Teil 3. Das Mädchen Sybille. Eine Erzählung in Fortsetzungen von Mathilde Marré

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Auf das diesjährige Osterfest freut sich Sybille ganz besonders. Sie soll das Lyzeum besuchen. Die Prüfung hat sie mit “gut” bestanden. Sie freut sich unbändig darauf, bald fremde Sprachen zu lernen.

Fräulein Kuhn ist sehr traurig, dass sie ihre tüchtige Einkäuferin bald abgeben muss.

Frau Lehmann hat den Holzbottich in der Küche stehen und rubbelt Wäsche. Da klopft es. Es ist Fräulein Kuhn. Etwas verlegen trocknet Frau Lehmann ihre Seifenhände mit der Schürze ab und entschuldigt sich, dass es am Waschtag nicht so aufgeräumt ist.

“Wer soll mir nun all meine Einkäufe besorgen, Sybille? Aber ich darf ja nicht an mich denken. Ich freue mich, dass Deine Pflegeeltern Dich etwas lernen lassen wollen. Du wirst mich aber nicht vergessen, nein?! Ich hoffe, Du wirst mich hin und wieder mal besuchen. Du weißt ja, wo ich wohne, und meine Mutter wird sich ja auch freuen, wenn sie ihr “Pusselchen” sehen wird.”

Auch Sybille ist traurig, dass sie bald eine neue Lehrerin bekommen soll. Doch als der erste Schultag im Lyzeum um ist, kommt sie strahlend nach Hause, weil die neue Klassenlehrerin, Fräulein Hundertmark, schon englische Wörter an die Tafel geschrieben hat.



Sybille hat traurig festgestellt, dass Fräulein Hundertmark gar nicht so lieb und vor allen Dingen so gerecht ist wie Fräulein Kuhn. Deshalb geht sie oft mit schwerem Herzen zur Schule, weil Fräulein Hundertmark so ihre Lieblinge hat, die sie mächtig vorzieht. Sybille gehört nicht zu ihnen. Auch in den höheren Klassen ist Fräulein Hundertmark wegen ihrer Ungerechtigkeit nicht beliebt.

Fräulein Hundertmark hat grüne Katzenaugen, drei Haarknoten, die alle Kinder die “drei Etagen” nennen. Aber das grässlichste ist, dass Fräulein Hundertmark unmögliche Strümpfe trägt, derenthalben sich die Leute auf der Straße umdrehen: grell-rote, gras-grüne und grell-lila Strümpfe.

Am ersten Schultag nach den großen Sommerferien trifft Sybille Fräulein Hundertmark auf dem Schulweg. Sie gehen ein großes Stück des Weges zusammen. Die “drei Etagen” erzählt, dass sie die Ferien bei ihrem Bruder in Tokio verbracht hat. Diese interessante und weite Reise nach Japan hat sie mit dem Flugzeug zurückgelegt.

Fräulein Hundertmark ist braun wie eine Mulattin, die grünen Augen fallen jetzt besonders auf. Die Leute drehen sich oft nach den beiden um, und Sybille wird vor Scham und Ärger rot, weil Fräulein Hundertmark wieder die schrecklichen roten Strümpfe an den Beinen hat.

Sie atmet auf, als sie endlich die Schule erreicht haben. Es steht bei ihr fest, dass sie in Zukunft nicht mehr mit ihrer Lehrerin zur Schule gehen wird.

“Ich will mich doch nicht blamieren”, sagt sie am Abend zu Frau Lehmann.



In Sybilles Klasse ist ein Mädchen, Dorchen.

Diese hat Geburtstag. Eine grüne Strickjacke hat Dorchen von ihrer Mutter geschenkt bekommen, natürlich handgestrickt, ausserdem ein Fläschchen “Eau de Cologne”, aber kein echtes, sondern billiges aus dem Warenhaus. Dorchen hat die neue Strickjacke gebührend mit “Eau de Cologne” eingeweiht.


