdörfern und Behelfseinrichtungen bedeutete, wurde in seiner Sorge nicht bestätigt. Gewappnet mit einem Sammelsurium an Zahlenmaterial brachte der Sozialdezernent die Anwesenden auf den neuesten Stand: „Wir brauchen Perspektiven“, ist sich Renzel sicher, „wir müssen feste Einrichtungen bauen!“ Insgesamt bis zu 7.000 Plätze wären notwendig, um allein der jetzigen Situation Herr zu werden. Dafür müsste es neue, größere Einrichtungen geben, die Zeltdörfer und Turnhallen ablösen. Am 25. November kommt der Vorschlag in den Rat der Stadt Essen, eine Sondersitzung mit der Entscheidung steigt am 16. Dezember. Aus der Welt ist das Problem damit lange nicht: „Manch einer mag es kaum glauben, aber nach dem 31. Dezember gibt's ein neues Jahr“, witzelt der Sozialdezernent – und dann kommen noch mehr Vertriebene. Sieben der insgesamt elf Zeltdörfer sind bereits fertiggestellt, zwei gerade in der Mache und die letzten beiden, deren Standort noch nicht bekannt ist, gehen Anfang nächsten Jahres ans Netz. Nicht auf lange Sicht ausgelegt ist die Auslastung des Mathias-Stinnes-Stadion: „688 ist nicht gut! Sobald wir die Kapazitäten haben, begrenzen wir auf 400!“
Stark im Fokus der anschließenden Debatte stand sprachliche Integration und Schulbildung der Flüchtlinge. „Das ist das geringste Problem in unserer Stadt gerade“, weiß Renzel. Die meisten Kinder sind versorgt, die wenigsten hängen in der Warteschleife. Zusätzlich sollen Anfang kommenden Jahres vier ehemalige Schulstandorte extra für Seiteneinsteigerklassen reaktiviert werden. „Auch in der Erbslöhstraße und im Mathias-Stinnes-Stadion müssen wir das wuppen“, fordert der Sozialdezernent. Sehr ernüchternd ist dafür das Fazit zur Qualifikation der Flüchtlinge: „Wir haben keine dezidierte Erfassung im Moment“, gibt Renzel zu. Erste Erfahrungen am Beispiel Düsseldorf zeigen, dass von rund 1.200 Flüchtlingen gerade einmal unter 100 einen qualifizierten, anerkannten Ausbildungsabschluss haben. Mit einem „Integration Point“ will die Stadt hier Abhilfe schaffen.

An der Oberfläche

Themen spezifisch für die Standorte sollten hinterher in vier verschiedenen Gruppen geklärt werden, oft waren die Fragen dort aber allgemeiner Art. Zur Gesundheitsversorgung weiß Ridda Martini, Regionalleiter Essen von European Homecare, zu berichten, dass neben der Prüfung in einer der Erstaufnahmeeinrichtungen ein zweiter Check am Standort erfolgt. Gewarnt wurde vor Fehlinformationen: „Was wir erleben ist Propaganda und was es da an Gerüchten gibt ist fabelhaft“, kommentiertMartini. Solche Gerüchte werden bewusst gestreut und von den Leuten, die es gerne glauben wollen dankbar angenommen. Betont wurde in allen Gruppen der Wunsch nach einer engen Vernetzung mit den jeweiligen Runden Tischen. Während in der Gruppe zur Hülsenbruchstraße Lärmbelästigung ein großes Thema war, warnt der Workshops Erbslöhstraße vor der Bildung von Parallelgesellschaften wegen der bereits bestehenden sozialen Struktur. „Wir dürfen keine Ghettos bauen, das ist genau das Problem, das die Franzosen hatten“, fügt Moderater Wermker hinzu. Aber: „Ich bin begeistert vom Engagement, ich bin begeistert vom Klima im Stadtteil: So geht Demokratie!“
Die Ergebnisse der 6. Altenessen-Konferenz kann man im Detail auf der Internetpräsenz der Interessengemeinschaft Altenessen www.igaltenessen.de zeitnah nachlesen.
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