Teil 5. Das Mädchen Sybille. Eine Erzählung in Fortsetzungen von Mathilde Marré

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Ein neuer Abschnitt in Sybilles Leben beginnt.


“Unsere Oma fährt im Hühnerstall Motorrad” ...

Die Kolleginnen kichern und schielen zur rechten Fensterecke hin, in der Sybille an ihrem Schreibtisch sitzt. Die rothaarige Anni fuchtelt mit ihren langen Armen den Takt dazu, und nun fallen die Mädchen wieder in den gleichen Refrain. Dabei lachen sie gehässig und schielen vielsagend zu Sybille hinüber.

Als das Spottlied zum erstenmal an ihr Ohr dringt, zuckt sie unmerklich zusammen. Sie ahnt es ja, dass diese Gehässigkeit nur ihr gilt. Sie preßt die Lippen zusammen und arbeitet ruhig weiter. Nur nicht merken lassen, wie weh das tut.

Siehst du, sagt sie sich, also auch hier wirst du wieder als Außenseiter betrachtet, so wie in der Schule. Warum? Weil du es mit deiner Arbeit genau nimmst, weil du stiller und ernster bist als die anderen Mädchen in meinem Alter? Ob die anderen meine Zurückhaltung auch als Hochmut auffassen? Solche Gedanken arbeiten in Sybilles Kopf.




Sybille hat den Ehrgeiz, für ihr Gehalt auch etwas zu leisten. Sie muss sich ja allmählich in die Kontokorrent-Buchhaltung einarbeiten. Das geht nicht so von heut’ auf morgen. Sie konzentriert sich ganz auf ihre Arbeit, um nicht viele Fehler zu machen.

Wie glücklich war sie, als sie nach dem Handelsabitur diese Stelle vom Arbeitsamt vermittelt bekam. Wie traurig ist sie, dass sie mit den neuen Kolleginnen keinen Kontakt bekommt.

Weil Sybille für ihr junges Alter sehr ernst ist, weil sie bei den ihr übertragenen Aufgaben sehr gewissenhaft ist, halten die Kolleginnen sie für eingebildet. Als sie merken, dass Sybille auf den gehässigen Spottrefrain nicht reagiert, hat es bald keinen Reiz mehr für sie, und sie hören auf, zu sticheln und zu singen.

Sie ahnen nicht, dass Sybille, die sehr sensibel ist, abends vor dem Einschlafen Tränen vergießt. Ihren Kummer verbirgt sie auch vor Frau Lehmann.

Sybille merkt, dass ihr Chef, Herr Kampmann, sich in letzter Zeit irgendwie verändert hat. Er, der sich seiner Macht über seine Angestellten durchaus bewußt ist, der bei dem geringsten Fehler, der in jedem Betrieb hier und da unterläuft, wie wild mit den Armen fuchtelt und seine Donnerstimme erschallen läßt, dass die Angestellten verängstigt mit doppeltem Eifer sich über ihre Arbeit beugen, dieser Herr Kampmann ist seit einiger Zeit so auffallend liebenswürdig und sanft. Sybille erfährt bald den Grund.

Herr Kampmann geht seit etlichen Monaten zur Gemeinschaft der Christian Science, der Christlichen Wissenschaft. Das Gebot der christlichen Nächstenliebe ist bei den Anhängern dieser Religionsgemeinschaft sehr ausgeprägt.

Der Chef schätzt Sybille sehr wegen ihrer Zuverlässigkeit und Gewissenhaftigkeit bei der Arbeit. Er merkt, dass dieses Mädchen anders ist als die meisten seiner Angestellten. Immer öfter nimmt er es mit zu seinen Sitzungen. Das schürt den Neid derjenigen, die schon viel länger bei der Firma sind als die Anfängerin Sybille Seit acht Tagen verwaltet sie noch die Portokasse. Sie kann daher abends nie pünktlich nach Hause gehen, weil sie erst die Portokasse in Ordnung bringen muss.

“Jetzt macht sie schon freiwillig Überstunden, die scheinheilige Streberin”, das ist das Urteil der Kolleginnen.




Sybille hat auf ihrer Hand einen hässlichen roten Flecken, der von Zeit zu Zeit heftig juckt. Herr Kampmann hat das bemerkt und lädt sie ein, an einem Abend mit zur Versammlung der Christian Science zu gehen. Sie könne von diesem Ekzem schnell geheilt werden.

