Die Unwetterereignisse: Epilog der Meteorologen

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Deutscher Wetterdienst (Foto: Logo: DWD (Deutscher Wetterdienst))
 
Starkregenfälle wurden vielerorts zu einem Problem.
Zunächst möchte ich mich für die Informationen des Deutschen Wetterdienstes bedanken und aus gegebenen Anlass nochmal auf die Hauptseite des DWD, also www.dwd.de oder wettergefahren.de hinweisen. Für die interessierte Leserschaft stelle ich nun einen Text bereit, der die Unwettersituation im Detail und mit interessanten Zahlen schildert:

Der Tag danach - Das Unwetter kam, sah und siegte

Es hat sich schon angedeutet: Viele Modelle konnten das Unheil schon
Tage im Voraus prognostizieren. Und dennoch kam es zu zahlreichen
Schäden und sogar mehreren Verletzten.

Die Wetterlage machte es möglich. Deutschland lag über mehrere Tage
auf der Vorderseite eines Tiefdruckkomplexes über Westeuropa. Damit
verbunden wurden immer wieder sehr warme Luftmassen von Afrika über
das Mittelmeer nach Deutschland geführt. Wie in den letzten Tagen
schon oft beschrieben, wurden Höchsttemperaturen jenseits von 37 Grad
gemessen. Die Labilitätswerte (z. B. CAPE - Convective Available
Potential Energy), welche zum Beispiel für eine intensive Entwicklung
benötigt werden, stiegen täglich. Das CAPE erreichte schließlich
Werte nahe an die 5000 J/kg. Im Normalfall liegen diese um bzw. unter
100 J/kg. Wie Herr Beyer am 18.06. schon beschrieben hat, ist also
reichlich CAPE bzw. Instabilität vorhanden gewesen. Jedoch fehlte es
zunächst sowohl an Feuchte am Boden als auch an Hebung. Daher waren
Gewitter anfangs eher selten.

Erst mit Annäherung des Höhentiefs aus Westen wurde vermehrt auch
feuchtere Luft nach Deutschland befördert. Dies bedeutete dann der
Auftakt zum großen Spektakel. Insbesondere in den Bergen konnten sich
nun typische Hitzgewitter bilden, die am 19.06.13 und der Nacht zum
20.06.13 vereinzelt durch einen unwetterartigen Verlauf für Aufsehen
sorgten. Als nun am Donnerstagmorgen Hebungsprozesse vorderseitig der
Kaltfront von Westen nach Deutschland drängten, gab es kein Halten
mehr. Wie Herr Beyer aufzeigte, waren nun alle drei Zutaten
ausreichend vorhanden, sodass das Spiel begann. Schon gegen 7 Uhr
mussten erste Gewitterzellen im Saarland als Unwetter bewarnt werden.
Diese wanderten im weiteren Verlauf nach Norden bis ins nördliche
Nordrhein-Westfalen. In den Mittagstunden entwickelte sich zudem noch
eine Gewitterlinie, welche sich vom Emsland bis nach Unterfranken
erstreckte und im weiteren Verlauf eine nordöstliche Verlagerung
einschlug. Bis zum Abend beherrschten die Gewitter weite Teile Ost-
und Norddeutschlands sowie Bayerns. Dabei wurden im Laufe des Tages
beeindruckende konvektive Phänomene beobachtet. So türmten sich die
Wolken bis in eine Höhe von über 12 km auf und erreichten dort
Temperaturen von unter -61 Grad. Der vertikal integrierte
Wassergehalt der Wolken - Wassermenge in der Wolkensäule, die
innerhalb einer Stunde als Niederschlag ausfallen kann - wurde vom
Radar teilweise mit über 80 Liter pro Stunde angegeben. Zudem
herrschten in den Wolken sehr hohe Vertikalgeschwindigkeiten (sehr
starke Auf- und Abwinde), die für eine extreme Hagelbildung sorgte.
In der ersten Nachthälfte sorgte dann die Kaltfront selber für
Unheil. Durch Hebungsvorgänge an der Front selber wurden nochmals
starke bis extreme Gewitter ausgelöst. Diese rollten mit Sturm-
teilweise sogar mit Orkanböen (Stärke 12) und wiederholt Starkregen
mit bis zu 60 Liter pro Quadratmeter von Südwesten ins Land. Erst in
der zweiten Nachthälfte beruhigte sich die Wetterküche zusehends. In
vielen Bereichen Deutschlands durften die Bürger den Tag sogar bei
Sonnenschein begrüßen. Jetzt beginnt das große Aufräumen und für uns
natürlich die Zeit der Analyse. In diesem Sinne möchte ich Ihnen ein
paar Beobachtungsdaten des ersten richtigen sommerlichen
Unwettertages des Jahres an die Hand geben.