Fräulein Hundertmarks Nase hat das bald heraus. Sie geht von Schülerin zu Schülerin und schnuppert. Vor Dorchen bleibt sie stehen. “Ausziehen!”, kommandiert sie. Durch die Klasse wird eine Leine gespannt, die Fenster werden alle geöffnet, und bald schaukelt Dorchens Strickjacke an der Leine hin und her,

Die Mädchen bibbern vor Kälte, doch das stört Fräulein Hundertmark nicht im geringsten. Von da ab hat es niemand mehr gewagt, den oft muffigen Geruch des Klassenzimmers mit “Eau de Cologne” zu verbessern.


Geometrie ist für Sybille ein spanisches Dorf. So sehr sie sich bemüht, sie weiß nie, wie man den Inhalt oder Umfang eines Rechteckes oder einer Pyramide errechnet. So kommt es, dass im Osterzeugnis in Geometrie ein glattes “mangelhaft” steht. Das verdirbt doch das “sehr gut” in den Sprachen.

Sybille ärgert sich darüber, aber die Fünf in Geometrie bleibt beharrlich stehen.



Sybille ist sehr traurig. Sie hatte heute morgen auf dem Schulweg ihre Klassenkameradin Irmgard getroffen.

“Morgen geht es uns mal besser, Sybille.”

“Warum?”

“Denkst Du nicht daran, dass wir morgen ins Schauspielhaus gehen? Auf Schiller’s “Wilhelm Tell” freue ich mich riesig.”

Sybille hätte am liebsten laut losgeheult, weil sie nicht mitgehen darf. Lehmanns erlauben es ihr nicht. Sie hatte anfangs gebettelt und gefragt, warum sie denn nicht mit der ganzen Klasse zu dieser Vorstellung mitgehen dürfte, sie wäre die einzige, die sich ausschlösse.

“Ach, Mutti, ich komme mir wie ein Aussenseiter vor.”

Da hatte Frau Lehmann energisch abgewunken. “Wir wollen doch Christen sein, da brauchen wir kein Theater!”

Sybille grübelt und sinnt. Sie begreift es nicht, dass ins Theater gehen “sündhaft” sein soll, wie das Frau Lehmann nennt. Irmgard kann es nicht unterlassen zu bemerken: “Menschenskind, Sybille, hast Du aber eine komische Mutter.”



Fräulein Hundertmark hat so ihre Schrullen.

Da kommt sie eines Morgens gutgelaunt ins Klassenzimmer und beginnt, den Schrank, in dem Bibliotheksbücher, Klassenarbeitshefte, Zeichenblöcke, die große Flasche Tinte und noch andere Dinge aufbewahrt werden, von der Wand wegzurücken.

Was gibt das denn? Die Mädchen sehen sich fragend an.

Das Katheder, welches bisher ebenfalls an der Wand stand, wird ziemlich nah an die vordersten Schulbänke gerückt, direkt vor den Schrank. Als Rückenlehne für Fräulein Hundertmark dient nun die kahle Rückwand des Schrankes, und damit die Schülerinnen nicht seine rohe Holzseite vor Augen haben, hängt Fräulein Hundertmark japanische Bastmatten mit Tempeln und blühenden Kirschbäumen davor. Keine andere Klasse kann solch originelle Dekoration aufweisen.



Sybille hat es fertiggebracht, dass die “drei Etagen” auf dem Katheder tobt.

Die letzte Schulstunde am Montag und Donnerstag in der Woche ist die englische Stunde. Fräulein Hundertmark war in jungen Jahren Hauslehrerin in England. Sie erzählt ihren Schülerinnen ausführlich von der englischen Weihnacht mit dem traditionellen Christmas-Pudding. In der nächsten englischen Stunde fragt sie, wer etwas von der englischen Weihnacht behalten hätte. Sybille stößt heimlich ihre Nachbarin Irmgard in die Seite und flüstert nur das eine Wort “Pudding.” Irmgard hebt den Finger und schreit “Pudding!” in die Klasse.