Der große Saal mit den rotgepolsterten Stühlen und den holzverkleideten Wänden ringsum ist schon ziemlich gefüllt, als sie sich einen Platz ganz hinten im Saale aussucht. Ihr fällt auf, dass die Menschen hier alle sehr freundliche Gesichter haben. Sie scheinen alle gut situiert zu sein. Später erfährt sie von Herrn Kampmann, dass die Mitglieder und Anhänger dieser Gemeinschaft wohlhabende Kaufleute und Handwerker sind.

Sybille ist eine aufmerksame Beobachterin und sie ist ein wenig neugierig, wie wohl der Verlauf der Versammlung sein wird. Dort auf dem Podium stehen zwei Pulte. Nach Beendigung des Liedes stehen plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, eine Dame und ein Herr dahinter. Sybille weiß nicht, wie die dorthin gekommen sind. Sie müssen wohl schon vor Beginn der Versammlung hinter den Pulten gesessen haben. Der Herr auf der einen Seite liest aus Mary Baker-Eddy’s Buch “Christian Science” vor während die Dame auf der anderen Seite die passenden Stellen aus der Heiligen Schrift, vorliest. Mary Baker-Eddy betont in ihrem Buch, dass Gott eine Gott der L i e b e ist, und wie kann ein solcher Gott der Liebe den Menschen Krankheit schicken. Krankheit ist daher mental, eingebildet. man bildet sich eben ein, krank zu sein.

Sybille sinnt und grübelt. Kein Wort von Christus, dem Erlöser, wird gesagt. Kein Wort von Golgatha, dem Kern der christlichen Botschaft. Christus selbst wird von den Leuten der Christlichen Wissenschaft immer nur der “Lehrer und Meister” genannt.

Als Sybille am dritten Abend nach dem Besuch bei den Christlichen Wissenschaftlern nach Hause kommt, findet sie ein kleines Päckchen vor. Absender ist Herr Kampmann. Sie öffnet es und hält in der Hand ein Exemplar “Christian Science” mit einem dünnen Heftchen “Schlüssel zur Heiligen Schrift”.

Nun liest sie jeden Abend in diesem Buch. Eines Tages wird ihr ganz deutlich und klar, dass die Lehre dieser Religionsgemeinschaft nicht die reine und unverfälschte Lehre von dem Herrn Christus ist, dem Heiland und Erlöser aller Menschen von ihren Sünden, so, wie sie es bei ihrem alten Pfarrer im Konfirmanden-Unterricht gelernt hatte. Weil sie es klar erkennt, dass diese Lehre eine Irrlehre ist, öffnet sie kurzentschlossen die Ofentür, und bald lodert Mary Baker-Eddy’s Christliche Wissenschaft hell in Flammen auf. Nachdenklich sieht sie in die Glut. Sybille, bist du nicht ein radikales und undankbares Menschenkind, fragt sie sich. Herr Kampmann hat es so gut mit dir gemeint, hat das Geld für das sicherlich nicht billige Buch ausgegeben, und so gehst du damit um.




Vorgestern hat Sybille Frau Witte getroffen, die Mutter dieser Lotte, mit der sie früher oft zusammen gespielt hatte. Lotte war schon als kleines Mädchen ein eingebildetes und selbstsicheres Ding. Ihre Mutter war Sybille sehr zugetan, oft gab sie ihr ein Stück Kuchen oder einen Apfel und unterhielt sich mit der kleinen Sybille so, als ob sie mit einem Erwachsenen spräche. In der Nähe dieser Frau Witte fühlte sich Sybille immer sehr wohl, sie hatte ein feines Gefühl dafür, dass da ein großer Unterschied bestand zwischen Lottes Mutter und ihrer Pflegemutter, Frau Lehmann.

Jene war eben ganz Dame, nicht nur wegen ihrer vornehmen Kleider. In ihrem Wesen war viel Liebenswürdigkeit. Für Kinder hatte Frau Witte sehr viel Verständnis, das fühlte Sybille immer, wenn sie mit Lotte in deren großen Garten spielen durfte. Dann tollten die kleinen Mädchen auf der großen Wiese herum, spielten mit Puppen und Lottes wunderschönem Kaufladen.

In den letzten Jahren, als Lotte und Sybille Backfische waren, hatten sie sich ein wenig entfremdet, schon darum, weil jede eine andere Schule besuchte.

Sybille freut sich, dass Frau Witte ihr so unverhofft begegnet. Sogleich fragt sie nach Lotte, und da erfährt sie, dass diese schon seit zwei Jahren bei einem großen Industrie-Konzern als Kontoristin tätig ist. Sybille ist erstaunt zu hören, wieviel Geld Lotte verdient und denkt still bei sich: Ach, könnte ich doch auch den Lehmanns soviel Geld auf den Tisch legen.

