Teil 9 - letzter Teil - Das Mädchen Sybille. Eine Erzählung in Fortsetzungen von Mathilde Marré

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Sybille schaut zur Uhr. Heute ist Sonnabend, und gleich um dreizehn Uhr ist Feierabend. Froh und beschwingt räumt sie ihre Arbeit fort. Sie weiss, dort unten vor der Pforte steht Michael.
Gleich werden sie gemeinsam planen, was sie mit dem Wochenende beginnen werden. Sorgfältig schliesst sie den Schreibtisch ab und fährt mit dem Paternoster zum Erdgeschoss.

Richtig, da steht er, und ihr Herz hüpft. Schnellen Schrittes ist sie bei ihm angelangt. Munter erzählt Sybille von ihren Erlebnissen am Vormittag. Doch bald fällt ihr auf, dass Michael bedrückt und still ist. Bald kommt es zögernd über seine Lippen, dass er leider am heutigen Samstagnachmittag nicht mit ihr zusammen sein könne, da seine Mutter ihn gebeten habe, mit ihr zum Friedhof zu gehen und das Grab der Großmutter herzurichten. Sie bestünde energisch darauf, dass er sie begleite.

“Ich habe eine Idee, Sybille.” Seine Miene erhellt sich. “Du könntest doch gut mitkommen, bring Frau Lehmann mit. Das ist übrigens eine gute Gelegenheit, dass beide Mütter sich näher kennenlernen. So brauchen wir beide uns nicht entbehren.”

Sie freuen sich, so eine Lösung gefunden zu haben.

Sybille muss ihre ganze Überredungskunst aufbringen, um Frau Lehmann zu einem Spaziergang zum Friedhof zu bewegen. Endlich stimmt diese zu, und zwei Stunden später sind sie bei Michaels Zuhause angelangt. Doch Michael scheint bedrückt zu sein, seine Mutter beachtet Frau Lehmann kaum, Sybille erst recht nicht. Nachdem sie die Wohnungstür abgeschlossen hat, nimmt sie den Arm ihres Sohnes, und auf dem weiten Weg zum Friedhof hin weicht sie nicht von seiner Seite. Michael wagt nicht, ihren Arm loszulassen, um sich zu Sybille zu gesellen. Fast schweigend gehen die beiden Gruppen dahin.

Frau Lehmann kocht bald vor Wut. Sybilles Herz ist so weh. Michael macht ein solch unglückliches Gesicht, dass Sybille am liebsten losheulen möchte, besonders dann, wenn er ihr einen hilfesuchenden Blick zuwirft.

Am Abend, als Sybille wieder mit ihrer Pflegemutter zu Hause angelangt ist, muss das Mädchen allerlei Vorwürfe über sich ergehen lassen, weil Frau Lehmann sich so hat demütigen lassen müssen, obwohl sie älter sei als Frau Thomas.




“Also Mutter, wir haben unseren Hochzeitstag nun endgültig festgelegt.”

Frau Thomas zieht die rechte Augenbraue hoch und sieht ihren Sohn verwundert an.

“Wieso wir? Mit mir hast Du nicht über den Termin Eurer Heirat gesprochen. Ist ja nicht mehr nötig, Deine Mutter wird ja jetzt doch in die Ecke gestellt. Dafür hat man all die Jahre hindurch für den Jungen Opfer gebracht.”

Bei diesen Worten marschiert ihre über zwei Zentner schwere Gestalt geschäftiger als nötig zwischen Herd und Abwaschbecken in der Küche hin und her, mit hochrotem Kopf, wie immer, wenn sie sehr erregt ist.

Michael sieht seine Mutter bittend an.

“Aber liebe Mutter, Du musst doch einsehen, dass ich meine Füße nicht für immer unter den elterlichen Tisch stecken kann. Ich bin jetzt dreissig Jahre alt, da ist es an der Zeit, an die Gründung einer eigenen Familie zu denken.”


Frau Thomas hält in ihrer Wanderung zwischen Herd und Spülbecken erschöpft inne, lässt sich stöhnend auf einen Stuhl fallen und drückt die Hand auf’s Herz.

“Oh Gott, ist das schwer, Dich an eine andere abzutreten”, entschlüpft es bitter ihrem Mund. Michael steht vor ihr und ergreift ihre Hände.

“Mutter, Du bekommst doch eine Tochter hinzu, Deine Kinderschar wird größer, und ausserdem werden wir ganz in Deiner Nähe wohnen, so dass ich Dich jeden Tag besuchen kann. Mach es Dir und mir nicht so schwer, Mutter! Ich werde Dich immer als meine Mutter ehren und lieben, daran ändert nichts meine Heirat mit Sybille. Sie steht ohnehin ohne richtige Mutterliebe da. Ich habe Dir von den nervenzermürbenden Reibereien erzählt, die sie mit Lehmanns auszustehen hat. Bitte Mutter, ich flehe Dich an, bring ihr doch ein wenig Liebe entgegen, mir zuliebe!
Wie war es denn, als Vater Dich heiratete? Hat Deine Mutter ihm auch solche Schwierigkeiten bereitet und Dich auch so gequält?”

Frau Thomas ist still und nachdenklich geworden.

“Hab Geduld mit mir, mein Junge. Eins musst Du mir versprechen: Lasst Euch nicht in der Kirche trauen. Für mich wird es ein Tränentag werden. und ich könnte es nicht ertragen, wenn in der Kirche mich die Leute mitleidig anstarren würden. Ausserdem, wir haben Krieg, da ist eine Kriegstrauung im Hause wohl angebracht.”
“Gut, wenn Du es wünschest, wollen wir es so halten. Ich denke, Sybille wird auch damit einverstanden sein.”




