Immer ein offenes Ohr für die Nöte der Menschen: Die Evangelische TelefonSeelsorge Essen wird 50 Jahre alt

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Telefonsseelsorgerin (M. Gloger/TelefonSeelsorge).
 
"Sorgen kann man teilen" lautet das offizielle Motto der TelefonSeelsorge (M. Gloger/TelefonSeelsorge).
 
Pfarrer Werner Korsten, Leiter der Evangelischen TelefonSeelsorge Essen.
Essen: Haus der Evangelischen Kirche |

„... es hat gut getan mit Ihnen zu reden, vielen Dank für Ihr Zuhören und Ihre Zeit.“ Mit diesem oder einem ähnlichen Satz beenden viele Anrufer ihr Gespräch mit der Evangelischen Telefonseelsorge Essen, und das seit nunmehr fünfzig Jahren: Am 16. April 1966 wurde dieser wichtige ehrenamtliche Dienst für Menschen in einer akuten seelischen Notlage auch in Essen gegründet – die Städte Bottrop, Gladbeck, Gelsenkirchen, Heiligenhaus und Velbert gehören ebenfalls zum Einzugsgebiet. Während in den ersten 15 Jahren nach der Gründung insgesamt etwa 80.000 Anrufe bei der Evangelischen Telefonseelsorge Essen eingingen, nehmen die 65 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter heute in nur einem Jahr fast 22.000 Anrufe entgegen – Tendenz steigend.

Immer mehr Menschen fühlen, dass sie ihre Probleme nicht allein bewältigen können

Die Ursachen für die zunehmende Bedeutung der Telefonseelsorge sind vielfältig, wird im Gespräch mit den Mitarbeitenden der Evangelischen Telefonseelsorge Essen deutlich: „Während der gesellschaftliche Prozess der Individualisierung weiter zunimmt und wir die Risiken und Chancen unseres Handelns immer öfter allein tragen müssen, lösen sich gewachsene soziale Bindungen auf. Das Leben wird komplizierter, unüberschaubarer und damit auch unsicherer“, heißt es hier. Eine Entwicklung, von der tendenziell alle Menschen betroffen sind – Arme und Reiche, Männer und Frauen, Kinder und Erwachsene, Kranke und Gesunde, Deutsche und Nichtdeutsche, Hochqualifizierte und weniger gut Ausgebildete. Immer mehr Menschen fühlen, dass sie die Probleme, die sich in ihrem Leben ergeben, nicht allein bewältigen können: Grundlegende Beziehungsprobleme etwa oder die Erfahrung von Gewalttätigkeit, drohende Arbeitslosigkeit oder eine andere, wirtschaftlich begründete Existenzangst, eine grundsätzliche Verunsicherung in Glaubens- oder Sinnfragen oder eine lebensbedrohende Erkrankung.

Besonders wichtig ist, dass die Anonymität gewahrt bleibt

Dass die Telefonseelsorge in einer solchen Situation als Gesprächspartner attraktiv wird, hat mehrere Gründe. Dazu zählen natürlich ihre Erreichbarkeit an jedem Tag des Jahres, rund um die Uhr, und die Gebührenfreiheit der Anrufe, deren Kosten die Deutsche Telekom AG übernimmt. Noch wichtiger aber ist die Gewährung von Anonymität: Weder der Anrufer noch der Telefonseelsorger ist identifizierbar. „Jeder Anrufer kann die persönlichsten und intimsten Dinge, die ihn belasten, aussprechen, ohne Angst haben zu müssen, sich für diese Aussagen rechtfertigen zu müssen. Diese Möglichkeit ist unter den sonst üblichen sozialen Bedingungen, oft auch in der eigenen Familie oder im Kreis enger Freunde, selten gegeben“, haben die Mitarbeitenden der Evangelischen Telefonseelsorge Essen festgestellt.

Auf die Form des Zuhörens kommt es an

Mindestens ebenso wichtig ist natürlich die besondere Form der seelsorgerlichen Zugewandtheit, die die Telefonseelsorgerinnen und Telefonseelsorger in ihren Gesprächen dank ihrer qualifizierten Ausbildung praktizieren. „Die Menschen, die bei der Telefonseelsorge anrufen, tun dies mit der Erwartung, dass sie auf jemanden treffen, der ihnen zuhört, der versucht, sie und ihre Situation zu verstehen. Einer, der ihnen gegenüber keine be- und möglicherweise entwertende Position einnimmt, sondern bemüht ist, die Situation zu entlasten, als Dialogpartner einfach da zu sein und, gegebenenfalls, gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen“, erläutern die Essener Telefonseelsorger. „Das Selbstverständnis der Telefonseelsorger ist nicht das eines Richters, sondern das eines fürsorglichen Begleiters für die Dauer des Gesprächs.“

