Teil 7. Das Mädchen Sybille. Eine Erzählung in Fortsetzungen von Mathilde Marré

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Oft zankt sich das Ehepaar Lehmann. Der Mann ist leicht jähzornig. Frau Lehmann reizt ihn oft mit schnippischen Widerreden, bis er aus der Haut fährt.

An einem Sonntag ist’s. Den ganzen Vormittag haben die Lehmanns nicht miteinander gesprochen. Mittags, kurz nach dem Essen, bricht das Gewitter los. Sybille weiss nicht recht, wie es kommt, wer zuerst den Anlass gibt, jedenfalls schreit Herr Lehmann seiner Frau ins Gesicht: “Los, gib Geld her, ich bleibe nicht länger hier im Hause, los, gib Geld her!”

Er hat seinen Mantel schon angezogen und dabei voller Wut den Kleiderbügel zerbrochen.

“Geh Du nur”, schreit Frau Lehmann. “Ich habe ja das Mädchen, das für mich sorgen wird, geh nur, ich brauche Dich nicht. Dort oben auf der Leiste im Kleiderschrank, da steht die Sparbüchse, da kannst Du das Geld herausnehmen!”

Sybille ist stummer Zeuge dieser dramatischen Auseinandersetzung. Als sie sieht, wie Herr Lehmann den Kleiderbügel entzweibricht, da sagt sie ganz ruhig: “Wenn dich jetzt die Brüder in der Bibelstunde sehen würden, welch ein Tyrann Du hier zu Hause bist, dann ...”.

Sie kommt nicht weiter, Herr Lehmann hat die Faust erhoben, um sie auf ihren Kopf niederfallen zu lassen, da springt Frau Lehmann dazwischen: “Das Mädchen rührst Du mir nicht an!”

Sybille kann es nicht mehr aushalten. Sie zieht sich den Mantel an und geht in den nahegelegenen Park. Oh Gott, stöhnt sie, warum vertragen die beiden sich nicht? Oh, ich kann in dieser von pharisäischer Heuchelei durchtränkten Luft in Lehmanns Hause bald nicht mehr atmen, ich meine, ich müsste darin ersticken. Nein, ich bin bei ihnen nicht glücklich. Viele Leute meinen es zwar. Sie sind beide Heuchler, das fühl‘ ich deutlich.

Andere Mädchen in meinem Alter haben eine Freundin, der man das Herz ausschütten kann. Begleite ich Lehmanns nicht immer auf Schritt und Tritt, werfen sie mir finstere Blicke zu, dass mir das Essen nicht mehr schmeckt, das sie mir schweigend darreichen. Ein wenig Freundlichkeit brauch ich doch wie die Luft zum Atmen. Damit sie einigermaßen freundlich zu mir sind, will ich gerne sonntags mit ihnen zur Bibelstunde gehen. Ich höre ja auch gerne, wenn die Heilige Schrift ausgelegt wird, aber manchmal möchte ich doch mit einer Freundin zusammen sein, mit ihr ein gutes Buch lesen und darüber sprechen, mit ihr Spazierengehen. Ach, hätte ich doch einen jungen Menschen, der mich verstehen könnte. Mein Gott, wie glücklich müssen doch die jungen Mädchen sein, die mit ihren Eltern lachen und scherzen und singen können. Mit meinen Geschwistern lassen sie mich nicht verkehren, die Lehmanns.
Sybille wird von einer großen Sehnsucht nach ihren Geschwistern gepackt, nun erfährt sie, wie stark Blutsbande sein können.

Sei still, Sybille, hört sie sich selber trösten, sein froh, dass Du nicht im Waisenhaus bist, sei froh, dass Du gesund bist, sei froh, dass Du einen Beruf hast. Einmal wird auch für Dich die Sonne scheinen, hörst Du, Sybille, heb‘ den Kopf hoch, fass Mut und verzage nicht!”

Mittlerweile hat sie den ganzen Park durchquert, nun ist ihr nicht mehr so eng auf der Brust. Ja, die Welt sieht nicht mehr zu traurig aus. Es steht sogar ein kleines Lächeln in ihrem Antlitz, als sie abends Lehmanns Haus betritt.

Herr Lehmann ist nicht von seiner Frau fortgegangen, er sitzt am Ofen, den Kopf in die Hand gestützt. Sybille hat ihren Pflegevater noch nie mit einem Buch in der Hand gesehen. Stundenlang sitzt er oft am Ofen, dabei unentwegt vor sich hin brütend. Frau Lehmann hat in der Küche die Pfanne auf den Herd gestellt. Es gibt Rührei zum Abendbrot. Als sie die Pfanne vom Feuer nimmt, kippt diese um, und das Rührei landet auf Herrn Lehmanns Knie. Wütend springt er auf, brummelt etwas zwischen den Zähnen und verschwindet ins Schlafzimmer. Die Frau und das Mädchen essen schweigend. Danach räumt Sybille den Tisch ab, wäscht das Geschirr und geht mit einem “Gute-Nacht” ins Bett.


