Der Tag der Trinkhalle

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Der Autor "anner Bude" mit einer (bezahlten) Tageszeitung. Foto: H. Vlach
Am 20. August feiern wir nun den ersten Tag der Trinkhalle. Ein Termin, der längst fällig wurde. Die Trinkhalle, die bei vielen besser als „Bude“ bekannt ist, stellt einen zentralen Punkt in der Ruhrgebietskultur dar. Sie reduziert sich nicht nur auf eine Einkaufsmöglichkeit, sondern war und ist viel mehr.

Der Mann oder die Frau, die aus dem kleinen Fenster blicken, sind keine einfachen Verkäufer, sondern Berater, Seelsorger, Retter in der Not, Witzbolde und „Lokalpolitiker“. Man könnte noch mehr nennen, aber man kann sie als Menschen beschreiben, die in unsere Region passen, die zu uns gehören und auch bleiben müssen.

Der Kopf ist voll von Erinnerungen und Ereignissen. Als Kind hatte man jeden Groschen, den man abgreifen konnte in Esspapier, Weingummi, Eis und zahllosen anderen süßen Dingen „investiert“. Wenn die Schule „aus“ war, ging man wohin? „Anne Bude“! Die Eltern hatten uns Kinder auch oft an diesen zentralen Punkt im Ort geschickt. Wenn der „normale“ Laden geschlossen hatte, am Abend, oder auch an Wochenenden, konnten viele Dinge, die vergessen wurden, an der Bude gekauft werden.

Die wachsamen Augen hinter dem Fenster kannten ihre Kunden genau. Wenn sich jemand mit schnellen Schritten der Bude näherte, dann fehlte etwas ganz wichtiges. Der unerwartete Besuch musste verköstigt werden – kein Problem, da ging immer was. War es einem „flau auf´m Magen“ und die Übelkeit quälte, dann gab es eine Fülle von Ratschlägen und natürlich den passenden Magenbitter, oder auch zwei. Wie schon erwähnt – die Retter in der Not. Bei Wartezeiten hatte man heimlich die Zeitung gelesen, die griffbereit ausgelegt worden war. Gekauft hatte man sie nicht und wenn man erwischt wurde, gab es einen gepflegten „Anschiss“. Man hatte dann „kleine Brötchen“ gebacken, denn auf die großen Exemplare mit reichlich Wurst oder Käse, wollte man ja zukünftig nicht verzichten müssen.

Das Wort „Handy“ war völlig unbekannt. Die Bude war der Treffpunkt und das hatte immer ganz ohne Akku, W-LAN und WhatsApp geklappt. Probleme im Haus oder im Garten? Ärger mit der Gattin, oder Theater in der Firma? Das alles wurde bei `nem Bier gründlich diskutiert. Vielfach gab es sogar Lösungen. Man hatte sich untereinander geholfen. Sicher, der ein oder andere Streit ist nicht ausgeblieben. Dann folgte das Machtwort vom Chef der Bude und im schlimmsten Fall musste der „Krachschläger“ das Feld räumen und bekam Hausverbot. Das kam aber nicht oft vor.

Hatte der heimische Fußballverein verloren, gab es lange Gesichter zu sehen. Es folgte der Frust, die Kritik und die Hoffnung auf einen Sieg. Doch es gab auch viele lustige Dinge zu erleben. Die „Literatur“, die eigentlich nur Bilder von wenig oder gar nicht bekleideten Frauen zeigte, hatte ihre heimliche Ecke. Natürlich war schnell klar, wo diese Ecke war. Der ein oder andere männliche Besucher machte dann ganz unauffällig einen langen Hals. Ist die neue Ausgabe schon da? Dann ertönte die Stimme von der Chefin „Marlies“: „Hier kannste Dir Appetit holen, aber gegessen wird zu Hause“. Das Gelächter konnte man in der ganzen Straße hören.

Die gewünschte Neuausgabe wurde dann in einer neutralen Plastiktüte überreicht, aus der man oben ein Stück Tageszeitung blicken ließ. Vielsagendes Grinsen bei den Umstehenden und der Spruch: „Pass mal auf, dass Du uns hier nicht zu schlau wirst“. Gelächter!

In den ernsten Situationen des Lebens, wenn jemand vom Schicksal hart getroffen wurde, sollte es aber an Trost und Zusammenhalt nicht mangeln. „Komma gleich zu mir und lass´ uns watt reden.“ Das ist eben unser Ruhrgebiet und das sind die vielen kleinen Buden an den Straßenecken, Haltestellen und eben da, wo sie hingehören. Dort ist auch heute noch die Nachrichtenagentur der Straße, wo über den kaputten Rasenmäher ebenso gesprochen wird, wie über die „große Weltpolitik“.

Die modernen Zeiten sollten uns nicht davon abhalten, den Buden den Rücken zu kehren. Sie sind die wahren Oasen des Alltags in unserer Region weitab von der Massenabfertigung der großen Discounter. Anonymität ist dort tabu. Der Kunde, der an anderen Orten als König beschrieben wird, darf an der Bude sein, was er/sie ist, nämlich ein Mensch mit allen Vorzügen und Unzulänglichkeiten. Wo sehen wir uns also am 20. August? Natürlich „anner Bude“, einem Ort der vielen kleinen Herzen, die das Blut im Ruhrgebiet fließen lassen. Gestern, heute und hoffentlich auch in Zukunft.
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15 Kommentare
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Karl-Heinz Hohmann aus Unna | 14.08.2016 | 23:38  
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Gottfried Czepluch aus Essen-Ruhr | 14.08.2016 | 23:53  
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Günther Gramer aus Duisburg | 15.08.2016 | 08:47  
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Gottfried Czepluch aus Essen-Ruhr | 15.08.2016 | 12:35  
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Anastasia-Ana Tell aus Essen-Ruhr | 17.08.2016 | 08:32  
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Gottfried (Mac) Lambert aus Goch | 17.08.2016 | 09:40  
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Barbara Erdmann aus Gladbeck | 17.08.2016 | 11:19  
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Melanie Busche aus Menden (Sauerland) | 17.08.2016 | 18:11  
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Anastasia-Ana Tell aus Essen-Ruhr | 18.08.2016 | 20:17  
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Gottfried Czepluch aus Essen-Ruhr | 18.08.2016 | 23:12  
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Anastasia-Ana Tell aus Essen-Ruhr | 19.08.2016 | 08:10  
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Gottfried Czepluch aus Essen-Ruhr | 20.08.2016 | 12:43  
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Anastasia-Ana Tell aus Essen-Ruhr | 20.08.2016 | 15:15  
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Gottfried Czepluch aus Essen-Ruhr | 20.08.2016 | 22:13  
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Anastasia-Ana Tell aus Essen-Ruhr | 21.08.2016 | 00:00  
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