In den letzten 24 Stunden (06 Uhr, 20.0613 bis 06 Uhr, 21.06.13)
versorgten die zahlreichen Gewitterzellen das ganze Land mit
Tausenden von Blitzen. Insgesamt wurden über ganz Deutschland über
230000 Blitze beobachtet. Bei den Hageldurchmessern wurden teilweise
die 7 cm gemessen.

Zudem führten die Gewitterzellen streckenweise zu extremen
Starkregen. So fielen gleich an mehreren Orten innerhalb von weniger
als 3 Stunden (örtlich sogar nur in kurzer Zeit) Niederschlagsmengen
von über 50 Liter pro Quadratmeter. Herausragend sind hier die Orte:

Deuselbach 79 l/qm (08 bis 11 Uhr, 20.06.13)
Reken-Gross Reken 66 l/qm (14 bis 17 Uhr, 20.06.13)
Wusterwitz 66 l/qm (20 bis 23 Uhr, 20.06.13)
Dülmen 65 l/qm (14 bis 17 Uhr, 20.06.13)
Monschau-Kalterherberg 64 l/qm (20 bis 23 Uhr, 20.06.13)
Pegnitz 61 l/qm (20 bis 23 Uhr, 20.06.13)

Im 24-Stundenzeitraum wurden dann sogar noch wesentlich höhere Werte
erreicht.

Deuselbach 101 l/qm
Hoyerswerda 78 l/qm
Monschau-Kalterherberg 77 l/qm
Bochum 74 l/qm
Wusterwitz 73 l/qm

Insbesondere mit Durchzug der Kaltfront frischte auch der Wind noch
einmal kräftig auf. Dazu auch einen Blick auf die gemessenen
Spitzenwindgeschwindigkeiten:

Lautertal-Hörgenau 122 km/h bzw. Windstärke 12 (00 bis 01 Uhr,
21.06.13)
Alsfeld 112 km/h bzw. Windstärke 11 (00 bis 01 Uhr, 21.06.13)
Rheinstetten 112 km/h bzw. Windstärke 11 (21 bis 22 Uhr, 20.06.13)
Nümbrecht a. d. Lindchen 108 km/h bzw. Windstärke 11 (13 bis 14
Uhr, 20.06.13)
Hornisgrinde 108 km/h bzw. Windstärke 11 (20 bis 21 Uhr, 20.06.13)
Trier-Petrisberg 104 km/h bzw. Windstärke 11 (20 bis 21 Uhr,
20.06.13)
Bad Kissingen 104 km/h bzw. Windstärke 11 (20.06.13 Uhr, 20.06.13)
Hoherodskopf 104 km/h bzw. Windstärke 11 (20.06.13 Uhr, 20.06.13)
Berlin-Schönefeld 101 km/h bzw. Windstärke 10 (20.06.13 Uhr,
20.06.13)

Bei den ganzen Messungen müssen wir aber bedenken, dass Gewitter
gerne "Slalom" um die Messstationen herum ziehen. Dies bedeutet, dass
die Beobachtungen nicht unbedingt auch die wirklich aufgetretenen
Spitzenwerte wiedergeben, sondern stattdessen nur einen Anhaltspunkt
für die Intensität liefern. In diesem Sinne hoffen wir mal, dass die
vergangene sehr warme Periode nicht gleich auch die Letzte war und
wir in diesem Sommer noch viele sommerlich warme Tage - möglichst
ohne Unwetter - genießen dürfen.


Dipl.-Met. Lars Kirchhübel
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 21.06.2013

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