Jedes Telefonat ist anders

Dabei gibt es weder für die Dauer noch für den Verlauf eines Gesprächs mit der Telefonseelsorge ein allgemeingültiges Muster: Jedes Gespräch ist einmalig. Auch wenn sich grundsätzlich die Themen wiederholen, so sind die konkreten Fragestellungen doch immer Ausdruck einer individuellen, einmaligen Entwicklungsgeschichte, einer einmaligen Biografie. Da dasselbe natürlich auch für den Telefonseelsorger gilt, treffen bei jedem Anruf zwei Individuen aufeinander, die versuchen, sich auszutauschen und wechselseitig zu verstehen. „Wir sind weder ausgebildete Therapeuten noch ärztliche Spezialisten. Wir versuchen, auf die jeweils eigene, persönliche Weise eine zwischenmenschliche Beziehung zum Anrufer herzustellen – eine Beziehung, die sich dadurch auszeichnet, dass der andere als Person anerkannt wird, ohne ihn zu instrumentalisieren und seine grundsätzliche Freiheit infrage zu stellen.“ Manchmal gelingt es, gemeinsam mit dem Anrufenden nach einer Lösung zu suchen, und es mag sein, dass die Empfehlung, einen externen Experten aufzusuchen, als erster Schritt auf diesem Weg sinnvoll erscheint. In vielen Gesprächen wird jedoch deutlich, dass die Leistung, die die Anrufer von der Telefonseelsorge erwarten, vor allem darin besteht, dass ihnen gut und ohne Vorbehalt zugehört wird.

Die Menschen sollen fühlen, dass ihnen Hilfe zuteil wird

Sicher haben sich die Probleme der Anrufenden im Laufe der Zeit gewandelt und ausdifferenziert. Der Wesenskern der Telefonseelsorge aber ist derselbe geblieben: Menschen, die sich mit ihren Problemen allein gelassen fühlen und in einer persönlich schweren, belastenden Situation Hilfe benötigen, wird eine Infrastruktur angeboten, mit der ihnen eine erste Hilfe zuteil werden kann – zu jeder Zeit. Das gilt auch für die Evangelische Telefonseelsorge Essen, die sich vor 50 Jahren aus einer Laieninitiative heraus gegründet hat. Dass dieses möglich war und ist, resultiert aus der Bereitschaft des evangelischen Kirchenkreises Essen, die Verantwortung für die Pflege dieser Infrastruktur zu übernehmen und hauptamtliches Personal für die Organisation anzustellen, sowie aus der Bereitschaft der vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ihre Zeit und ihr umfangreiches Engagement für die Erfüllung dieser Aufgabe einzubringen. Telefonseelsorge ist Dienst am Menschen, ein Dienst, der in unserer Gesellschaft heute immer wichtiger zu werden scheint.

Festakt und Benefizkonzert zum Jubiläum

Ihr 50-jähriges Bestehen feiert die Evangelische TelefonSeelsorge Essen am Freitag, 15. April, um 11 Uhr mit einem Festakt in der Erlöserkirche, Friedrichstraße/Ecke Bismarckstraße. Christina Kampmann, Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, wird das Engagement der Mitarbeitenden in ihrer Ansprache würdigen; zu den weiteren Rednern zählen Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Marion Greve, Superintendentin des Kirchenkreises Essen, und Oberbürgermeister Thomas Kufen. Stadtdechant Dr. Jürgen Cleve überbringt die Grüße des Katholischen Stadtdekanats; für den Dachverband, die Evangelische Konferenz für TelefonSeelsorge und Offene Tür e.V., spricht dessen Vorsitzende, Ruth Belzner.

Konzerterlös kommt der Aus- und Fortbildung der Ehrenamtlichen zugute

Den zweiten Teil des Jubiläums bildet ein Benefizkonzert mit dem Ensemble „Die Vierte Frau – a cappella zu fünft“, das am Sonntag, 17. April, um 17.30 Uhr ebenfalls in der Erlöserkirche beginnt: Auf dem Programm stehen bekannte Songs in einer überraschenden Interpretation zwischen Jazz, Swing und Pop. Der Eintritt ist frei; Spenden sind willkommen – der Erlös des Abends trägt dazu bei, die qualifizierte Ausbildung und professionelle Begleitung der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finanzieren.

Stichwort: Telefonseelsorge

Die Telefonseelsorge entstand Anfang der Fünfzigerjahre in London als Hilfsangebot für Menschen mit Selbstmordabsichten („Before you commit suicide, ring me up“). In Deutschland ist die Telefonseelsorge ein Dienst in Verantwortung der Evangelischen und der Katholischen Kirche. Sie ist telefonisch rund um die Uhr aus dem deutschen Festnetz und dem Mobilfunknetz unter den bundeseinheitlichen gebührenfreien Rufnummern 0800 1110111 (evangelisch) und 0800 1110222 (katholisch) erreichbar sowie im Internet per Webmail und Chat unter telefonseelsorge.de. Als einzige Einrichtung in Deutschland bietet die Telefonseelsorge Tag und Nacht ein telefonisches Gesprächsangebot für Menschen in Krisen an. Wer sich vorstellen kann, diesen Dienst als Ehrenamtlicher selbst aktiv zu unterstützen, erhält bei der Evangelischen Telefonseelsorge Essen, Telefon 0201 747480, Internet telefonseelsorge-essen.de, Informationen zur Ausbildung und Mitarbeit.
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Anastasia-Ana Tell aus Essen-Ruhr | 08.04.2016 | 21:18  
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