Teil 2. Das Mädchen Sybille. Eine Erzählung in Fortsetzungen von Mathilde Marré

Anzeige
Eines Nachmittags spannt Herr Hahn sein Pferd vor den Wagen. Diesmal braucht Sybille sich nicht schlaftrunken unter dem Kutscherbock zusammenkauern, heute darf sie sich neben Herrn Hahn setzen. Als sie ihn fragend anblickt, sagt er kurz: “Wir fahren Dich zu Deinem Onkel, dort kannst Du bleiben!”

Onkel Johannes ist ein Halbruder von Sybilles Mutter, die vor einem Jahr gestorben ist. Das Mädchen entsinnt sich noch ganz deutlich und genau, als es mit den anderen Geschwistern zum Friedhof schritt. Die Schwestern hatten gelbe Strohhüte auf, mit dicken roten künstlichen Kirschen. Es war ein heisser Augusttag, als die Mutter in die Erde gesenkt wurde. Sybille hat das Bild deutlich vor Augen, als wenn es gestern gewesen wäre. Am Abend des Beerdigungstages, als die größeren Geschwister das Abendbrot bereiteten, klopfte es an die Tür, und herein kam Onkel Johannes mit einer großen Tüte Weintrauben im Arm. Für die erste Zeit nahm er die Kinderschar, die nun vollkommen verwaist war, zu sich in sein Haus.

Onkel Johannes ist ziemlich gutmütig, Tante Katharina aber herzlos und sehr geizig. Wenn Sybille sich nun nicht gerade freut, zu diesen Verwandten gebracht zu werden,
so ist das immerhin besser, als täglich von Herrn Hahn gekniffen und gestoßen zu werden.

Die Übergabe Sybilles an den Onkel erfolgt schnell, und bald sitzt sie auf der großen Bank mit den Kindern des Onkels und sucht die schönen bunten Lappen aus dem Flickkorb heraus. Diese Beschäftigung hat sie gern, weil sie dabei viel nachdenken kann.


Die Tante ist über Sybilles Rückkehr nicht sehr erbaut, und abends, wenn die Kinder einschlafen wollen, schlurft sie durch das dunkle Zimmer und zischt: “Der Geist Eurer Mutter kommt gleich zu Euch, um zu sehen, ob Ihr artig seid, ob Ihr meinen eigenen Kindern nicht zu viel Brot weg gegessen habt, hui, hui!”

Dann klopft des Kindes Herz wie rasend, und zitternd zieht es die Bettdecke über den Kopf.



Eben tritt Onkel Johannes ins Zimmer.
“Hör zu, Sybille! Heute Nachmittag kommt Herr und Frau Lehmann, die wollen Dich holen. Bei diesen Leuten kannst Du immer bleiben, wenn Du brav bist.”

Was das wohl für Leute sein mögen, grübelt Sybille, als sie auf der Bank sitzt und die schönsten bunten Lappen aus dem großen Flickkorb sucht. Ob Herr Lehmann eine rauhe, barsche Stimme hat wie der Herr Hahn? Ob Frau Lehmann verweinte Augen hat und immer still ist wie Frau Hahn? Ob sie wohl Kinder haben? Ob sie grüne Oberlichter im Schlafzimmer haben wie Hahns? Ob sie in einem großen grauen Haus wohnen wie Hahns, mit vielen Fenstern? - - -
Ihre Cousine Hede, Tante Katharinas Lieblingstochter, hat gerade die Stoffpuppe fertig. Als Sybille fragen will, ob sie die Puppe mal haben kann, streckt Hede ihr die Zunge heraus. Da hat sie denn keinen Mut, um die Puppe zu bitten, und in Gedanken beschäftigt sie sich wieder mit Lehmanns.

Den Nachmittag kann sie kaum abwarten. Bald müssten die Leute doch kommen! Da geht die Tür auf und herein tritt eine Dame mit grauem Haar und ein etwas jüngerer Mann. Tante Katharina hat Stühle in die Mitte der Stube gestellt. Ganz still sitzen die Kinder auf der Bank. Ab und zu sieht Sybille verstohlen zu den Leuten hin.

Die Frau lächelt sie freundlich an und winkt sie zu sich heran. Sybille ist gewohnt, sofort zu gehorchen und geht zu ihr hin. Da wird sie auf den Schoß gehoben und erhält ein Stück Schokolade. “Möchtest Du mit uns gehen, Sybille?”

Das Kind nickt. Bald geht Tante Katharina mit dem Mädchen ins Schlafzimmer, packt ein Bündel, nicht sehr groß, zieht ihr ein Mäntelchen an, mit großen dunkelgrünen Knöpfen, und nun darf sie mit Herrn und Frau Lehmann mitgehen.


Sie fahren mit der Straßenbahn und Sybille merkt, dass viele Leute sie angucken. Sie denkt angestrengt nach und kommt zu dem Ergebnis, dass wohl der Mantel mit den dunkelgrünen Knöpfen daran schuld ist, weil er schon sehr abgetragen ist und die Knopflöcher ausfransen. Sie ist froh, als sie endlich aussteigen. Die Straße ist nass vom Regen, doch scheint die Sonne wieder. Am Himmel prangt in den schönsten Farben ein herrlicher Regenbogen!



