"Die Herausforderung ist neuartiges Großprojekt"

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Georg Nesselhauf vom Bürgerforum "Wege für Essen". Foto: Ujesco
Die erste „Mobilität-Werk-Stadt“ ist am vergangenen Samstag über die Bühne gegangen. Gemeinsam diskutierten dort Bürger, Politiker, Verwaltungsmitarbeiter, Wissenschaftler und Vertreter aus der Wirtschaft neue Möglichkeiten für den Verkehr in der Region Ruhr. Der RUHR KURIER sprach mit einem der Organisatoren, Georg Nesselhauf vom Bürgerforum „Wege für Essen“


- Herr Nesselhauf, sind Sie zufrieden mit der Beteiligung von Politikern und Bürgern an der Mobilität-Werk-Stadt?

Ja sehr zufrieden, knapp 500 Menschen aus dem gesamten Ruhrgebiet sind unserer Einladung gefolgt. Darunter waren auch Mitglieder der IHK, Selbstständige, Gewerbetreibende, zahlreiche Mitarbeiter aus kommunalen und sonstigen öffentlichen Verwaltungen sowie Politiker aller Parteien aus den Bezirksvertretungen, Stadtparlamenten, Bundes- und Landtagsabgeordnete. Herr Minister Remmel hat die Schirmherrschaft übernommen.

- In insgesamt zehn Arbeitsgruppen sind die Möglichkeiten für die Mobilität von morgen ausgelotet worden. Gab es dabei auch ganz neue Ideen und Impulse für das Bürgerforum „Wege für Essen“?

Erstaunt hat uns die sehr engagierte Bereitschaft zur konstruktiven Mitarbeit fast aller Anwesenden, das umfangreiche Wissen der Bürger bzw. deren Kompetenz in vielen Fach- und Detailfragen. Wichtig war auch die einhellige Aussagen der Experten, dass viele Lösungen für ein nachhaltiges Verkehrskonzept bereits gedacht bzw. in den Schubladen liegen und nun die Ausführung vieler kleiner Bausteine erfolgen muss - in Konsensabstimmung mit den Bürgern, den kommunalen Verwaltungen und den Politikern.

- Können Sie schon jetzt ein tragfähiges Konzept als Alternative zum Ausbau der A44 und dem Ruhralleetunnel-Bau umreißen?

Die Experten bekräftigten die Teilnehmer, dass technologische Großprojekte, die eine Vorlauf- und Ausführungsphase von mehreren Jahrzehnten benötigen, nicht mehr zeitgemäß und finanziell nicht mehr zu realisieren sind und auch den Bürgern in den nächsten Jahren keine Entlastungswirkung bringen. „Verkehr und Mobilität von morgen“ müssen im Gesamtzusammenhang aller Verkehrsarten (Bus und Bahn, Güterverkehr, Auto, Fuß- und Radverkehr) als vernetztes System weiterentwickelt werden, mit vielen einzelnen Bausteinen (z. B. Attraktivitätssteigerung des ÖPNV durch kürzere Taktzeiten, bessere Serviceleistungen, Imagewandel, usw.) auf Stadt- bzw. Stadtteilebene, jedoch immer im Gesamtzusammenhang des regionalen Verbundes.
Die Herausforderung ist ein neuartiges Großprojekt, neu in Planungsart und Inhalt: Von Anfang an erarbeiten Betroffene, Experten und Verantwortliche aus Wirtschaft, Verwaltung und Politik gemeinsam (nicht technologisch Gigantisches, sondern) ein Gesamtkonzept für die Zukunfts-Mobilität in der Region.

- Wie stehen aus Ihrer Sicht die Chancen, dass Wirtschaft und Politik den Nachhaltigkeitsgedanken der erarbeiteten Lösungen aufgreifen und umsetzen?

Durch anteilige Verlagerung auf andere Verkehrsarten kann der Autoverkehr in Teilen reduziert werden. Bereits bei einer Reduzierung von 10 bis 15 % des Straßenverkehrs in den Tagesspitzen des Berufsverkehrs (so die Experten), würde sich der Verkehrsfluss deutlich verbessern. Als Folge weniger Staus und der umfangreichen Investitionen in den Nah- und Regionalverkehr wird die Wirtschaft in vieler Hinsicht, auch direkt finanziell profitieren und daher mitziehen.

- Was meinen Sie, ist die Bereitschaft auf Seiten der Verkehrsteilnehmer vorhanden, diese alternativen Formen der Mobilität zu praktizieren, sprich: mehr Wege zu Fuß, mit dem ÖPNV oder dem Rad - weg vom ausgedehnten Individualverkehr - zurückzulegen ?

Ja, wenn die Rahmenbedingungen durch die o.g. Maßnahmen verbessert und attraktive Alternativen zum Autofahren angeboten werden, sind sehr viele Bürger zum Umsteigen bereit. Dies hat sich in vielen Städten bereits gezeigt und belegt auch eine aktuelle Aktion des Bundesumweltministeriums, die Kampagne „Kopf an: Motor aus“. Die Ergebnisse: Viele Autofahrer sind bereit zum Umstieg und diese Imagekampagne der Bundesregierung bestärkt Menschen in weiteren fünf Städten darin, das Auto öfter mal stehen zu lassen. Knapp die Hälfte der Kampagnenwahrnehmer gaben an, nun häufiger Rad zu fahren oder zu Fuß zu gehen - Tendenz steigend.
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Frank Rosinger aus Essen-Süd | 22.01.2011 | 00:38  
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