Teil 8. Das Mädchen Sybille. Eine Erzählung in Fortsetzungen von Mathilde Marré

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In einigen Wochen ist Betriebsfeier. Da bringen die Kollegen ihre Damen mit. Sybille ist ein wenig neugierig zu sehen, welche Frau dieser oder jener Kollege haben mag. Sie möchte sie gern für diesen Abend ein neues Kleid haben.

“Was Du für Ansprüche stellst”, fährt Frau Lehmann hoch, als Sybille schüchtern diesen Wunsch äussert.

“Wo denkst Du hin, woher soll ich denn das Geld nehmen?”

“Aber Mutti, ich verdiene doch ganz schön, sitzt denn nicht mal ein neues Kleid für mich daran?”

“Ha, was Du verdienst, verbrauchst Du ja restlos. Du hast ja keine Ahnung, wie teuer das Leben ist.”

“Ich kann mir nicht denken, dass alles, was ich verdiene, restlos fürs Essen verbraucht wird”, wendet Sybille ein.

Da wird Frau Lehmann wild. Ihr Gesicht ist vor Wut verzerrt.

”Was sind das für freche Redensarten. Ist das der Dank für meine Arbeit all die Jahre hindurch? Nun bist Du ja aus dem Dreck heraus, Du Hochmütige! Dass ich für für Dich waschen muss, daran denkst Du natürlich nicht!”

“Ja aber, andere Mütter waschen doch auch für ihre Töchter, ohne es ihnen in Rechnung zu stellen. Ich mache Dir einen Vorschlag: Ich gebe Dir monatlich soundsoviel fürs Essen, soundsoviel für die Wäsche, und von dem Rest werde ich hin und wieder meine Garderobe ergänzen. Ich möchte ja auch sehr gern etwas sparen”.

Sybille kommt mit ihren Erläuterungen nicht weiter. Frau Lehmann weist mit der Hand zur Tür: “Hinaus mit Dir, hinaus! Einen Kostgänger habe ich nicht großgezogen! Suche Dir ein Zimmer, aber ich sage Dir, unter die Räder kommst Du, verrecken wirst Du, jawohl!” ...

Sybille ist kalkweiss im Gesicht. Sie presst die Lippen aufeinander. Mein Gott, wie bitter, dass ich keine richtige Mutter habe. Mit vielen Dingen, die einem so rätselhaft erscheinen, muss man allein fertig werden.

Warum denkt Frau Lehmann so schlecht von mir? In diesem Augenblick fallen ihr die Worte ihrer ehemaligen Schulkameradin Gisela ein: Meine Mutter ist meine beste Freundin.
Sybille weint fast die Nacht hindurch, weil ihr zum Bewusstsein kommt, mehr denn je, wie hart, ungerecht, unlogisch, brutal diese Frau Lehmann ist.

So muss Sybille denn auch zu dieser Betriebsfeier wieder den dunkelblauen Rock mit der cremefarbenen Seidenbluse, die sie schon 3 Jahre Sonntag für Sonntag trägt, anziehen.




Ach, war der Singeabend schön. Mit glückstrahlenden Augen und geröteten Wangen kommt Sybille nach Hause. In den nächstfolgenden Tagen ist sie besonders still und versonnen. Immer wieder muss sie an diesen Singeabend denken und - an Herrn Thomas. Was hatte er doch zu ihr gesagt?

“Sie waren schon längere Zeit nicht hier, Fräulein Sybille. Ich habe Ihre gute Sopranstimme sehr vermisst.”
Dabei hatte er sie länger als sonst angesehen, wenigstens schien es ihr so. Sie fühlte dabei eine heftige Röte bis zum Hals steigen. Hatte er wirklich nur ihre Stimme vermisst oder ...

Gerade hat Sybille sich vertippt und ausgerechnet bei diesem Brief, an dem nicht ein einziges Mal radiert werden darf. So spannt sie einen neuen Bogen ein und beginnt noch einmal, den Brief zu schreiben.

Hab gefälligst Deine Gedanken zusammen, Sybille Keller! Du sitzt hier im Büro, der Chef wartet auf den Brief, für Träumereien ist keine Zeit, so schilt sie sich selber.


... Es geht so eine große Ruhe von ihm aus, ich fühle mich ganz geborgen in seiner Nähe. Sei ganz ehrlich, Sybille, gehst Du wirklich nur des Singens wegen so gern zur Übungsstunde oder ...
Das Lichtzeichen für Sybille flammt auf. Sie muss sofort zum Chef.

“Ist der Brief fertig, Fräulein Keller?”

“Gleich, Herr Grote, ich muss noch den letzten Absatz schreiben.”

“Bitte, beeilen Sie sich.”

Bald atmet sie auf. Endlich ist Herr Grote mit dem eiligen Brief fort zur Sitzung. Schon sind die Gedanken wieder bei der letzten Übungsstunde.

Herr Thomas hatte an einem der Singeabende an alle Sänger und Sängerinnen die Frage gestellt, wann wohl der Mensch am schönsten sei. Sie sollten darüber nachdenken und in den nächsten Chorstunden darüber ihre Meinungen äussern.

