Bewältigung des Alltags: Kreuzbund gibt Suchtkranken Gelegenheit zum Gespräch

Mehr als eine Selbsthilfegruppe: Die Teilnehmer des Kreuzbunds Altenessen 3 verbindet inzwischen eine enge Freundschaft. Fotos: Müller
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Seit 1957 ist Abhängigkeit eine offiziell von der Weltgesundheitsorganisation anerkannte psychische Krankheit, die Folgen für Angehörige und Betroffene können verheerend sein: Vom körperlichen Verfall über den sozialer Abstieg bis hin zum Tod. Sowohl Betroffenen als auch Angehörigen auf lange Sicht helfen will der Kreuzbund. Die Vereinigung betreut Selbsthilfegruppen für Abhängigkeitserkrankungen weltweit, allein fünf davon gibt es im Essener Norden.

Alkoholismus und andere Abhängigkeitserkrankungen sind nicht bloß Phänomen bestimmter sozialer Schichten: „Es ist Querbeet“, weiß Petra Habke, Leiterin der Selbsthilfegruppe Kreuzbund Altenessen 3. Unter den richtigen, falschen Bedingungen kann es jeden treffen. In vielen Fällen ist die Abhängigkeit Folge anderer psychischer Probleme, wie beispielsweise Depressionen, Angst- oder Persönlichkeitsstörungen – das Suchtmittel füllt eine Lücke. Für den Abhängigen wird die Droge zum zentralen Lebensinhalt, alles dreht sich nur noch um sie. Auf der Strecke bleiben dafür Familie, Job und Freunde. Der Absprung ist nicht leicht und selbst wenn es klappt, hat sich die Struktur im Kopf festgesetzt: einmal Sucht, bis ans Ende des Lebens Sucht. Trotz bester Absichten hat man niemals die Garantie auf ein trockenes Leben: „Ob es funktioniert, kann keiner sagen. Man kann es bloß vorhaben“, gibt sich Habke realistisch. Sie kennt das, hat zusammen mit ihrem Ehemann die gleiche Geschichte durchgemacht. „Unser Ziel ist eine zufriedene Abstinenz“, erläutert die 55-Jährige.

Zufriedene Abstinenz

Der Kreuzbund und andere Selbsthilfegruppen sollen Abhängigkeitserkrankten Gelegenheit geben, die Sucht in den Griff zu bekommen, sich Tipps von Gleichgesinnten zu holen und in Extrem- oder Notsituationen Stütze sein. Zwischen Kreuzbund und den Anonymen Alkoholikern gibt es dabei einen gewaltigen Unterschied, erklärt die Gruppenleiterin: „Themen werden bei uns nicht nur in den Raum gestellt. Wenn jemand ein Problem hat, versuchen wir auch, ihm dabei zu helfen.“ Deshalb ist entscheidend: „Die Sympathie muss da sein! Unsere Gruppe existiert nicht nur zwischen 18.30 und 20.30 Uhr.“ Seit inzwischen einem Jahr hat sich ein fester Stamm um Habke und ihren Mann gebildet, neben den regelmäßigen Zusammenkünften sehen sich die Mitglieder auf speziellen Seminaren zum Thema, kleinen Festen oder sonstigen Veranstaltungen.
Das Treffen startet mit einer Vorstellungsrunde: Wie geht's? Was habt ihr in der letzten Woche erlebt? Nur selten drehen sich die Gespräche direkt um die Abhängigkeit, die Mitglieder der Gruppe tauschen sich oft über die Hürden des Alltags aus: Einer hat finanzielle Schwierigkeiten und Stress mit der Ex-Frau, ein anderer kämpft um einen sinnvollen Ersatz für die Leere, die das fehlende Suchtmittel hinterlassen hat. In der Gruppe werden dann Erfahrungen ausgetauscht und Ideen gesammelt. Die Erkrankung kann ebenfalls Thema sein: Was ist, wenn man auf eine Hochzeit eingeladen wird, auf der alle außer einem selbst trinken? Zusammen mit der Gruppe kann derjenige reflektieren, ob er sich gefestigt genug fühlt oder doch für den Moment lieber auf die Veranstaltung verzichtet. Auch in Notfällen verlassen sich die Mitglieder aufeinander: „Wir haben eine Telefonliste. Wenn jemand ein Problem oder Sorgen hat, kann er im Prinzip immer jemanden anrufen“

Den Schritt wagen

Die Selbsthilfegruppe Kreuzbund Altenessen 3 trifft sich jeden Mittwoch von 18.30 bis 20.30 Uhr im Paul-Humburg-Gemeindehaus, Hövelstraße 71 bis 73. Infos erhält man im Vorfeld bei Gruppenleiterin Petra Habke unter Telefon 0201 36 14 44 32. Eine vorherige Anmeldung ist keine Pflicht, aber nicht verkehrt. Voraussetzung für die Teilnahme an der Gruppe ist eigentlich die Abstinenz, in Notfällen kann eine Ausnahme gemacht werden. Ob ein Suchtkranker mit Rückfall bleiben kann, hängt von seiner Verfassung ab, weiß Habke: „Wir wollen die anderen dadurch nicht gefährden.“ Weitere Gruppen gibt es in beinahe allen Bezirken Essens, einen Überblick findet man auf der Internetseite des Kreuzbunds.

Mehr als eine Selbsthilfegruppe: Die Teilnehmer des Kreuzbunds Altenessen 3 verbindet inzwischen eine enge Freundschaft. Fotos: Müller
Im Gespräch: Probleme werden nicht nur in den Raum gestellt, sondern gemeinsam diskutiert.
Autor:

Alexander Müller aus Essen-Borbeck

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