Frau Lehmann nimmt Sybille bei der Hand. Sie gehen noch ein wenig in Richtung der Straßenbahn, biegen dann in eine kleine saubere Straße ein. Vor einem Häuschen mit einem schönen Vorgarten halten sie. Herr Lehmann zieht einen Schlüssel aus der Tasche. Kaum ist die Haustür aufgeschlossen, werden sie von einem freudig kläffenden Hund, einem Spitz, angesprungen.

“Hier wohnen wir. Du kannst nun immer bei uns bleiben. Gefällt es Dir? Willst Du ‘Mutti’ zu mir sagen? Willst Du”? Sybille nickt. “Du brauchst keine Angst vor Fanny haben, sie ist ein wenig eifersüchtig. Das legt sich aber.”

Am Abend, als Sybille zu Bett geht, gibt sie Frau Lehmann einen Kuss auf die Wange. Das Wort “Mutti” kommt gar nicht mehr so schwer über die Lippen.


Am nächsten Morgen geht Herr Lehmann mit ihr ins Kaufhaus. Vor vielen bunten Bällen bleiben die beiden stehen. Sie soll sich einen Ball aussuchen. Weil Sybille bescheiden ist, traut sie sich nicht, auf den dicksten zu zeigen. Sie tippt an einen kleineren Ball und den kauft Herr Lehmann ihr auch. Am Nachmittag kauft Frau Lehmann dem Kind mehrere nette Kleidchen.



Lehmanns haben einen großen Garten mit einem großen Hühnerstall. Fanny und der Garten sind Sybilles beste Freunde. Heute ist ein schöner sonniger Tag. Das Mädchen sitzt auf einer umgestülpten Kiste und spielt Metzger. Der eine Kohlstrunk ist Blutwurst, ein Löwenzahnblatt ist Leberwurst. Wegerichblätter sind Koteletts. Sie ist ganz vertieft in ihrer Rolle als Metzgerfrau. “Guten Tag, Frau Meier, was darf ich Ihnen verkaufen? Schön, ein Pfund Leberwurst! Darf es ein bisschen mehr sein?”

Der ganze Vormittag geht mit diesem Spiel dahin. Da fühlt Sybille etwas Feucht-Kaltes an ihrem Arm. Das ist Fanny. Die Hündin guckt sie mit ihren schönen braunen Augen an, als wolle sie sagen: Bin ich denn für Dich nicht mehr da?!

Fanny ist wohlerzogen. Wenn draußen die Gartenwege vom Regen aufgeweicht sind, dann läuft Fanny nie ins Haus, ohne sich vorher die Pfoten abputzen zu lassen. Sie bleibt gehorsam auf der Matte stehen, bis Frau Lehmann oder Sybille erst die Vorder- dann die Hinterpfoten abgerieben hat. Solch ein vernünftiges und rücksichtsvolles Tier ist Fanny!





Heute könnte ich mal den Hühnerstall saubermachen, denkt Sybille. Sie nimmt einen Spaten und fängt an, die mit Hühnerdung durchdrungene Erde umzugraben. Oh Schreck! Sie traut ihren Augen nicht. Da auf der Erdscholle, die auf dem Spaten klebt, bewegt es sich! Mäuse sind es! Sybille hat ein Nest mit jungen Mäuslein ausgehoben. Sie schreit, lässt den Spaten fallen und rennt weg.

Als sie nach einer geraumen Weile wieder in den Stall geht, ist von dem Mäusegekrabbel nichts mehr zu sehen.

Mit dem Hahn des Hühnervolkes hat Sybille Feindschaft. Als Frau Lehmann ihr eines Tages den Auftrag gibt, die Hühner aus dem Stall herauszulassen, damit sie im Garten ein wenig scharren und das zarte Grün an den Kohlpflanzen picken könnten, da hat der Hahn dem kleinen Mädchen deutlich gezeigt, dass er keinen Spaß versteht.

Als Sybille den Stock hebt, um einige Hühner, die sich zu nah an den Zaun wagten, zurückzuscheuchen, springt der verantwortliche Hüter des Hühnervölkchens ihr auf den Kopf und hackt wütend darauf ein. Schützend bedeckt sie mit ihren Händen das Gesicht, hauptsächlich die Augen. Sie schreit laut um Hilfe, bis Frau Lehmann lachend angelaufen kommt und den Hahn verscheucht.





Endlich ist der ersehnte Tag gekommen, der erste Schultag. Sybille hat rote Backen vor Freude und ein wenig Aufregung. Sie kommt sich recht groß vor, als sie mit dem Ranzen auf dem Rücken an Frau Lehmanns Hand dahin trippelt. Ist das ein weiter Weg, denkt sie bei sich.