Mit Lehmanns hat Sybille ihre liebe Not, da sie nun wissen, dass die Hochzeit im November stattfindet, Täglich hört sie von ihnen das Klagelied: Hätten wir das gewusst, dass wir im Alter doch allein dastehen würden, hätten wir uns kein Kind angenommen. Auf Sybilles Frage, ob Frau Lehmann mitginge, den Stoff für’s Brautkleid auszusuchen, erwidert sie mürrisch, dass sie Zahnschmerzen habe, da müsse Sybille schon allein gehen. Aber sie hatte sich doch herabgelassen, dem Mädchen zu raten, es müsse sich unbedingt in Weiss trauen lassen, auch bei einer Kriegstrauung im Hause.

So macht sich Sybille eines Nachmittags auf den Weg zum Warenhaus, um besagten Stoff zu kaufen, Die Verkäuferin bedient sie sehr freundlich. Doch glaubt Sybille, in deren Augen ein Fragen und Raten wahrzunehmen, als sie ihr einige Schleier zur Auswahl vorlegen will, was Sybille dankend ablehnt mit den Worten: “Für eine Haustrauung finde ich einen Schleier überflüssig.” Mit dem inhaltsschweren Paket verlässt Sybille das Kaufhaus, und sogleich fährt es ihr durch den Sinn: Das musst du Michael zeigen. Wird er sich freuen!

Ein wenig später steht sie vor seinem Elternhaus und drückt auf die Klingel. Klopfenden Herzens steigt sie die Treppe zur Wohnung empor. Ob Michael schon zu Hause ist?
Frau Thomas führt Sybille in die Küche, wo Tante Luise, eine Schwester der Frau Thomas am Fenster sitzt und gerade Kartoffeln schält. Da tritt auch schon Michael aus seinem Zimmer in die Küche.

Freudig, mit geröteten Wangen, öffnet Sybille das Paket, um es ihm zu zeigen. Kaum hat er einen scheuen Blick darauf geworfen, da entrüstet sich seine Mutter: “Es ist kaum zu glauben! Ein Unterkleid aus Taft und als Oberkleid ein Spitzenstoff. Du bist nicht ganz gescheit, so was Teures für eine Kriegstrauung zu kaufen. Ich habe es als selbstverständlich angesehen, dass Du Dir ein dunkelblaues Kleid zu diesem Zwecke leihen würdest und nun so etwas. Aber mich fragen, das hattest Du ja nicht nötig. Ihr unerfahrenen Gören wollt ja so weise sein und alles besser wissen als eine alte erfahrene Frau.”

Ihr Gesicht ist stark gerötet, und aus den großen braunen Augen blitzt es.
“Du willst gläubig sein und dann kaufst Du Dir solch einen Spitzenstoff.”

Michael steht an dem breiten Buffet und hat während dieses Zornesausbruches den Kopf auf den Boden gesenkt. Er räuspert sich ein wenig, und obwohl ihn Sybille hilfesuchend anschaut, schweigt er. Tante Luise guckt eifrig schälend auf die Kartoffeln.
Sybille sitzt wie ein Häufchen Elend auf dem Küchenstuhl, auf dem Schoß das geöffnete Paket mit dem Stoff. Da kullern nur so die Tränen aus den Augen, es ist ein stilles lautloses Weinen. Wie verlassen sich Sybille in diesem Augenblick vorkommt. Da kommt es aus der Tiefe ihrer Brust, die Lippen formen es ganz von selbst: “Ach Mutter, vor Dir geht eine solche Kälte aus, dass ich in Deiner Nähe friere.” Sie erschrickt selber.

Hat sie das wirklich gesagt?

Frau Thomas bleibt vor Staunen der Mund offen, Tante Luise vergisst einen Augenblick das Kartoffelschälen, von Michael ist nur ein leises hilfloses Räuspern wahrzunehmen. Mechanisch packt das Mädchen ihr Paket zusammen, die Tränen rinnen und rinnen. Sie steht auf und geht in die Diele. Michael steht mit unglücklichem Gesicht hinter ihr und hilft ihr schweigend in den Mantel.


Auf dem Wege zu Lehmanns wird zwischen den beiden nicht viel geredet, beiden ist das Herz schwer. Endlich bricht aus Sybille die bange Frage hervor: ”Wie soll das weitergehen, Michael? Ich glaube, ich habe noch
allerlei Schweres vor mir, ich habe Angst. Warum ist Deine Mutter so grausam zu mir?”
Michael drückt Sybilles Hand. “Hab nur Mut, Sybille, es wird noch alles gut werden. Wenn wir erst einmal verheiratet sind, wird Mutter sich umstellen, sie hat doch sonst ein gutes Herz.
Eines Tages wird die Eifersucht bei ihr verschwinden, und dann wird alles gut sein, glaubst Du es, Sybille?”

“Ja, Michael, es muss alles wieder gut werden, Meine Augen nehmen zwar jetzt noch nicht die Sonne wahr, doch sehe ich sie mit meinem Herzen. Komm, wir wollen wieder ein frohes Gesicht machen, sonst meinen Bekannte, die uns evtl. begegnen könnten, wir beide hätten uns gezankt.”

Darüber müssen sie beide lachen, und während sie frohgemut ausschreiten, summt Sybille: ”Nun aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt, wir gehn an unseres Meisters Hand und unser Herr geht mit.”

Sybilles Zuversicht und Mut hat sich vollends auf ihn übertragen, und dankbar drückt er ihr die Hand.

Die untergehende Abendsonne bricht unvermutet aus dunklem Gewölk hervor und überschüttet die beiden Dahinschreitenden mit warmem verklärenden Glanz.


ENDE
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1 Kommentar
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Uwe Kirchberg aus Duisburg | 19.06.2015 | 17:27  
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