Sybille hatte ihre Gedanken schriftlich niedergelegt. dass jeder Mensch das Bestreben hätte, schön auszusehen und dass viele Frauen und Mädchen zu kosmetischen Mitteln griffen, dass aber alles “eitel Haschen nach Wind” wäre. Der letzte Satz ihrer Ausführungen lautete: “Der Mensch ist dann am schönsten, wenn in seinem Antlitz sich die Seele Gottes, des unendlichen Gemüts und der grenzenlosen Liebe widerspiegelt.”

Was tat Herr Thomas in der letzten Chorstunde?

Er las Sybilles Ausführungen laut und deutlich vor, nannte dabei ihren Namen als Verfasserin. Dabei ärgerte sie sich, immer, wenn ihre Person Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit wurde, hätte sie in den Erdboden versinken mögen. Es schien ihr auch, als ob besonders die jüngeren Sängerinnen sie eigenartig ansähen.

Da klingelt das Telefon. Sie hebt den Hörer ab, und ihr Herz schlägt plötzlich ganz schnell. Herr Thomas fragt, ob er sie zum Wochenende einladen dürfe. Er möchte gern einen Waldspaziergang unternehmen, und da täte ja auch ihr die frische Waldluft gut, jetzt, nach den vielen Überstunden. Natürlich weiss sie schon, dass sie die Einladung annehmen wird, man darf sich das aber nicht sofort anmerken lassen. So sagt sie ihm betont gleichgültig, dass sie das nicht versprechen könne, wegen der umfangreichen und eiligen Arbeiten im Büro, ausserdem müsse sie zu Hause etwas putzen helfen. Es ist nur gut, dass Herr Thomas durch die Leitung nicht sehen kann, wie sie die Hand auf’s Herz presst und wie die Backen glühen.




Als Sybille ihrer Pflegemutter mitteilt, dass sie zum Wochenende mit Herrn Thomas spazierengehen wolle, ist diese sehr betroffen.

“Jetzt, da ich Dich großgezogen habe, fängst Du an, nach den Männern zu gucken. Undank ist der Welt Lohn.”

Sybille ist empört. Sie die sonst kaum eine Widerrede wagt, sie hat den Mut, ja sogar eine Lust dazu, sich zu verteidigen.

Das sei eine Beleidigung, dass sie nach Männern gucke, das wisse Frau Lehmann ganz genau, dass das nicht stimme, und bei diesen Worten ist sie nun erst recht fest entschlossen, das Wochenende mit Herrn Thomas zu verbringen und wenn ihre Pflegemutter toben sollte. Sie fühlt sich zu Hause doch nicht wohl. Was darf sie denn überhaupt? Singen ist in Lehmanns Haus verboten, Musik im Radio ist “Sünde”. Was sie darf, das ist Lehmanns auf Schritt und Tritt begleiten.

Als der Sonnabend nachmittag kommt, geht Sybille wirklich mit Herrn Thomas aus. Sie streifen durch den Wald und Sybille stellt mit Bewunderung fest, dass Herr Thomas fast alle Baumarten und Sträucher kennt und auch den lateinischen Namen weiss. Wie wohl das tut, nach der Unrast und der Arbeit im Büro, nach dem Gekeife und Gezeter der Frau Lehmann zu Hause der ruhigen Stimme des Herrn Thomas zu lauschen, sein liebes, versonnenes Lächeln zu sehen und ihre Gedanken über jüngstes weltpolitisches Geschehen auszutauschen. Sie sprechen auch über Glaubensdinge und nehmen wahr, dass etwas Großes sie verbindet, nämlich der gemeinsame tiefe Glaube an den Herrn Christus. Das erfüllt die beiden jungen Menschen mit großer Freude, und in dieser Stunde fühlen sie deutlich, dass sie für’s ganze Leben zusammengehören.


“So eine Scheinheilige! Denkt Euch, ich traue meinen Augen nicht, als ich sie da sitzen sehe. Und geduzt haben sie sich auch schon. Hätte Anneliese mir nur ein Wörtchen davon gesagt, dass ihr Bruder mit dieser Sybille Keller geht, glaubt Ihr, ich hätte sie am zweiten Weihnachtstag besucht?”

“Na warte, wir werden es diesem Herrn Thomas schon zeigen”, meldet sich Brigitte, die mit ihren fünfzehn Jahren unsterblich in Michael Thomas verliebt ist.

“Wir gehen einfach nicht mehr zum Singeabend. Soll er doch sehen, wie er ohne unsere Stimmen auskommt.”

Da stehen sie nun, die beiden Mädchen aus Michaels Chor und schmieden Rachepläne gegen Sybille und ihn. Am gehässigsten ist Friedlinde, die Freundin der Anneliese Thomas, Michaels ältester Schwester. Eben hat sie Brigitte getroffen, und nun mühen sie sich, alles erdenklich Schlechte von Sybille zu erfinden.