“Ich an Deiner Stelle würde mich bei Lottes Firma mal bewerben”, rät ihr Frau Witte.

“Wenn man sich geldlich verbessern kann, soll man das versuchen.”

Das hört Sybille ja jeden Tag von ihrer Pflegemutter, dass sie sich den Pflegeeltern dankbar erweisen muss, dafür, dass Lehmanns sie als Waisenkind in ihr Haus geholt haben. Sybille ist ja auch stolz darauf, und es durchflutet sie ein Gefühl der Freude, wenn sie am Ersten jeden Monats Frau Lehmann die einhundertfünfzig Mark auf den Tisch legt. Sie bekommt dann zehn Mark Taschengeld.

Von diesen zehn Mark muss sie die monatliche Fahrkarte für die Straßenbahn bezahlen. Für Spenden, die anlässlich Verlobungen, Hochzeiten oder Trauerfällen im Büro durchgeführt werden, gehen auch regelmäßig ein paar Mark von dem Taschengeld ab, so dass von diesen zehn Mark am 15. des Monats nicht viel übrig ist.

Da steht Sybille vor dem Konditorladen, als sie an einem Nachmittag nicht wie sonst üblich mit der Straßenbahn nach Hause fährt, sondern, weil sie die Frühlingsluft so recht genießen will, den Weg zu Fuß zurücklegt.

Im Schaufenster liegen verlockend die Nussplätzchen, die sie für ihr Leben gern isst. Hach, das Wasser läuft ihr schon im Mund zusammen. Da hört sie im Geiste Frau Lehmanns Stimme: “... Ist das der Dank dafür, dass wir Dich großgezogen haben?” ...

Nein, man darf ja nicht an sich denken und vom Taschengeld etwas kaufen, was man ganz persönlich für sich haben möchte, und wovon die Pflegemutter nichts weiß.

Sie reißt sich mit einem Ruck vom Anblick der schokoladenüberzogenen knusprigen Nussplätzchen los, geht ein paar Häuser weiter ins Reformhaus und kauft eine Flasche “Rabenhorster Edelrot” für Frau Lehmann. Nun ist das Taschengeld restlos alle, aber sie freut sich schon darauf, wenn sie ihrer Pflegemutter den Traubensaft lächelnd in die Hand drücken wird. Geben macht reich, denkt das Mädchen, und unwillkürlich beschleunigt es seine Schritte, um schneller Freude bereiten zu können.

Noch ist es ein paar Schritte vom Hause entfernt, da - es traut seinen Ohren nicht - hört es ein verräterisches “Platsch-Gluck-Gluck”.

Da ist die Flasche wahrhaftig aus der Tasche gerutscht, und schon fließt das köstliche Nass auf den Asphalt.

Dahin ist der Traum vom Freudebereiten. Möglichst schnell und unauffällig ins Haus verschwinden, denkt es, damit die Nachbarn nicht darauf aufmerksam werden, welchem Esel solch ein Missgeschick passiert ist.

Bei Lehmann angekommen, geht es schnell ins Wohnzimmer und schaut verstohlen hinter den Gardinen, wie das roten Traubenbächlein in die Straße hineinsickert.




Je mehr Sybille sinnt und grübelt, desto klarer wird ihr, dass sie doch ein Glückskind ist, wenigstens dieses Mal. Den Rat der Frau Witte hatte sie befolgt und sich bei dem Industrie-Konzern beworben. Vierzehn Tage danach erhält sie vom Personal-Büro den Bescheid, sich persönlich vorzustellen, und siehe da, am nächsten Ersten kann sie bei der neuen Firma eintreten mit einem Anfangsgehalt von einhundertachtzig Mark, drei Monate erst zur Probe.

Sybille macht einen Freudensprung. Kurz danach erfährt sie, dass Herr Kampmann für seinen Betrieb Konkurs angemeldet hat. Nun waren die ehemaligen gehässigen Kolleginnen arbeitslos. Doch empfand Sybille keine Schadenfreude, im Gegenteil, ihr taten die Mädchen ein wenig leid.

Sybille klopft mächtig das Herz. Heute ist ja ihr erster Arbeitstag bei der neuen Firma. Der Sekretär des Herrn Karp, Prokurist und Handlungsbevollmächtigter über mehrere Abrechnungsbüros, die alle in derselben Etage des großen Verwaltungsgebäudes liegen, führt Sybille zur Abteilung B I, einem großen Saal mit ungefähr 60 Angestellten. Hier wird sie zuerst den Chef dieser Abteilung B I, Herrn Grote, vorgestellt und dann beginnt die Prozedur, sechzig Hände schütteln. Ihr wird abwechselnd heiss und kalt, als Herr Grote mit ihr von Platz zu Platz geht und die Namen der zukünftigen Mitarbeiter nennt. Herzlich froh ist Sybille, als sie Irmgard erblickt, eine frühere Schulkollegin, deren Nachfolgerin sie werden soll.