Heute ist Sybille überhaupt nicht bei der Sache. Zwar gibt es bei ihr keinen blauen Montag, wie das so oft bei den Kollegen und Kolleginnen der Fall ist. Auch ist sie heute vollkommen ausgeschlafen zum Dienst gegangen, der Kopf ist klar wie immer - und doch ist heute alles anders als sonst. Schon ein paarmal hat sie sich vertippt. Sie versucht, sich zusammenzureissen und sich ganz auf ihre Arbeit zu konzentrieren, doch immer wieder sieht sie vor sich das ernste ruhige Antlitz des jungen Mannes mit den schmalen Schultern.

Gestern, am Sonntagnachmittag, hatten Lehmanns Bekannte diese zum Ernst-Moritz-Arndt-Haus eingeladen, wo der Singekreis, dem die Bekannten angehören, sein Jahresfest feierte. Sybille war natürlich brav mitgegangen, sogar gern, denn überall dort, wo gesungen wird, fühlt sie sich ungemein wohl. Im Saal waren lange Tische aufgestellt, es wurde Kaffee und Kuchen verabreicht. Sybille saß mit Lehmanns ganz an der Wand, so dass sie gut den großen Saal überschauen konnte. Vorn am grünen Tisch saßen der Vorstand des feiernden Singekreises und die Dirigenten der zu Gast geladenen Chöre.


Der junge Mann, dessen Bild Sybille heute immer wieder vor sich hat, saß auch am Vorstandstisch. Er leitete einen kleinen Chor. Sybille ertappte sich oft dabei, dass sie immer wieder zum Vorstandstisch hinübersah. Sie wollte das nicht, aber es war nun mal so. Als sie wieder verstohlen und möglichst unauffällig zu dem jungen Dirigenten hinübersah, blickte er ihr voll ins Gesicht. Sie schauten sich eine Weile an, Sybille wurde sehr rot dabei. Am Schluss der Feier, beim Verlassen des Saales, stand er an der Tür, und als Sybille den Blick hob, um heimlich zu sehen, mit wem er sprach, da trafen sich wieder kurz ihre Blicke.
Hoffentlich haben die Lehmanns nichts bemerkt, dachte das Mädchen.


In den nächsten Tagen geht Sybille wie im Traum daher, ihre Gedanken schweifen immer wieder zu dem stillen ernsten Gesicht zurück, es ist dabei ein versonnener Zug um ihren Mund. Manchmal fragt Frau Lehmann erstaunt, warum sie denn lächele. Dann fährt sie beinahe erschrocken auf, aber im nächsten Augenblick hat sie sich gefangen, und sie fragt harmlos: “Ja, hab ich das? Ach, ich musste gerade an den ulkigen Kollegen Schröder in unserer Abteilung denken.”

Sybille ist selbst erstaunt, wie scheinbar gleichgültig sie das sagen kann. Ein Glück, dass Frau Lehmann nicht die Röte in ihrem Gesicht sehen kann, weil das Mädchen sich bückt, um ein winziges Staubflüschen vom Boden zu nehmen.


Herr Brinkmann, der jeden Sonntagnachmittag um 15 Uhr im Gemeindesaal die Bibelstunde leitet, ist bei Lehmanns zu Besuch. Sybille mag diesen humorvollen Hunsrücker, der ein entschiedener Christ ist, dabei immer fröhlich. Sie spürt, das er ein Herz und viel Verständnis für junge Menschen hat. Herr Brinkmann erzählt dem jungen Mädchen, dass er Stimmen für einen Singekreis werben will und lädt es herzlich ein, mitzumachen.


“Ich habe da einen jungen Mann willig gemacht, der mit uns die Lieder einüben will, ein netter Mann”, fährt Herr Brinkmann fort, und bei diesen seinen Worten macht Sybilles Herz unwillkürlich einen Hüpfer, sie weiss plötzlich ganz sicher, dass das der junge Mann ist, an den sie seit Wochen jeden Tag und jede Minute denken muss. Eine Stimme in ihr sagt, dass sie sich doch nichts einbilden soll, sie sei wohl übergeschnappt, doch die andere jubelt: Das ist er, das ist er!