Da kann Fräulein Hundertmark nicht mehr. Sie schreit und tobt, die grünen Katzenaugen funkeln, krachend schlägt sie mit den Fäusten auf’’s Katheder. Irmgard wird für diese Frechheit ins Klassenbuch eingetragen, und ausserdem muss sie zu Hause noch eine lange Strafarbeit schreiben.


“Du Riesenross”, sagt Sybille zu Irmgard. “Warum musstest Du ihr denn “Pudding!” ins Gesicht schreien. Das war doch nur ein Stichwort von mir.”



Deutsch ist eins von Sybilles Lieblingsfächern.
Am liebsten schreibt sie Aufsätze. Heute hat Fräulein Hundertmark den Schülerinnen ein Thema gestellt, worüber sie schreiben sollen, das Thema “arbeitslos”.

Sybille schreibt. Die Feder fliegt nur so. Plötzlich hält sie erschrocken inne. Du liebe Zeit, ich bin ja vom Thema abgewichen, denkt sie. Das ist ja kein Aufsatz mehr, das ist regelrecht eine Novelle. Aber die Klassenstunde ist schon zu weit vorgeschritten, als dass sie noch einmal von vorn beginnen könnte. Na, da wird die Lehrerin ja schön schimpfen. Das gibt unweigerlich ein “mangelhaft”. Du Esel, dass Du auch eine Extrawurst braten musst, schilt sie sich selbst.

In der nächsten Deutschstunde betritt Fräulein Hundertmark, die Hefte unter dem Arm geklemmt, das Klassenzimmer. Sie ruft die Namen auf und nennt die Zensuren. Jetzt, jetzt kommt deine schlechte Arbeit dran, denkt Sybille. Aber nein, immer noch nicht. Unruhig rutscht sie auf ihrem Platz. Schließlich liegt noch ein einziges Heft auf dem Pult. Das kann nur meine Arbeit sein, gleich bricht der Sturm los, überlegt Sybille. Nur Mut, den Kopf kann sie dir ja nicht abreissen.

Da hört sie wie aus weiter Ferne Fräulein Hundertmarks Stimme: “Hier ist eine Arbeit, die will ich vorlesen. Ich habe sie mit “sehr gut” zensiert. Ja, das ist kein Aufsatz mehr, das ist eine nette kleine Geschichte. Du hast ja eine schriftstellerische Ader, Sybille.”

Das Mädchen wird rot vor Freude und auch vor Schüchternheit. Ganz still hören die Klassenkameradinnen zu, als Fräulein Hundertmark vorliest. Sie schauen Sybille bewundernd an.

Auch in der französischen Stunde lenkt Sybille die Aufmerksamkeit auf sich. Die Mädchen lesen die Lektüre “Les pêcheurs d’Islande”, die reizende Liebesgeschichte eines jungen Fischers und der Fischerin Yvonne.

Sie lesen Abschnitt für Abschnitt und müssen das soeben Gelesene mit ihren Worten wiedergeben, aber auf französisch. Gerade ist ein Kapitel zu Ende gelesen. Sybille hebt den Finger.

“Le navire balançait lentement sure la place” ..., und ehe sie sich’s versieht, hat sie wörtlich Satz für Satz des Kapitels, welches nicht kurz war, hergesagt.

Fräulein Hundertmark starrt sie an, ebenfalls die Mitschülerinnen.

“Mädchen, hast Du ein fabelhaftes Gedächtnis”, wundert sich die Lehrerin.

Sybille fühlt, wie ihr die Röte immer mehr ins Gesicht steigt. So ist das immer, wenn sie die Aufmerksamkeit ungewollt auf sich lenkt. Dann möchte sie vor Schüchternheit am liebsten in den Erdboden versinken.


Fortsetzung jeweils am folgenden Tag.
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