Teil 6. Das Mädchen Sybille. Eine Erzählung in Fortsetzungen von Mathilde Marré

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Es ist Karnevalszeit. In der Mittagspause, als die Rechnerinnen in ihrer Fensterecke mit ihrem gemeinsamen Tauchsieder ihren Kaffee brauen, schlendert der Baron zu Sybille’s Arbeitsplatz, lässig die Zigarette im Mund.

“Na, Fräulein Sybille, zu welchem Maskenball geht’s denn heute abend? Ist das Zigeuner-Kostüm schick geworden”, fragt er ein wenig ironisch.

“Nehmen Sie erst einmal die Zigarette aus Ihrem Mund, wenn Sie mit mir reden. Haben Sie das nicht in Ihrer Kinderstube gelernt?”

“Nicht so angriffslustig, Sybillchen. Überhaupt: Sie sind für ein junges Mädel viel zu ernst. Sollte man nicht in so jungen Jahren. Warum lehnen Sie denn den Karneval so leidenschaftlich ab? Einmal im Jahr muss man sich austoben, dann ist alles erlaubt. Sie als junger Mensch wälzen so ernste Probleme, das steht Ihnen gar nicht. Darf ich sie für heute abend einladen? In der Stadthalle ist heute in sämtlichen Räumen Kostümball. Na, schlagen Sie ein!”

Er reicht ihr seine gepflegte Hand hin. Sybille übersieht sie. “Danke für die Einladung, Herr Dickmann. Für Maskenbälle interessiere ich mich nicht, das wissen Sie doch. Das ganze Karnevalstreiben ekelt mich direkt an. Ja, schauen Sie mich ruhig erstaunt und ein wenig belustigt an. Ich bin herzlich froh, wenn dieses verrückte Treiben endlich zu Ende ist. Wieviel Geld wird für den Rosenmontagszug ausgegeben? Ich habe ihn mir schon öfter angesehen. Einmal passierte es mir, dass ein verkleideter Narr vom Wagen sprang gerade in die Menschenmenge hinein, wo ich stand, und ehe ich’s verhindern konnte, hatte er mich umarmt und abgeküsst. Pfui, wie der Gestank seiner heissen Alkoholfahne mir in die Nase stieg. Ich habe meine Backe immer wieder gerieben, dass sie bald wund war. Seitdem sehe ich mir keinen Rosenmontagszug an. Karneval ist der Freibrief für Saufen und Ehebruch.
Mit vollen Händen wird in diesen tollen Tagen das Geld hinausgeworfen, während beispielsweise in Indien unzählige Menschen nachts auf der Straße liegen, in Zeitungspapier eingehüllt, weil sie vor Elend und Armut kein Dach über dem Kopf haben.

Nein, Herr Dickmannn, ich kann das einfach nicht mitmachen. Sie schauen mich an, als ob ich irr wäre. Ich weiss, Sie können mich nicht verstehen, weil ich anders bin als die meisten meiner Altersgenossinnen. Ich sag Ihnen, wenn man einen Funken Gewissen hat, kann man sich nicht in dieses Faschingstreiben stürzen, während der Nächste an meiner Seite darbt und dahinvegetiert.”

Sybille verstummt. Woher habe ich nur den Mut genommen, ihm das alles zu sagen? Seltsam, sonst bin ich schüchtern und unsicher, aber heute ist mir das alles über die Lippen gesprudelt. Sie erkennt in diesem Augenblick, dass sie hinreissend und begeisterungsfähig reden kann, wenn es gilt, für eine gute Sache einzutreten und eine weniger gute Sache scharf an den Pranger zu stellen.

Natürlich sind bei der eben geführten Unterhaltung einige Kollegen aufmerksam geworden und sehen erstaunt zu Sybille hinüber. Lilo meint zu ihren Kolleginnen: “Ich glaube, die Keller ist beschwipst. Die redet, als ob sie den Dickmann überreden will, sie zu heiraten, ha, ha,sie ist verrückt, verschroben und verrückt.”

Am nächsten Tag sitzt der Baron nicht an seinem Arbeitsplatz. Am übernächsten ist sein Platz immer noch leer und am dritten Tag sagt es einer dem anderen in der Abteilung B I und in allen anderen Abteilungen, dass Herr Dickmann eines Morgens im Stadtpark auf einer Bank liegend erfroren gefunden wurde, das rote Halstuch zu seinem Cowboy-Anzug war mit seiner Krawatten-Brillanten-Nadel zusammengehalten.

