Die Medien und Tornados, die keine waren!

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Ein Sturm- oder Orkantief "Ela" hatte es nie gegeben. Auf dem Foto sieht man die Böenwalze kurz vor dem Downburst. Es gehört zu meinen gefährlichsten Bildern. Foto: Gottfried Czepluch
Die Unwettersaison läuft und kaum sieht man im Internet oder dem Fernseher folgenreiche Verwüstungen, ist die Antwort schnell gefunden. Es war ein Tornado! Viele Menschen denken sofort an die Bilder aus den USA und das Wort, oder besser formuliert Wetterphänomen "Tornado", ist auf Augenhöhe mit der Angst davor.
Eine weitaus häufigere Gefahr mit ebenbürtigen, ja teilweise noch schlimmeren Verwüstungen, ist die Fallböe. Hierzu hat der Dipl. Meteorologe Christian Herold vom Deutschen Wetterdienst eine glänzende Erklärung abgeliefert, die man hier unbedingt lesen sollte. Der Text folgt ab hier im Vollzitat:

Was ist eine Fallböe?

Die vergangenen Tage brachten in Deutschland zum Teil schwere
Gewitter. Während am Montag der Osten betroffen war, lag der
Gewitterschwerpunkt am Sonntag in der Westhälfte. Besonders betroffen
war eine Region von Ostwestfalen bis Hamburg. Die schwersten Schäden
traten dabei in Meißen bei Minden in Nordrhein-Westfalen auf.
Betrachtet man die immensen Schäden, so denkt man schnell an einen
Tornado, was auch so zunächst von den meisten Medien verbreitet
wurde. Doch ein weiteres Phänomen, das in Zusammenhang mit schweren
Gewittern steht und häufiger vorkommt als Tornados, scheint in diesem
Fall wahrscheinlicher. Die Rede ist von sogenannten Fallböen (engl.
Downburst).

Obwohl Fallböen ebenso starke Schäden verursachen können wie
Tornados, sind sie dennoch vielen Leuten unbekannt. Fallböen sind wie
auch Tornados meist mit schweren Gewittern verbunden, wobei auch bei
den Fallböen die stärksten Ereignisse häufig im Zusammenhang mit
rotierenden Gewitterzellen, den sogenannten "Superzellen", auftreten.
Dennoch unterscheiden sich Fallböen physikalisch wesentlich von
Tornados. Tornados sind stark rotierende Luftwirbel mit vertikaler
Drehachse, die aus einer Schauer- oder Gewitterwolke entwickeln und
verbindung mit dem Boden aufnehmen. Oft sieht man dabei ausgehend von
der Gewitterwolke einen bis zum Boden reichenden auskondensierten
rotierenden Trichter oder Wolkenschlauch. Downbursts oder Fallböen
hingegen entstehen, wenn kalte Luft in einem Gewitter nach unten
fällt, auf den Boden trifft und sich dort in linearer Richtung
ausbreitet. Dabei können Windgeschwindigkeiten von mehr als 200 km/h
erreicht werden.

Doch wie genau kommt es zu dieser fallenden kalten Luft? Innerhalb
starker Gewitter bilden sich in den höheren Wolkenschichten oft
größere Hagelkörner. Haben diese eine gewisse Größe erreicht, kann
sie der Aufwind in der Gewitterwolke nicht mehr in der Wolke halten
und sie beginnen herab zu fallen. Beim Fallen gelangen die
Hagelkörner in tiefere und wärmere Luft. Sie beginnen zu schmelzen,
sobald die Lufttemperatur über den Gefrierpunkt steigt. Zum Teil
entstehen dabei Regentropfen. Fallen diese in trocknere Schichten,
setzt schnell Verdunstung ein. Dies geht umso schneller, je trockener
die Luft ist. Sowohl beim Schmelzen des Hagels, als auch bei der
Verdunstung der Regentropfen wird der Luft Energie in Form von Wärme
entzogen, wodurch sie sich abkühlt. Da nun die kalte Luft schwerer
ist, als die umgebende Warmluft, wird sie nach unten beschleunigt und
trifft dann irgendwann auf den Boden. Von weitem sieht es oft so
aus, als ob ein "Sack" aus dem Gewitter heraus fällt. Trifft die Luft
auf den Boden auf, so breitet sie sich dort horizontal aus. In diesem
Downburst hat man häufig die stärksten Niederschläge sowie auch
Hagel. In unmittelbarer Nähe sieht ein Downburst wie eine "weiße
Wand" aus, die sich rasend schnell bewegt. Das Schadenspotenzial von
Downbursts ist häufig sogar größer als das von Tornados, da meist
eine größere Fläche betroffen ist und nicht eine schmale Schneise der
Verwüstung, wie sie meist einen Tornado hinterlässt.

Im Fall von Meißen bei Minden handelte es sich mit hoher
Wahrscheinlichkeit nicht um einen Tornado, sondern um so eine
Fallböe. Dies ergab eine Untersuchung der Schadensspur. Anhand der
Schäden konnte die Windgeschwindigkeit auf etwa 150 - 180 km/h
geschätzt werden.

Solche Sturmschäden, wie auch Tornados und andere
Unwetterbegleiterscheinungen, wie großer Hagel, Blitzschäden,
Schneestürme und auch Lawinen usw. werden nach ihrer Untersuchung in
einer europäischen Unwetterdatenbank, der European Severe Weather
Database (ESWD (www.eswd.eu)), erfasst und der Öffentlichkeit, sowie
der Forschung zur Verfügung gestellt.


Dipl.-Met. Christian Herold
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 25.05.2016

Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

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Mein Foto zeigt den Downburst vom Pfingstunwetter am 9. Juni 2014. Die Entladungen links unten zeigen den hinter der Böenwalze befindlichen Gewittercluster, der eine extreme Blitzfrequenz präsentiert hatte (ich denke wir erinnern uns nur ungern). Leider ist eine größere Abbildung kostenpflichtig. Daher hat das Foto nur knapp 34 KB und das "böse C". Für die Interessierten Leser gibt es hier noch eine sehenswerte Website:

http://www.skywarn.de/

Möge uns die nun laufende Saison nicht so hart erwischen!
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