Anders sein? Normal! Projekttag an der Hinsbeckschule sensibilisiert Kids für ein Leben mit Handicap

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Gar nicht so einfach: Beim „Mensch ärgere dich nicht“ für Blinde ersetzen die Hände die Augen.
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Die Mädchen und Jungen sausen durch die Turnhalle an der Schwermannstraße. Mit Rollstühlen. Ein Kind schiebt, das andere sitzt. Geradeaus fahren klappt super, macht Spaß. Doch dann kommt das Hindernis „Bordsteinkante“ in Form einer dicken blauen Turnmatte. Gar nicht so einfach, den Rolli darüber zu hieven. Wie fühlt es sich an, nicht laufen zu können, im Rollstuhl zu sitzen, blind zu sein oder taub? Die Hinsbeckschüler erleben dies heute hautnah.

„Ein ganz normaler Tag“ heißt die Schulaktion, die in das übergeordnete Projekt „Ich - Du - Wir - ein Team!“ an der Kupferdreher Grundschule integriert ist. Eine Woche lang erleben die Kinder Andersartigkeit und Gemeinsamkeit so bunt und vielfältig, wie diese eben in der Welt vorkommen. Sie erfahren Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung im Klettergarten der Elsa-Brändström-Realschule, sind ein Team bei der Stadtrallye. „Hintergrund unserer Projektwoche ist, dass es ganz normal ist, dass sich die Bedürfnisse und Fähigkeiten jedes einzelnen unterscheiden, dass man aber zusammen viel erreichen, Hindernisse überwinden und als Team agieren kann“, erklärt Sandra Burchgardt, Rektorin der Hinsbeckschule.
Heute steht nun „ein ganz normaler Tag“ auf dem Stundenplan der Kids. Normal für Menschen mit Handicap, wie es sie auch an der Kupferdreher Grundschule gibt. „Bei uns gehen auch Kinder mit sonderpädagogischem Bedarf zur Schule. Daher ist Andersartigkeit bei uns allgegenwärtig, die Kinder erleben sie als normal und spüren, er oder sie kann dieses oder jenes und andere Dinge eben nicht“, so Sandra Burchgardt. Auch eine Lehrerin im Rollstuhl gibt es an der Hinsbeckschule.
Sandra Burchgardt: „Auf eines unserer neuen Schulkinder mit Trisomie 21 reagierten einige Mitschüler aber irritiert: ‚Das sieht so anders aus‘“. So kam Dunja Wachtel, Sonderpädagogin an der Hinsbeckschule, auf die Idee für das Schulprojekt. „Um die Kinder noch mehr dafür zu sensibilisieren, dass Anderssein normal ist.“
Alle 195 Grundschüler durchlaufen an diesem „ganz normalen Tag“ in Klassenverbänden nacheinander insgesamt neun Stationen und machen dabei ihre eigenen Erfahrungen mit körperlichen Handicaps. Hinzu kommen verschiedene Tast- und Fühlübungen.

Lernen mit allen Sinnen


Im Klassenraum der Frösche berichtet Marco Reich von seinem Leben als stark Sehbehinderter. „Die Leute denken oft gar nicht darüber nach, wenn ich an ihnen vorbeigehe und sie nicht grüße. Ich sehe sie ja nicht“, erklärt der junge Mann, der an der Grundschule Burgaltendorf Englisch und Musik unterrichtet.
Eine Schülerin erzählt von ihren Erfahrungen beim Blinde-Kuh-Spielen: „Das ist schwierig, man weiß nie so richtig, wo man gerade ist.“ Marco Reich kennt dieses Gefühl - „besonders an Orten, an denen ich noch nie gewesen bin“. Bei der Orientierung hilft ihm sein Blindenstock, der eine Drehspitze hat, um mühelos über den Boden zu gleiten. „Der Stock soll immer nur einen Schritt voraus sein“, erläutert der junge Vater. Den richtigen Umgang mit dem Gerät habe er erst lernen müssen, ein Trainer habe ihm gezeigt, wie man es einsetzt. Wichtig seien auch die Hände, mit denen man durchaus „sehen“ könne. „Um zu erkennen, ob ein Hindernis eine Mauer oder eine Tür ist, muss ich es ertasten“, erklärt er.
Beim Thema Bewegen im Straßenverkehr haben die Kids einiges beizusteuern. Sie wissen, da gibt es solche „Pickelchen“ auf den Gehwegplatten für Blinde. „Und was hat es mit den Ampeln auf sich?“, fragt Marco Reich. Die Kinderhände schnellen in die Höhe. Aber Marco Reich kann das ja gar nicht sehen. „Sprecht einfach, wenn ihr etwas sagen möchtet“, bittet er die Schüler. Das klappt nicht durchgängig, die Kinder zeigen immer wieder auf, scheinen Reichs Einschränkung zu vergessen, so normal wie er auf sie alle wirkt.