Bald stehen sie im dunklen Flur des alten grauen Gebäudes. Die Namen werden aufgerufen. Herr Doll, ein junger freundlicher Lehrer, gibt allen Kindern lächelnd und ermutigend die Hand. Frau Lehmann verabschiedet sich von Sybille. “Ich komme nachher wieder, warte solange, bis ich Dich abhole.”

Da sitzen sie nun, die kleinen A-B-C-Schützen. Manche keck dreinschauend, etliche ängstlich. Herr Doll erzählt ihnen das Märchen von den sieben Geißlein. Dazu malt er mit wunderschönen Farben ein Bild an die Wandtafel. Ach, da läutet ja schon die Glocke. Schade, dass die Stunde schon zu Ende ist, bedauert Sybille. “Schnallt Eure Ränzel auf den Rücken, Kinder, morgen beginnt die Schule um 8 Uhr!”

Während die anderen schon lärmend aus der Klasse stürzen, kann Sybille ihren Ranzen nicht einhaken. “Komm her, Sybille, ich helfe Dir”, sagt Herr Doll und vom ersten Augenblick an hat das Mädchen Herrn Doll ins Herz geschlossen, weil er so lieb und hilfreich ist. Draußen stehen einige Mütter, um mit ihren Schützlingen nach Hause zu gehen. Frau Lehmann ist nicht da.

Vielleicht hat sie Besuch bekommen, denkt Sybille. Ich werde schon allein zurückfinden. Aha, da ist doch das Schaufenster mit den schönen Puppen, da sind wir doch vorhin vorbeigekommen. Und da, das ist doch der Park mit den Bänken. Die alten Männer saßen doch eben, als wir zur Schule gingen, auch schon da. Und da ist ja das schöne Haus mit den schönen Gardinen an den Fenstern. So geht Sybille immer weiter, und da steht sie ja schon vor Lehmanns Häuschen. Am Gartentor wird sie schon von Fanny freudig begrüßt. Frau Lehmann schlägt die Hände über den Kopf.

“Kind, bis Du schon da? Wie hast Du denn den Weg zurückgefunden?”

“Och, das war doch ganz einfach”, sagt Sybille. “Da war doch der Laden mit den schönen Puppen. Da wusste ich, dass das der richtige Weg sein musste.”




Sybille geht gern zur Schule.

“Mutti, Herr Doll ist der beste und liebste Lehrer””

Die Hausaufgaben macht sie mit Fleiß und Sorgfalt. Bald kann sie fließend lesen. Die Tafel und den Griffel braucht sie nun nicht mehr. Die Kinder schreiben mit Tinte ins Heft. Mit Hingebung und Sorgfalt übt Sybille die Sütterlin-Schrift. In ihrem Heft stehen nur gute Zensuren, “gut” und “sehr gut”.

Lehmanns sind stolz, dass Sybille die Beste in der Klasse ist.

“Heute war ich beim Herrn Rektor”, sagt eines Tages Herr Lehmann zu ihr.

“Du heißt nun Lehmann, Sybille Lehmann.”


Eines Tages wird Herr Doll an eine andere Schule versetzt. Darüber weint Sybille. Die Kinder bekommen eine Lehrerin, Fräulein Kuhn.

“Du, Sybille”, sagt eines Tages Mieze Vornholz, die neben ihr sitzt.

“Weißt Du, dass Fräulein Kuhn überhaupt kein richtiges Haar hat, sie hat eine Perücke, guck mal genau hin!”

So kommt es, dass Sybille an manchen Tagen recht unaufmerksam ist. Sie hört nicht genau hin, was Fräulein Huhn erklärt. Dauernd betrachtet sie deren Kopf. Aber sie kann wirklich nicht feststellen, ob die ein Perücke trägt. Letzten Endes ist es ihr auch gleichgültig. Sie mag Fräulein Kuhn, mehr noch als Herrn Doll.

Sybille ist Fräulein Kuhns Einkäuferin.

Nachdem die Schulstunde begonnen hat, winkt Fräulein Kuhn Sybille zu sich heran.

“Komm Kind, kannst Du für mich eine Besorgung machen? Du weißt ja, wo der Konsum ist. Hol’ mir bitte Gardinenkordel, keine weiße, gelbe, hörst Du, gelbe!”

Sybille bringt alles, was sie für Fräulein Kuhn einkaufen muss, zu deren Zufriedenheit. Einmal muss sie sogar ein Ofenrost besorgen. Das Wechselgeld stimmt immer bis auf den Pfennig. Die anderen Kinder beneiden Sybille. Könnten sie doch auch für Fräulein Kuhn einkaufen, anstatt still und artig in der Bank zu sitzen und aufzupassen.

Am meisten freut sich Sybille, wenn sie eine Besorgung bei Fräulein Kuhns Mutter machen darf. Die alte Frau ist sehr lieb zu ihr. Als einmal Milch in deren Küche überläuft, rennt das Mädchen blitzschnell hin und hebt den Topf von der Gasflamme. “Mein liebes Pusselchen”, sagt da die alte Frau und drückt ihr ein paar Bonbons in die Hand.

-------------------------------------------------------------
Fortsetzung jeweils am folgenden Tag.
0
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.