Lilo hat nach einigen Wochen einen anderen, mit dem sie abends ausgeht.



Im Büro müssen Sonderaufstellungen bis zu einem bestimmten Termin fertig sein. Sybille muss deshalb Überstunden machen. Müde und abgespannt kommt sie erst abends gegen 10 Uhr nach Hause. Frau Lehmann sieht zwar, dass das Mädchen abgespannt und bleich aussieht, doch kann sie nicht begreifen, dass Kontorarbeit anstrengend sein kann.

“Was arbeitet ihr Dämchen denn schon”, ist ihre stetige Redensart, die für Sybille schon so abgegriffen ist, dass sie schon nicht mehr hinhört.

“Kann das schon anstrengend sein, so ein bisschen schreiben und rechnen. Ihr steht ja doch die meiste Zeit herum, um Euch zu unterhalten. Da habe ich früher mehr leisten müssen, als ich bei meiner Herrschaft als erste Köchin tätig war.”

Frau Lehmann betont das Wort “erste Köchin” besonders mit Nachdruck. Sie ist noch heute, nach zwanzig Ehejahren, besonders stolz darauf, dass sie nicht einfaches Stubenmädchen gewesen ist. Ja, Frau Lehmann hält viel auf sich und auf ihr Christentum. Sie ist ja auch eine besonders gute Christin, weil sie ja ein Waisenkind in ihr Haus aufgenommen hat. Aber wehe, wenn Sybille mal den Wunsch nach einem neuen Kleid oder einer neuen Bluse äussert.

“Deine Kleider sind noch alle gut, werde ja nicht so hochmütig. Dein ganzes Geld, das Du verdienst, geht doch schon für’s Essen drauf und dann muss sich ja noch Deine Wäsche waschen.” So sind ihre ständigen Redensarten.

“Ja, aber”, wendet Sybille ein, andere Mütter waschen doch auch für ihre Töchter, die stellen es ihnen aber nicht extra in Rechnung.” Sie kommt mit diesem Einwand nicht weiter, denn Frau Lehmann schreit nun ganz laut und zornig: “Wenn Du so reden willst, dann geh, suche Dir ein möbliertes Zimmer, Du undankbares Geschöpf Du! Wie bist Du denn zu uns ins Haus gekommen, he?!
Hast kein ganzes Hemd am Leib gehabt, und jetzt, da Du aus dem Dreck heraus bist, jetzt willst Du Ansprüche stellen!”

Sie fuchtelt wild mit den Armen herum, dass Sybille glaubt, jeden Augenblick ihre Faust im Gesicht zu spüren.

Sybille beisst die Zähne zusammen. Oh Gott, denkt sie, kann ich etwas dafür, dass mir Tante Katharina kein ganzes Hemd angezogen hat, damals, als Lehmanns mich holten? Ach, Frau Lehmann ist so gemein und ordinär, sie sagt anstatt “am Leib” noch etwas viel Hässlicheres. Hätte Sybille ihr eigenes Zimmer, würde sie sich einschließen und ihren Tränen freien Lauf lassen. Doch wozu braucht sie nach Lehmanns Meinung ein eigenes Zimmer, das wäre ja luxuriös. Aber jeden Monat ein neues Kleid, das kann Frau Lehmann sich leisten. Wenn sie von ihrer Schneiderin kommt, probiert sie das Kleid oder Kostüm noch einmal zu Hause an, stellt sich vor den Spiegel, dreht sich selbstgefällig hin und her: “Sieh mal, Sybille, wie vornehm ich aussehe, wie eine Lehrersfrau.”

Wenn Sybille mal in den Spiegel schaut, heisst es sofort: “Sei nicht so eitel! Weisst Du nicht, dass der Teufel dahinter steht?!”

Manchmal hat das Mädchen eine große Wut auf Frau Lehmann. Mit ihrem Christentum nach aussen hin glänzen, das ist für diese Frau alles. Wenn Sybille sich die Nägel säubert, fängt auch Herr Lehmann an zu sticheln: “Du hochmütiger eitler Fratz, Du!”
Drum geht Sybille stets auf die Toilette, um sich heimlich die Nägel sauber zu machen.
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