Sie kann den Abend kaum erwarten, da der Singekreis zum erstenmal zusammenkommen soll. Eine halbe Stunde vor Beginn ist Sybille schon da und unterhält sich scheinbar gleichgültig mit anderen Frauen und Mädchen. Als dann kurz vor zwanzig Uhr die Tür zum Saal aufgeht und ein großer junger Mann mit schmalen Schultern eintritt, zuerst ein wenig schüchtern, da steigt wieder eine flammende Röte in Sybilles Gesicht, und sie möchte am liebsten davonrennen.

Herr Brinkmann stellt den Dirigenten vor. Michael Thomas heisst er also. Herr Thomas gibt jedem einzelnen die Hand, sagt jedem ein paar nette Worte. Bevor sie anfangen zu singen, spricht Herr Thomas ein freies kurzes Gebet.

Während Herr Thomas mit den Tenorstimmen übt, schwatzen ein paar Mädchen etwas zu laut. Er schaut sie ruhig an und bittet sie, doch ein wenig leiser zu sein, da das doch ungemein störe.
Sybille bedauert, als die erste Übungsstunde um ist. Sie könnte Stunde um Stunde singen und dabei die ruhige Stimme des Herrn Thomas hören.




Im Singekreis ist Hannelore Gerlow, ein frisches junges Mädchen aus Berlin. Erst vor einigen Monaten ist es mit seinen Eltern nach hier gezogen. Sybille freundet sich mit Hannelore an. Sonntags gehen sie zuweilen spazieren, manchmal trinkt sie bei Hannelores Eltern Kaffee. Lehmanns setzen mürrische Miene auf, weil Sybille nicht mehr so oft mit ihnen ausgeht. Hannelores Eltern sind lustige Leute und haben gern junge Menschen um sich, mit denen sie lachen und scherzen. Hannelore hat einen Bruder, Friedrich, der sonntags seine Freunde aus dem Jugendkreis einlädt. Dann bringen sie ihre Gitarren mit, und es wird gesungen, dass es eine Lust ist.


Für einen Sonntagnachmittag hat Frau Gerlow auch Sybilles Pflegeeltern zu sich eingeladen, zu Kaffee und Kuchen. Widerstrebend haben Lehmanns zugesagt. Im Nebenzimmer sitzen die jungen Leute. Gerade singen sie das Lied “Schon wieder blühet die Linde”. Sybille hat eine gute klare Sopranstimme, und begeistert und beschwingt singt sie mit. Da steckt gerade Frau Lehmann den Kopf in die Zimmertür. Sybille kann plötzlich nicht mehr weiter singen, es ist, als ob ihr ein Kloß im Hals säße. Frau Lehmann hat ihr einen Blick zugeworfen, der Unheil verkündet. Während die andern froh und unbeschwert weitersingen, schweigt das Mädchen. Mit Angst denkt es daran, wenn es gleich mit Lehmanns nach Hause gehen wird. Ihre Vermutung bestätigt sich bald darauf.


Nachdem Lehmanns sich scheinheilig freundlich von den Gastgebern verabschiedet haben, hört Sybille auf dem ganzen Nachhauseweg hässliches Schimpfen ihrer Pflegemutter.

“So eine Pflanze haben wir aufgezogen! Ich hätte Dir bei dem Tralala am liebsten eine herunterhauen mögen. Weisst Du nicht, dass es in Gottes Augen Sünde ist, wenn man so ungeniert und ordinär Tralala singt?
Nein, überhaupt sooo ausgelassen zu sein, das hätte ich Dir nicht zugetraut. Nun hab’ ich es ja mit eigenen Ohren gehört, wie das bei Euch zugeht. Ist das die Frucht meiner christlichen Erziehung?! Die Gerlows wollen so christlich sein, ha, davon hab ich wenig gespürt. Da brauchst Du mir in Zukunft nicht mehr hinzugehen, das sag ich Dir!”

Herr Lehmann ist bemüht, seine empörte Frau zu beruhigen. “Komm, reg’ Dich nicht auf” und mit einer Kopfbewegung zu Sybille hin: “Sie wird schon sehen, wie weit sie in solcher Gesellschaft kommt.”

Sybille schweigt still. Sie ist unendlich traurig. Wie verbohrt die beiden doch sind, denkt sie. Fröhlichsein und Singen schöner Volkslieder ist in ihren Augen Sünde, denkt sie bitter. Doch dann freut sie sich unbändig auf den morgigen Singeabend, und eine große Freude zieht in ihr Herz ein.
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Erich Marré, M.A. aus Essen-Ruhr | 07.05.2015 | 11:14  
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