Eben kommt Hannelore Gerlow, Sybilles Freundin, um die Ecke geradelt. Als sie die Mädchen sieht, springt sie ab und ist im nächsten Augenblick erstaunt, wie feindselig sie betrachtet wird.

He, Ihr Madonnen, was habt Ihr, warum starrt Ihr mich so finster an?”, redet sie die beiden in ihrer lustigen Berliner Art an.

“Du bist genauso scheinheilig wie Deine nette Freundin Sybille “, gibt ihr Brigitte spitz zur Antwort.
“Tu nicht so harmlos, Ihr steckt ja doch unter einer Decke”, ereifert sich Friedlinde.
“Aber ich habe mir ja niemals etwas aus dem schüchternen Jüngling gemacht. Ich sage Euch, der hat es faustdick hinter den Ohren. Na ja, die Keller hat es fabelhaft verstanden, ihn zu umgarnen. Haha, Frau Thomas wird ihr Söhnchen nicht so schnell abgeben, das versichere ich Euch. Der Michael hat schon mal ein Mädchen nach Hause gebracht, ich meine, sie seinen Eltern vorgestellt. Was meint Ihr, die stolze Mama hat so lange aus purer Eifersucht gebohrt, bis Michael mit dem Mädel Schluss gemacht hat. Jawohl, ich bin genau informiert. Die Anneliese kann Euch das alles bestätigen.”

“So, das ist also Euer Kummer, Ihr giftigen Kröten.”
Hannelore ist nicht auf den Mund gefallen. Sie weiss, dass die beiden vor Eifersucht fast platzen.

Ihr sollt Euch gewaltig schämen, Sybille so in den Schmutz zu ziehen. Was hat sie Euch denn angetan? Ist es etwa ein Verbrechen, wenn ein heiratsfähiges junges Mädchen einen jungen Mann gern hat? Es ist nun Euer Pech, dass der Freund ausgerechnet Herr Thomas ist. Ich kann unserem Chorleiter zu seiner Wahl nur beglückwünschen. Die Sybille ist Euch hundertmal überlegen, Ihr eifersüchtigen Gänse!”

Sie schwingt sich auf’s Rad und fährt davon.


“Weisst Du was, Sybille “, sagt Michael eines Tages, als er sie nach der Chorstunde nach Hause bringt.

“Willst Du nicht einmal die Friedlinde in ihrer Wohnung aufsuchen und sie freundlich bitten, doch wieder zum Chor zu kommen. Ihre Altstimme fehlt mir doch sehr, sie hat eben eine führende Stimme. Du wirst sehen, wenn Du Dich mit ihr aussprichst, wird sie ihre Torheit einsehen und im Chor wieder mitmachen.”

Sybille verbirgt ihre Verwunderung. I c h , denkt sie? Ist das nicht Michaels Aufgabe, ihr gründlich die Meinung zu sagen, weil sie mich überall schlecht gemacht hat?

Doch schnell verscheucht sie diese Gedanken. Was Michael meint, ist doch immer richtig. Sybille ist nicht nachtragend und nicht unversöhnlich, und so fällt es ihr auch gar nicht schwer, zu sagen: “Gut, ich will zu ihr hingehen, es ist ja auch wirklich schade um die schöne Altstimme.”

So macht sie sich am nächsten Sonntagmorgen auf den Weg. Da steht sie nun vor der Korridortür bei Friedlindes Eltern und ein wenig zaghaft drückt sie auf die Klingel. Bald hört sie schlurfende Schritte. Als die Tür aufgeht und eine mürrisch aussehende ältere Frau sie fragend ansieht, nennt Sybille ihren Namen. Kaum hat sie den ausgesprochen, als die Tür mit lautem Krach zufliegt.

Oh Gott, denkt Sybille das war wohl ihre Mutter. Die hasst mich genauso wie die Tochter Das Mädchen schluckt. Tränen wollen kommen, doch tapfer unterdrückt es diese. Es wagt nicht, ein zweites Mal zu schellen. Während Sybille die Treppen hinuntergeht, denkt sie, wie wahr doch das Sprichwort ist: Wer liebt, muss leiden.

Die Friedlinde wird eines Tages ihren Groll vergessen und doch wieder zum Singeabend kommen, tröstet sie sich. Die Liebe zu ihrem Michael befähigt sie, auch diese Demütigung tapfer zu ertragen.

Sie ahnt nicht, dass jene Friedlinde in ihrem Hass und ihrer Eifersucht schon Michaels Mutter so weit beeinflusst hat, dass sie sich Sybille gegenüber äusserst unfreundlich, ja eisig zeigt, wenn Michael das Mädchen in sein Elternhaus eingeladen hat.

Sei nett zu meiner Mutter”, bittet er Sybille.
“Sie kann sich noch nicht damit abfinden, dass Du in mein Leben getreten bist und dass ausser ihr, der Mutter, noch jemand da ist, der mich liebt. Wir beide müssen stark sein, Sybille. Du wirst sehen, eines Tages wird ihre Eifersucht schwinden, und sie wird Dich an ihr Herz ziehen.”
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Erich Marré, M.A. aus Essen-Ruhr | 07.05.2015 | 11:16  
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