Teil 4. Das Mädchen Sybille. Eine Erzählung in Fortsetzungen von Mathilde Marré

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Sybille könnte so losheulen. Sie hat einen Zorn auf Fräulein Hundertmark, auf ihre Mitschülerinnen, auf Frau Lehmann.

Im Grunde genommen sind ja Lehmanns an allem schuld.

Frau Lehmann hatte Sybille vor einigen Tagen gesagt, dass auf ihrem Abschlusszeugnis ihr richtiger Name stehen müsse.

“Wie, richtiger Name? Der hat doch immer in meinen Zeugnissen gestanden, Sybille Lehmann.”

Frau Lehmann druckst herum.

“Eigentlich heisst Du ja nicht Lehmann. Dein richtiger Name ist Keller, Sybille Keller.”

Als Sybille sie verständnislos ansieht, fährt sie fort: “Damals ist Vater zum Herrn Rektor gegangen und hat ihn gefragt, ob Du in der Schule nicht Sybille Lehmann genannt werden könntest. Der Herr Rektor hat ohne weiteres eingewilligt, obwohl wir Dich nicht richtig adoptiert hatten.”

“Aber warum habt Ihr mich denn nicht auf Euren Namen Lehmann umschreiben lassen?”

“Dann hätten wir Deine monatliche Waisenrente nicht bekommen, und darauf wollten wir nicht verzichten.
Das wollten wir dem Staat nicht schenken, verstehst Du?”

Nein, das versteht Sybille durchaus nicht. Das war doch nicht korrekt von ihren Pflegeeltern, die doch so gewissenhaft sein wollen.



Die Zensuren der Schülerinnen für das Abschlusszeugnis lagen nun fest. Das Examen war vorüber, Gott sein Dank!

Sybille hatte bis in die Nächte hinein gelernt. Sie hatte Fräulein Hundertmark gebeten, nicht den Namen Sybille Lehmann ins Zeugnis zu setzen, sondern den richtigen Namen Sybille Keller.

Fräulein Hundertmark hatte sie erstaunt angesehen.

“Menschenskind, Sybille, bist Du aber naiv. Da bist Du all die Jahre unter einem falschen Namen auf der Schule herumgelaufen. So etwas ist mir in meiner langjährigen Schulpraxis noch nicht vorgekommen.”


Die Klassenkameradinnen waren bei diesen Worten in schallendes Gelächter ausgebrochen. Oh, Sybille hätte fortlaufen mögen. Wie gemein von der Lehrerin, sagt sie sich. Warum hat sie mich nicht am Schluss der Stunde zu sich gerufen, ich hätte ihr alles erklären können. Warum hat sie mich vor allen Mädchen so lächerlich gemacht.

Nun wurde es dem Mädchen deutlich, dass es in all den Jahren immer ein wenig abseits gestanden hatte, man hatte es eben als Aussenseiter betrachtet. Kein Wunder!

Nie hatte es etliche seiner Klassenkameradinnen einladen dürfen, etwa an seinem Geburtstag. Nie durfte es mit ins Schauspielhaus, wenn Vorstellungen für die ganze Klasse gegeben wurden. Auch eine Klassenfahrt zur Insel Borkum, zu der alle Mädchen mit Sybilles Ausnahme mitfuhren, hatten Lehmanns ihr nicht erlaubt.

In diesem Augenblick, da sie dem Gelächter preisgegeben war, empfand sie eine unsagbar schmerzende Einsamkeit.




Die Abschlussfeier der Schülerinnen findet im Frauenbundhaus statt. Die Mädchen haben die Kuchen selbst gebacken. Sie haben doch nicht umsonst im Haushaltunterricht die Geheimnisse der Backkunst kennengelernt. Nun haben sie ihr Können bewiesen, und die Kuchen und Torten sind ausgezeichnet worden. Am besten schmeckt ihnen der Obstsalat mit Schlagsahne.

Sybille hat von ihren Mitschülerinnen den Auftrag bekommen, nach dem Kaffeetrinken eine kleine Ansprache zu halten. “Weil Du schon die richtigen Worte finden wirst”, haben die Mädchen gesagt, als Sybille Einwände erhob.

Ja, dann muss sie wohl die Rede halten, obwohl sie sich mächtig geniert. So beginnt sie denn: “Sehr verehrtes Fräulein Hundertmark, liebe Schülerinnen!” Bums -- da hat sie sich schon verhauen. Sie verbessert schnell: “Liebe Mitschülerinnen!”

Fräulein Hundertmark kann es nicht unterlassen, bei diesem Fehler zu grinsen und guckt die Mädchen überheblich lächelnd an, doch die Klassenkameradinnen tun, als hätten sie den Irrtum nicht bemerkt. Einige haben Grammophonplatten mitgebracht, und unter frohen Walzerklängen wiegt sich lachend die junge Mädchenschar. Sybille steht abseits. Sie kann nicht tanzen, Frau Lehmann hat es ihr nie erlaubt.
Als einige Mädchen aus ihrer Klasse die Tanzstunde besuchten und Sybille es einmal wagte, darüber mit ihrer Pflegemutter zu sprechen, hatte diese energisch abgewunken und fast wütend gesagt: “Christen brauchen nicht tanzen!”

“Komm, Sybille”, sagt Hilde Overbeck, die sehr gut tanzt. “Du bist doch musikalisch, dann wirst Du es schnell lernen, Du musst Dich nur von mir führen lassen.” So hängt sie sich denn in Hildes Arm und -großartig - um so beschwingt und froh und heiter über die Fläche zu schweben.

