Teil 1. Das Mädchen Sybille. Eine Erzählung in Fortsetzungen von Mathilde Marré

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Vorbemerkung:
Die Erzählung spielt in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts, zwischen den beiden Weltkriegen.
Die Geschichte hat eine nicht unwesentliche christliche Inklination.



Der Mann auf dem Kutscherbock zieht die Zügel strammer und knallt mit der Peitsche über den Rücken des Pferdes, welches sofort schneller trabt. Vorwärts geht´s über glatte und holprige Straßen, in denen noch der kalte Morgennebel klebt.

Unter dem Kutscherbock sitzt zusammengekauert ein kleines Menschlein. Das Köpfchen sinkt immer wieder nach vorn, der Schlaf sitzt noch in den kleinen Gliedern, die morgens unsanft aus dem Bett gezerrt wurden. Ach, im Bettchen war es viel wärmer und weicher als unter dem harten Kutscherbock! Doch wenn eine rauhe Männerstimme befiehlt: “Los, raus mit Dir, los zum Großmarkt! Aufpassen, dass keiner die Kisten vom Wagen klaut. He da, meinst Du, Du bekommst hier bei mir Dein Brot umsonst?”, dann krabbelt Sybillchen schlaftrunken und ängstlich aus ihrem Bett und ist froh, wenn es ohne Schläge abgeht.

Heute morgen nun geht es schneller mit dem Aufladen der Kisten als sonst. Bald ist der Wagen vollgepackt mit Körben voll Möhren, Rotkohl, Äpfeln, Apfelsinen und anderem Obst und Gemüse. Die vorhin noch stillen Straßen und Gassen sind schon lebendiger. Vor den Häusern stehen Milchwagen, und Frauen in Pantoffeln, lassen die kostbare weiße Flüssigkeit in Töpfe und Kannen gießen. Beim Anblick der Milch läuft Sybille das Wasser im Mund zusammen, so gern trinkt die diese. Doch nur selten bekommt sie davon.

Der Mann mit der rauen Stimme und der gebogenen Adlernase, den Sybille Herrn Hahn nennt, gibt ihr meist faule Apfelsinen zu essen. Wehe, wenn sie an die Äpfel geht! Dann gibt es Prügel, und nicht zu knapp. Wie war das doch vor ein paar Wochen? Ja, so: Da hatte Herr Hahn einen großen Berg Cox Orange zum Lagern in ihre Kammer geschüttet. “Untersteh’ Dich, auch nur einen Apfel anzurühren, verstanden?” Mit dieser Drohung war er hinausgegangen.


Der köstliche Duft der wunderbaren Äpfel stieg verlockend in Sybilles Nase. Wie die wohl schmecken mögen? Sie glaubt, noch den fauligen Geschmack der Apfelsinen im Mund zu haben. In Gedanken daran schüttelt sie sich. Wer kann der Versuchung widerstehen, beim Anblick solch herrlich duftender Äpfel! Husch, hin und rein gebissen! Hm, wie lecker! Ob Herr Hahn das merkt? Wie sollte er das? Er kann sie unmöglich alle gezählt haben.

Ganz fern hört das Mädchen das Bimmeln der Schrankenglocke am Bahnübergang. Langsam öffnet sich die kleine Hand, die Apfelkitsche gleitet zu Boden...


Als sie am nächsten Morgen rau geweckt wurde, stand Herr Hahn mit Unheil verkündender Miene vor ihr. “Bist Du da dran gewesen?” Er zeigte mit dem Daumen auf den Apfelberg.

“N-n-n-nein”, stammelte das Mädchen und zitterte vor Angst. da packte der Barbar das sich duckende Menschlein, der Rohrstock sauste unbarmherzig auf das kleine Körperchen.

“Ich will Dir helfen, mich zu belügen!” brüllte er, stieß Sybille ins nebenan liegende Schlafzimmer der Hahns, durch dessen grünes Oberlicht gedämpftes Tageslicht drang.

“Da in die Ecke, Du Nichtsnutz! Hände hoch, zur Wand gedreht!”

Dann hörte das Kind den gleichmäßigen Takt des alten Schaukelstuhles. Etliche Stunden ging das so. Die Arme wurde schwer und müde, und beinahe hätte es dieselben herunterfallen lassen. Doch es hörte immer noch das Wippen des Stuhles, und wieder gab es sich einen Ruck. Ich kann bald nicht mehr, seufzte es. Endlich ging der Unmensch hinaus. Mit einem Schmerzenslaut fielen die Arme herunter, die Tränen rannen und rannen.



An jenem Tag durfte Sybille das Zimmer bis zum Abend nicht mehr verlassen. Vor dem Zubettgehen gab es ein Glas Wasser und trockenes Brot.

