Horror im Deutschlandhaus (Shortstory)

Anzeige
Heute würde sich mein Leben verändern, es war höchste Zeit, die elende Mittelmäßigkeit meines Daseins in Heldentum zu verwandeln, etwas Großes zu tun, endlich ins Rampenlicht zu treten.
Ich war fest entschlossen, heute eines der größten Mysterien der Stadt Essen zu lösen, ich musste einen kaltblütigen Serienmörder überführen, niederringen, die Stadt von diesem grausamen Killer befreien, so dass alle Bewohner aufatmen konnten.

Der Leser muss wissen, dass ich nicht mehr jung bin, etwas dicklich, eher klein, mit Brille, ein Mann, den man gerne übersieht, ein Nobody.
Aber heute würde ich es allen zeigen, endlich würde man meine wahre Größe anerkennen müssen.

Vom Hauptbahnhof lenkte ich meine Schritte Richtung Rathenaustraße, links in die Kapuzinergasse, Lindenallee, Deutschlandhaus - das Horrorhaus, der Ort der unaufgeklärten Morde und der schrecklichen, blutigen Unfälle, Ort unermesslichen Horrors, der schon so manchen in den Wahnsinn getrieben hatte.

Je näher ich dem Ort meiner geplanten Heldentat kam, desto unruhiger wurde ich, Angst stieg in mir auf, Schweiß trat auf meine Stirn.

Und da war der Killer, der so vielen Menschen Unglück gebracht hatte, soviel Schrecken verbreitet hatte: der Paternoster, die Tötungsmaschine, der Menschenfresser, der Knochenbrecher, der Armabreisser.

Hunderte Menschen, die ihn betreten hatten, waren verschwunden, sie wurden nie mehr gesehen, aber niemals wurden ihre Körper gefunden, sie verschwanden sang und klanglos, auf unerklärliche Weise.

Ein paar Opfer der Paternosterattacken hatten Glück und entkamen mit gebrochenen Armen und Beinen und blutigen Wunden, aber auf die Frage was denn passiert war, gaben sie keine Antwort, sie schwiegen, und ein Ausdruck ungeheurer Angst und gigantischen Terrors trat in ihre Augen, einige zerbrachen an diesem Fluch und endeten im Irrenhaus.

Da sah ich ihn nun vor mir, er drehte seine Runden, auf und ab, auf und ab, hoch und runter, stoisch, unerbittlich, tat so als wäre nichts geschehen, als wäre nichts zu befürchten, grausam souverän, harmlos wirkend, aber gnadenlos tödlich.

Meine Knie wurden weich, mein Herz raste, als wollte es sich einen Weg aus meiner Brust schlagen, mein ganzer Körper war von Angstschweiss bedeckt.

Aber ich musste es tun, ich musste das schreckliche Geheimnis aufklären, es gab kein zurück, ich musste mein Leben riskieren, vielleicht würde ich mit gebrochenen Knochen überleben, vielleicht würde ich für immer verschwinden, und das schlimmste war, dass mein Verschwinden niemand bemerken würde, niemand würde mich vermissen.

Aber hätte ich Erfolg, würde ich Schlagzeilen machen, ich würde in Talkshows sitzen, im WDR Rundfunk Interviews geben, Frauen würden mir Heiratsanträge machen, ich müsste ein Buch über meine schrecklichen Erlebnisse im Paternoster schreiben, endlich würde ich JEMAND sein, nicht nur 15 Minuten Ruhm, sondern 150.000, alle würden wissen, dass ältere, kleine dicke Männer mit Bierbauch und Brille die wahren Helden sind, nicht nur Sylvester Stallone, Arnold, Mickey Rourke, und wie die athletischen Helden mit Muskeln aus Stahl alle heissen.

Ich nahm meine ganzen verbliebenen Mut zusammen und bestieg die Monstermaschine, vorsichtig den richtigen Moment abpassend. Ich hatte es geschafft, ich war drin, jetzt hiess es: diese Killermaschine oder ich, Mann gegen Maschine.

Aufwärts ging es, meine Nerven waren bis zum äussersten angespannt, ich war auf alles gefasst, Adrenalin rauschte durch mein Gehirn wie die Strömung der Ruhr bei Hochwasser, jetzt ging es um Tod oder Ruhm. Weiter ging es über den letzten Stock hinaus, dann seitlich, dann wieder nach unten. Doch es kam kein Angriff, keine Attacke, keine Transformation an den Ort an dem die verblichenen und frischen Leichen lagen, all die armen, vermissten, gefangenen Seelen, all die abgetrennten Gliedmaßen.

NICHTS war passiert, so als spürte dieses Wunder der Technik, dass ein Drachentöter da war, um es zu besiegen, um die Köpfe der Hydra abzuschlagen, und danach die Königstochter zu ehelichen.

Runde um Runde drehte ich, angsterfüllt, mit schlotternen Knien, aber wild entschlossen zu kämpfen.

NICHTS.

Als es dämmerte, stieg ich aus, ebenso vorsichtig wie ich eingestiegen war.
Keine Schlagzeilen, nur wieder Mittelmäßigkeit, wieder übersehen werden, zurück ins normale unveränderte, langweilige Leben.

Aber, so schwörte ich mir, allzu schnell wollte ich nicht aufgeben. Ich würde wiederkommen.

Und während ich völlig erschöpft zum Hauptbahnhof schlich, drehte die Killermaschine unbeeindruckt und kaltblütig ihre Runden auf der Suche nach neuen Opfern.
0
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.