Beifahrer auf dem "Blindentandem"


Auf dem Schulhof ist eine andere Schülergruppe gerade mitten bei der Übung „Blindentandem“. Günther Kraus, sehend, ist Mitglied im Blinden- und Sehbehindertenverein Langenfeld und seit zehn Jahren als Tandem-Pilot im Einsatz. „Meine Erfahrung ist zu 99% positiv“, erklärt er freudig. Bei seiner Übung geht es auch um Vertrauen: Sich „blind“ auf den Sitz eines Tandems zu begeben und sich dann vom Piloten in großen Runden über den Schulhof fahren zu lassen ist nicht ohne. Manche Kinder nehmen zunächst eine gebückte Körperhaltung ein, gewinnen dann an Sicherheit und richten sich auf.
Auf dem Klettergelände des Schulhofs ächzen die Sechs- bis Zehnjährigen über die Holzbalken. Das klappt heute nicht so schnell wie sonst. Die Kinder haben sich zuvor Gewichte an Arm- und Fußgelenke geschnallt, tragen schwergewichtige Westen. Bis zu 10 kg Ballast schleppen sie so mit sich herum. So fühlt man sich also als Übergewichtiger!
„Diese Übung war richtig schwer, ich habe immer noch das Gefühl, ich hätte die Gewichte angeschnallt“, berichtet Sina später. Auch das Rollstuhlfahren fand die Schülerin nicht eben einfach. „Das hätte ich vorher nicht gedacht.“ Wesal ist ganz begeistert von diesem „ganz normalen Tag“: „Am Anfang fand ich es komisch, ich wusste nicht so richtig, was auf mich zukommt. Aber es hat viel Spaß gemacht und wir haben viel gelernt!“

Hintergrund: "Ein ganz normaler Tag"

Organisiert wurde der „ganz normale Tag" an der Hinsbeckschule von der
E & B Weik-Stiftung aus Langenfeld.

Gründungsvater Berhard Weik will gesunde Menschen schon von Kindesbeinen an für die Bedürfnisse und Probleme von Menschen mit Behinderung sensibilisieren.

Auf die Idee zum „ganz normalen Tag“ kam Weik 2006 nach einer Begegnung mit dem Sprint-Sportler Heinrich Popow, der im Alter von acht Jahren sein linkes Bein verloren hat. „Das Schwerste waren die Hänseleien der Schulkameraden“, berichtete der siebenfache Paralympics-Medaillengewinner.

Zusammen mit Helfern wie Günther Kraus und Betroffenen wie Marco Reich, Tina Kuschel und Berhard Lüffe mit seiner Blindenhündin Betty sind die Hinsbeckschüler mit verbundenen Augen auf dem Radtandem mitgefahren, haben gelernt, als „Beinamputierte“ mit Gehhilfen umzugehen, sind mit dem Rollstuhl gefahren, als „Übergewichtige“ mit Gewichtswesten und -manschetten gelaufen und geklettert, haben als „Armamputierte“ Knoten mit den Füßen gebunden und sich als „Blinde“ mit dem Blindenstock vorwärts bewegt. Sie wurden mit dem Gehörlosen- und dem Braille-Alphabet bekannt gemacht, haben „Blinden-Mensch-ärgere-dich-nicht“ gespielt und erlebten hautnah, wie sich Menschen mit Handicaps in Alltagssituationen fühlen.
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