...und Schuld ist immer die Bahn!

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Ein trauriger Anblick: Haltepunkt Essen Kupferdreh
 
Die ET 422 008 als S9 bei der Einfahrt kurz vor Holthausen
Tag für Tag ist es die Aufgabe der Deutschen Bahn, zahllose Menschen von A nach B zu bringen. Kaum ein Unternehmen ist mit einem so umfangreichen logistischen Kraftakt konfrontiert, wie eben die Deutsche Bahn. Jeden Tag ist das Personal an der Front damit beschäftigt, eine möglichst kurzfristige Lösung für eine Fülle von sehr facettenreichen Problemen herbeizuführen. Während andere Konzerne sich von außen abschotten können, ist die Bahn auch und gerade wegen ihrer Nähe zur Öffentlichkeit recht anfällig für externe Störungen. Insbesondere in Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet können zu jeder Zeit – teilweise von einer Sekunde auf die andere – erhebliche Probleme entstehen, die der Fahrgast nicht kennt und daher oft verständnislos reagiert. Dann ist der Schuldige schnell gefunden. Die Bahn! Wer sonst?

Hier kommt zum Beispiel der oben erwähnte Punkt „externe Störungen“ ins Spiel und gewinnt schnell eine überraschende Bedeutung. Immer wieder sieht man, wie Fahrgäste die Türen der Züge blockieren. Man hält die Türe für einen Kollegen auf, oder aber auch der Abschiedskuss des ach so verliebten Pärchens dauert mal wieder länger. Man verkeilt sich mit Fahrrädern im Eingangsbereich, kommt in Konflikt mit anderen Fahrgästen im allgegenwärtigen Kampf um den besten Platz. Da sind schnell ein paar Minuten Verspätung zusammen. Das ist die „sanfte Einleitung“ die schnell eine Steigerung findet.

So fiel ein Kind beim Einstieg in eine S-Bahn zwischen dem Zug und der Bahnsteigkante. Der Vater schaffte es, das Kind zu befreien, verweigerte aber eine ärztliche Untersuchung. Das Kind hörte nicht auf zu schreien und befand sich in einem offensichtlichen Schock. Ein Fahrgast stand plötzlich auf und sagte: „Wenn das Balg nicht sofort aufhört zu schreien, hau´ ich dem die Schnauze ein“. Die Eskalation machte einen Einsatz der Bundespolizei erforderlich und dann endlich auch den Einsatz eines Notfallmediziners.

Dieser Vorfall sorgte dafür, dass der normale Bahnbetrieb nicht mehr gewährleistet war und für alle Züge, die den Streckenabschnitt zu durchfahren hatten, ein Problem war. Ein solches Beispiel findet seine Fortsetzung im täglichen Alkohol- und Drogenmissbrauch, sowie offenkundigen Agressionen gegenüber Bahnpersonal oder auch Reisenden untereinander. Immer und immer wieder an nahezu allen Bahnhöfen und Haltepunkten, sowie in den Zügen. Die Lokführer, die Zugbegleiter und auch der Sicherheitsdienst werden beleidigt und angegriffen. Immer wieder treten solche Störungen auf, die Einsätze vom Rettungsdienst oder der Bundespolizei erforderlich machen. Die Verspätungen treten dann großräumig in Erscheinung und für alle, die für eine Normalisierung des Bahnbetriebs zu sorgen haben, ist das Stress pur.

Bahnfahren ist jetzt kein gefährliches Abenteuer weil sich der größte Teil der Kunden vernünftig verhält, aber „Einzeltäter“ oder auch kleine Gruppen reichen, um der Masse arge Probleme zu bereiten. Man kann nicht von einem allgegenwärtigen Chaos sprechen, aber eine Störung, die z.B. in Dortmund eingetreten ist, kann viele andere Städte in NRW treffen. Man darf nicht vergessen, dass Menschen im Zug sind und sicherheitsrelevante Entscheidungen für alle wichtiger sind, als individuelle Belange. Die Erwartungshaltung, dass der Informationsfluss schon die Fahrgäste zu erreichen hat, obwohl der eigentliche Grund der Störung noch definiert werden muss, ist Unsinn. Etwas Geduld und vielleicht auch eigene gedankliche Kreativität, die das persönliche Weiterkommen ermöglicht, machen mehr Sinn, als Gebrüll und Schuldzuweisungen. Wenn verbindliche Informationen vorliegen, so werden diese zeitnah an die Reisenden weitergeleitet. Das geht aber nicht „mal eben“ und es kann auch durch neue Erkenntnisse zu Korrekturen kommen.
Die „eigenen Interessen“ sind oftmals ein Problem. „Ich möchte Brombeeren haben, also hole ich sie mir neben der Bahnlinie“. Immer wieder sichtet man zur Reifezeit ganze Familien in zum Teil lebensgefährlichen Situationen beim ernten der Früchte. Man kürzt seine Wege über Gleisanlagen ab, Kinder spielen im Gleis oder man deponiert die alte Waschmaschine in gefährlicher Nähe zum Zug. Geschlossene Bahnübergänge sind schon lange kein Hindernis mehr. „Da ist doch nichts, den Zug sehe und höre ich doch“. Solche Aussagen sind so gefährlich wie weit verbreitet. Selbst ein Lehrer ist mit seinen Schülern noch „mal eben `rüber“. Man überquert Gleise mit dem Fahrrad und so schwer man es glauben kann, sogar mit dem Nachwuchs im Kinderwagen.