Aber auch das ging vorüber, und am nächsten Tag holt Oma Duvendick, die im oberen Flur ein kleines Stübchen hat, Sybille zu sich herein und zeigt ihrem Besuch den mit blutigen Striemen bedeckten Körper.

“Da schau her, wie der Unhold das Kind bearbeitet hat.” Ihre runzeligen Hände streicheln liebevoll über das Mädchen hin. “So mein Kind, iss mal das Schinkenbutterbrot! Schmeckt´s? Hier, trink die Tasse Milch, langsam, sonst verschluckst Du Dich! Also, geh nicht wieder an die Äpfel, hörst Du?”

Sybille nickt mit dem Kopf. Nie mehr wird sie einen Apfel ohne Erlaubnis anrühren, auch wenn der Duft noch so verlockend in die Nase steigt!




Herr Hahn ist heute besonders brummig und gereizt, weil so wenig Leute in seinen Laden kommen. Kurz nach Geschäftsschluss packt ihn die Wut. Sybille sieht, nachdem sie sich leise aus Oma Duvendicks Stube hinausgeschlichen hat, wie er seine Frau packt und sie brutal über einen Möhrenkorb wirft. Die sauber gewaschenen, dicken Karotten kullern über den Boden. Frau Hahn flüchtet in die Küche, die direkt neben dem Geschäft liegt und stellt sich schluchzend an den Herd. Sybille springt in den Laden und sammelt flink die Möhren wieder in den Korb. Wenn er nur nicht auch mich anschreit und knufft, denkt sie und guckt sich ängstlich nach dem Grobian um. Doch es geht diesmal heil ab.


Sie springt, froh hierüber, die Holztreppe hinab, die von der Küche in den Hof führt, läuft in den Schuppen und holt Herrn Hahns Stiefel. Huch, wie die heute mal wieder schmutzig sind!

Sie quält sich ordentlich damit ab. Die Stiefel sind bald größer als sie selber ist. Sie bürstet so gründlich, dass sie dabei an´s Schwitzen kommt. Als diese Arbeit beendet ist, stellt sie den Schuhputzkasten in den Schuppen zurück. Sie hat es sehr eilig, denn in dem alten Schuppen sind Ratten, und davor hat sie große Angst. Herr Hahn hat auf den Boden Bücklinge gelegt, mit Gift präpariert. Mancher Langschwanz liegt verendet in der Ecke.

Am übernächsten Tag, einem Sonntag, nimmt Frau Hahn das Mädchen bei der Hand. Sie gehen zur Kirche. Herr Hahn will nichts davon wissen. Er sagt, zur Kirche gehen sei etwas für Weiber und alte Leute, aber nichts für richtige Männer.

Sybille kniet andächtig in der Bank und faltet demütig die Hände. Hier im Gotteshaus gefällt es ihr am besten. Stundenlang möchte sie den Orgeltönen lauschen, so gut tut das ihrem Seelchen. Nur vor dem großen Mann in dem langen roten Rock mit dem Stab in der Hand hat sie ein wenig Angst. dass das der Küster der Katholischen Kirche ist, weiss sie nicht. Sie scheut sich, Frau Hahn zu fragen, weil die immer so ernst und wortkarg ist.


Nach dem Kirchgang steht Sybille ein wenig vor der Haustür. Frau Hahn hat ihr ein weisses Dirndlschürzen umgebunden. “Sei vorsichtig, dass Du nicht hinfällst!”, ruft sie ihr nach. Kaum ist sie auf dem Bürgersteig auf und ab gegangen, bums, da fliegt sie schon hin! Weil es vorher ein wenig geregnet hat, ist das Schürzchen rabenschwarz. Die Tränen kullern. Ein Glück, dass Herr Hahn nicht da ist, die Ohrfeige der Frau nimmt sie gelassen hin, aber sie wagt sich nun keinen Schritt mehr weiter. So bleibt sie dicht an der Haustür stehen.

Da geht auf der anderen Straßenseite ein Mädchen, ein wenig älter und größer als Sybille, bleibt stehen und sieht angestrengt zu ihr herüber. Das ist Grete, ihre Schwester. Sie wohnt ein paar Straßen weiter bei einem kinderlosen Ehepaar, welches Grete an Kindes Statt angenommen hat. Grete winkt herüber, doch Sybille rührt sich nicht, Herr Hahn hat ihr streng verboten, mit Grete zu sprechen. Wenn sie es täte und er es erfährt, würde sie bitter dafür bestraft werden. Am liebsten möchte sie ja hinüberlaufen und die Schwester umarmen, aber sie darf es ja nicht!

Sybille tut also, als sähe sie Grete nicht. Sie guckt zum anderen Ende der Straße hinunter. Da geht Grete traurig weiter.
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