Wie schön, denkt Sybille, das werde ich noch oft wiederholen.



Fröhlich und aufgelockert kommt Sybille am Abend nach Hause. Mit leuchtenden Augen erzählt sie Frau Lehmann von dem Verlauf der Abschiedsfeier.

“Mutti, ich habe gar nicht gewusst, wie schön tanzen ist. Dieses rhythmische Hin- und Herwiegen nach den Klängen der Musik.”

Doch plötzlich hält sie erschrocken inne, als sie in das abweisende und entrüstete Antlitz der Frau Lehmann sieht. Was ist das?

Da hört sie auch schon die schneidenden Worte: “Ich denke, Du bist in einem christlichen Elternhause erzogen, da wird nicht getanzt! Ich merke schon, Du bist nicht besser als die anderen Flittchen. Oh, das ist die Frucht meiner Erziehung!”

Frau Lehmann droht plötzlich mit erhobener Faust: “Ich sage Dir, kommst Du mir mit einem Kind an!”

Sybille erschrickt. Unwillkürlich weicht sie einen Schritt zurück. Was soll der letzte Satz? Wie bitte? Hat Frau Lehmann das wirklich zu ihr gesagt? Hat sie sich nicht verhört?

Du liebe Zeit, was hat das Tanzen mit Kinderkriegen zu tun?, geht es ihr durch den Kopf. Das geht wahrhaftig an meine Ehre. Das Mädchen ist empört Was will sie eigentlich von mir? Bin ich denn eine von denen, die abends an den Ecken stehen, mal mit diesen, mal mit jenen Jungens kokettieren und schäkern?

Ihre Hände verkrampfen sich. Was willst Du eigentlich von mir, möchte sie jetzt Frau Lehmann ins Gesicht schreien. Bin ich nicht immer brav wie ein Hündchen an der Leine mit Euch mitgetrottet? Wie willst Du mich denn eigentlich haben? Sybille öffnet zwar den Mund, doch kein Wort kommt über ihre Lippen. Sie hasst Streitigkeiten. Solche Auftritte, wie Sie Frau Lehmann auch jetzt wieder inszeniert, sind ihr zuwider, und der Gedanke daran, dass Lehmannns ihr schon viele Jahre eine Heimstatt gewährt haben, lässt sie auch diese ihr soeben brutal und abrupt ins Gesicht geschleuderte Drohung schweigend ertragen. Ihre Seele weint, still und lautlos, um ihren Mund zuckt es. Mein Gott, gibt es denn keine Brücke zwischen ihr und mir, auf der sich unsere Herzen begegnen könnten?

Sie spürt mehr denn je, dass eine große fremde Kluft ist zwischen ihr und der Pflegemutter. Alles ist bei Frau Lehmann “Sünde”. Wenn Sybille ein Volksliedchen singt, dann ist das Sünde. Wenn Sybille einmal frisch und fröhlich lacht, dann wirft Frau Lehmann ihr einen düsteren Blick zu, dann ist das wiederum Sünde. Gestern wollte Frau Lehmann Sybille zwingen, mit ihr niederzuknien und zu beten. Das Mädchen wehrte sich dagegen. Sie kann nicht im Beisein dieser Frau beten, das macht sie, wenn sie ganz allein ist und sie hat beim Gebet die feste Gewissheit, dass ihr Vater im Himmel sie hört. Das Beten ist für Sybille eine so zarte und vertraute Zwiesprache mit Gott, dass kein anderes Ohr es hören darf. Sie betet oft, kindlich und demütig. Aber in den Augen der Frau Lehmann ist Sybille halsstarrig und ungläubig. Die Frau überlegt nicht, dass man in diesen Herzensdingen keinen Menschen zwingen kann.

Ihre Frömmigkeit ist so unnatürlich, so lebensfern, so pharisäisch, ja kitschig.

Die natürliche Fröhlichkeit, wie sie gerade bei jungen Menschenkindern zum Ausdruck kommen soll, hat sie bei Sybille ständig unterdrückt, und die Folge davon ist, dass das Mädchen mit ihren jungen Jahren viel zu ernst und verkrampft ist.

An diesem Abend ist Sybille unendlich traurig und ratlos. Die Tränen rinnen, sie fühlt sich grenzenlos einsam. Was wohl Grete, ihre Schwester macht? Mehr denn je sehnt sie sich nach dieser Schwester, die sie nicht kennen durfte, damals, als sie noch bei Hahns war. Lange liegt sie wach im Bett. Die Gedanken kreisen unaufhaltsam. Immer noch gellt ihr jene Drohung und Beleidigung der Frau Lehmann in den Ohren. Wie soll ich bloß mit einem Kind ankommen?

Sie denkt an das hintergründige Lächeln ihrer beiden Klassenkameradinnen Irmgard und Brigitte vor ein paar Monaten, als sie mit den beiden von der Schule nach Hause ging. Eine schwangere junge Frau begegnete den drei Mädchen. Irmgard und Brigitte drehten sich auffallend um und grinsten sich an. Sybille hielt den Kopf gesenkt. Sie tat, als hätte sie nichts bemerkt, weder die Frau noch das alberne, taktlose Benehmen der beiden Klassenkameradinnen. An jenem Tage hätte sie so gern mit Frau Lehmann darüber gesprochen, doch hatte sie nicht den Mut dazu, weil jene besonders schroff und lieblos zu ihr war.

Stöhnend und schluchzend wälzt sich das Mädchen von einer Seite auf die andere, bis der Schlaf es von seinem Kummer erlöst.
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