Dann gibt es noch die Gattung der „Trainspotter“, also Leute, die Züge fotografieren. Man sollte glauben, dass gerade diese Personen einen tieferen Hintergrund haben müssten, aber auch hier gibt es Ausnahmen. Man steht mit dem Rücken zur Fahrt im Gleis, wo man nichts zu suchen hat. Das ist eine absolute Todsünde, die auch oft genug so endet. Man klettert in Signalkörbe nahe der Fahrleitung (15.000 Volt) und trägt Tarnkleidung aus dem „Armyshop“, damit man nicht erwischt wird. Die vernünftigen Eisenbahnfreunde, die sich an die Regeln halten, haben darunter zu leiden, weil sie nicht mehr gerne gesehen sind.

Zum traurigsten Kapitel sei hier bewusst nur wenig genannt. Der Suizid. Er ist für alle Beteiligten ein „hartes Brot“. Für die Familie und die Freunde des Opfers ist es ebenso wie für den Lokführer der blanke Horror. Daher soll hier kein Finger in Wunden gehalten werden. Wie von Seiten mancher Reisender reagiert wird ist kaum in Worte zu fassen. Im O-Ton hörte sich das dann so an: „Konnte der Penner nicht `ne halbe Stunde später springen? Dann hätte ich noch meinen Anschluss bekommen“. Hier weht eine brutale Eiseskälte.

Die sehr kostenintensiven Vandalismusschäden treffen das Wohl und den Komfort aller, die mit dem Zug unterwegs sind. Hier sollte jeder, der entsprechende Beobachtungen macht, die Polizei informieren. Wer Sorge um sich und seine Sicherheit hat, kann auch anonym anrufen. Es ist (Zeuge) nicht der Idealfall, aber besser als nichts zu unternehmen.

Obwohl dieser Text für eine Internetpublikation recht lang ausgefallen ist, beschreibt er nur einen kleinen Teil der alltäglichen Widrigkeiten. Dennoch ist Bahnfahren eine Sache, die mächtig Spaß bereiten kann und man muss vor jeder Fahrt auch nicht gleich den Teufel an die Wand malen. Den chronifizierten Bahnhassern kann man ohnehin nicht helfen, aber man kann bei allen anderen auf etwas mehr Verständnis hoffen. Es gibt Tage, da ist gar nichts rund gelaufen, man ist abgespannt und genervt, müde und will nach Hause. Wenn dann der Zug nicht – oder erst viel später – kommt, ist die ein oder andere Überreaktion leicht nachzuvollziehen. Man darf aber auch einmal einen Moment an die vielen Mitarbeiter der Bahn denken, die dem Druck und auch der Wut der Öffentlichkeit ausgesetzt sind und dann auch noch die Nerven behalten müssen. Das ist – ebenso wie der Alltag eines Reisenden – keine leichte Sache. Die schnelle Antwort auf die Schuldfrage ist leicht ausgesprochen, verzerrt aber (auch wenn bei der Deutschen Bahn das ein oder andere besser laufen könnte und sollte) das Bild.

Wenn jeder etwas Bereitschaft zeigt, einen kleinen „emotionalen Schritt“ in einer Ausnahmesituation rückwärts zu gehen, kann das zu einem großen Schritt vorwärts für die Allgemeinheit werden. Bildlich gesprochen ist der Zug dann nicht ab-, sondern eingefahren.
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5 Kommentare
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Gottfried Czepluch aus Essen-Ruhr | 27.01.2016 | 20:33  
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Joerg Greiwe aus Essen-Nord | 28.01.2016 | 09:51  
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Christoph Feldhaus aus Dortmund-City | 28.01.2016 | 12:48  
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Gottfried Czepluch aus Essen-Ruhr | 28.01.2016 | 15:17  
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Gottfried Czepluch aus Essen-Ruhr | 28.01.2016 | 22:23  
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