“Warum gehst Du denn von solch einer großen Firma fort, Irmgard?”

“Ich gehe zur Gauleitung”, sagt Irmgard ganz erhaben und stolz. Denn als Sekretärin zur Gauleitung der mächtigen Partei engagiert zu werden, na, das ist schon eine Karriere, denkt Sybille


Irmgard reicht der ehemaligen Klassenkameradin lässig die Hand. “Ich wünsche Dir Hals- und Beinbruch, Sybille. Hoffentlich kommst Du nicht jeden Morgen zu spät, wie es bei mir der Fall war. Aber sie waren schon alle hier daran gewöhnt, dass für mich der Dienst erst um zwanzig Minuten vor acht begann, anstatt um halb.”

Als Irmgard gegangen ist, fühlt Sybille sich wieder so unglücklich und fremd unter all diesen fremden Menschen. Nur mutig, Sybille, sagt sie sich, frisch gewagt ist halb gewonnen.

Von ihrem Platz, direkt vor der Glaskabine, in der Abteilungsleiter Grote sitzt und seine dicken Zigarren raucht, kann Sybille den ganzen Saal überschauen. Sie hat sich schon ein wenig mit ihrer Arbeit vertraut gemacht, es macht ihr Spaß, und sie hat den Eindruck, dass auch Herr Grote mit ihr zufrieden ist. Das gibt ihr Sicherheit.

Soeben hat sie die Erläuterungen zur Bilanz, acht Seiten lang, fertiggeschrieben, da kommt der Kollege Franzen an ihren Platz.

“Hier, Sybille, diese Aufstellung muss bis heute nachmittag fertig sein. Ist ja klar, Du schafft’s ja schon.”

Vertraulich gibt er ihr einen Klaps auf den Rücken. Betont tritt sie einen Schritt zurück.

“Für Sie bin ich immer noch S i e”, funkelt sie ihn an.

“Hoha”, lacht der dicke Herr Franzen. “Man nicht so zimperlich! Hier unter uns geht es ganz kollegial zu. Sie sind wohl so ein “Kräutchen-rühr-mich-nicht-an”, he?”
“So Zimperliesen kann ich gerade leiden.”

Sybille gibt ihm keine Antwort. Frecher Kerl!, denkt sie bei sich.

Man hat es bald heraus, dass Sybille nicht zu den Mädchen gehört, die mit jedem Mann schäkern und kokettieren, wie das ihre Kolleginnen tun, die alle zusammen in einer Fensterecke an ihren Rechenmaschinen sitzen. Sie lassen sich Zeit mit ihrer Arbeit, wenn nicht gerade Termin ist.

Lilo macht es sich besonders bequem. Wenn die anderen Rechnerinnen an den gefürchteten Termintagen intensiv arbeiten müssen, hält sie sich zwei Stunden lang auf der Toilette auf, um eine Zigarette nach der anderen zu rauchen und dabei mit Kolleginnen anderer Abteilungen zu klatschen. Auf ein paar Meter Entfernung riecht sie nach Nikotin. Na - und die Männer. Während der Arbeit wirft sie diesem oder jenem Kollegen Kusshändchen zu und zwinkert kokett mit den Augen.

“Na Lilo, wohin gehen wir heute abend?”, fragt der “Baron” Herr Dickmann. Der Baron unterscheidet sich von den anderen Kollegen dadurch, dass er echt goldene Manschettenknöpfe trägt, jede Woche eine neue Krawatte hat, verziert mit einer echten Brillanten-Nadel.

Des Barons Devise lautet, dass durch Arbeiten die besten Pferde ruiniert werden.

“Der Dickmann ruht sich auf den Lorbeeren seines Vaters aus”, sagt Kalla, der Postminister der Abteilung, der Ordnung in der Registratur halten muss, der Briefe abheftet, Abzüge mit dem Vervielfältigungs-Apparat macht, Tabellen klebt und dessen Schuhe jeden Morgen blitzblank und tiefschwarz poliert sind und der, ehe er sich auf den Dienstweg macht, Tag für Tag seiner Frau den Kaffee ans Bett bringt.

“Er meint, er kann sich das erlauben, weil sein Vater Stallmeister gewesen ist bei dem Vater des jetzigen Konzern-Inhabers”, flüstert Kalla, mit einer unmerklichen Kopfbewegung zum Baron hin, Sybille leise zu.
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