Schulstory "Früher war alles besser"

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Mein Leben hatte so seine Tücken. Es war sowohl faszinierend, als auch langweilig. Es war so abwechslungsreich wie es eintönig war und viel zu oft am Tag wollte man sich dem Klassenbuch anschließen, das regelmäßig aus dem Fenster segelte. Da ich aber entweder im Erdgeschoss, dem Keller oder hinter zugeschlossenen Fenstern unterrichtete, fiel diese Option meistens weg. Das wirft nun vielleicht ein gänzlich falsches Licht auf mich und die Geschichte meines verkorksten Lebens. Um die Sache also aufzuklären und Licht ins Dunkel zu bringen, ich bin Deutsch- und Mathematiklehrerin auf einer, sagen wir „schwierigen“ Schule. Also war es ein nachzuvollziehender Gedankengang, dem Klassenbuch Gesellschaft zu leisten, welches mittlerweile nicht mehr als solches zu erkennen war. Oder das Mensaessen zu verseuchen, wenn es nicht schon längst zum Service des zwielichtigen Anlieferers gehörte. Aber da ich zu feige oder wahlweise eben zu friedfertig war, begnügte ich mich damit, häufiger als nötig mit einer satten Erkältung die Mensa aufzusuchen. Man musste ja den Kontakt mit seinen „überaus netten Kollegen“ pflegen. Und Gleichberechtigung für die Schüler musste auch sein, schließlich wurde mir am Anfang meiner Karriere zur Genüge in den Kaffee gespuckt oder Kaugummis an meiner Tasche abgeschmiert. So gesehen war mein Leben ein endloser Kampf. Der Kampf einer studierten Pädagogin gegen die dümmliche minderbemittelte Masse, die sich Schüler schimpfte. Diesen Kampf schien fast jeder Lehrer auf seine eigene Art und Weise auszufechten. Da gab es zum Beispiel Frau Meiers, die Biologielehrerin. Immer wenn sie einen schlechten Tag hatte und ins Lehrerzimmer kam, anders ausgedrückt fast täglich, nahm sie sich gleich zwei Tassen Kaffee mit und begab sich damit zu ihrem Schließfach im hinteren Teil des Raumes. Was sie dort tat wusste ich nicht mit Sicherheit, aber die Tatsache, dass sie viel ruhiger wirkte, nachdem sie den brühend heißen Kaffee hinuntergestürzt hatte, sprach für sich. Dabei sollte gerade sie wissen, was zu viel Koffein am Tag für Schaden anrichten konnte. Oder was sich sonst noch in den Tassen befand. Herr Nöhrens dagegen, schien perfekt für diesen Beruf zu sein. Immer, wenn er sich gestresst oder in irgendeiner Weise negativ beeinfluss fühlte, ging er ein paar Stunden joggen und drillte sich regelrecht mit einem olympia-würdigen Krafttraining. Das tat er so lange, bis sich ein selbstzufriedenes Grinsen auf seinem Gesicht festsetzte, welches mir bisweilen Magenschmerzen verursachte. Andererseits brauchte er sich den Respekt der Schüler auch nicht so hart zu erkämpfen, da ihm als Sportlehrer ganz andere Druckmittel zur Verfügung standen, unter deren Androhung die Schüler plötzlich kaum wiederzuerkennen waren. Zehn Extrarunden um den Sportplatz inklusive Liegestütze für die ganz Aufmüpfigen, waren hundert Mal schlimmer, als mehr Hausaufgaben oder eine Mathe-Knobel-Aufgabe. Hausaufgaben machte hier doch eh niemand! Verächtlich schnaubend erhob ich mich von dem wackeligen Stuhl, auf dem traurigerweise mein Name stand. Kurz darauf klingelte es zur großen Pause und ich begab mich für meine heutige erste Amtshandlung nach draußen. Pausenaufsicht…
Mit wehleidigem Blick schaute ich beim Hinausgehen noch einmal durch das Lehrerzimmer. Ruhe, Ordnung, Frieden. Diesen guten Eindruck versuchte ich zu verinnerlichen bevor sich die Tür schloss und ich gezwungen war, mich der Wildnis auszusetzen. Sofort wurde ich fast von zwei Jungen überrannt, die sich einen Fußball unter die Arme geklemmt hatten. Sie rasten, als wäre der Teufel hinter ihnen her und riefen etwas wie: „Schwöre! Wir kriegen heute das Tor!“ „Ja, Mann! Beeil´ disch!“ Ihnen hinterherzurufen hatte ich längst aufgegeben. Die Reaktionen waren unbefriedigend bis gar nicht vorhanden. Stattdessen nahm ich einen tiefen Atemzug, strich meinen olivgrünen Mantel glatt und reflektierte das Gesagte. Es ging wohl darum, auf dem Sportplatz die Fußballtore für sich zu beanspruchen. Und da galt: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Unmöglich. Als ich meine Sinne wieder nach außen richtete, um meinen Gang auf den Schulhof fortzusetzen, wurde ich beinahe erschlagen vom Lärm hunderter Schüler, die auf die Flure stürmten und nun ein Flugzeug mit ihrem Gebrüll hätten übertönen können. Ich fühlte mich gefangen, als ich widerwillig meine Füße zwang meinen Körper nach vorne zu tragen und mich durch die Massen zu drängeln. Plötzlich war ich fremd hier und bei allem was ich tat fühlte ich mich entweder komplett ignoriert, oder intensiv angestarrt. Viele schauten aber auch nur intensiv auf ihre Handys, nein es hieß heutzutage ja „Smartphones“! Auch wenn sie entgegen ihres vielversprechenden Namens nicht gerade zu einer erhöhten Intelligenz führten. Vielmehr verschandelten sie die Sprache der Jugend, man hörte es doch an jeder Ecke! Zu meiner Zeit hatte es so etwas nicht gegeben. Nicht vorzustellen! Da herrschten ganz andere Sitten. Wir waren ganz anders! Ganz anders! Grimmig lief ich an einer Gruppe Mädchen vorbei. Anscheinend standen sie in der üblichen Schlange an, die zu den Toiletten führte. Sie kicherten, zeigten sich Fotos und schielten ab und an zu einer Gruppe des anderen Geschlechts. Diese badeten in der Aufmerksamkeit, die ihnen zuteilwurde. Auf der anderen Seite lief eine hitzige Diskussion über irgendein neues Spiel. Die Beliebtesten der Gruppe brachten die Anderen mit den besten Spieltaktiken zum Schweigen und wenn alle durcheinander schrien, waren sie die Lautesten. Zwei Schüler standen in gebührendem Abstand zu der Gruppe und hörten gespannt zu. Sie hätten sich ebenfalls gut einbringen können, da sie viel über das Thema zu wissen schienen, jedoch trauten sie sich nicht mitzureden, würde man ihnen doch sowieso nicht zuhören. Von überall tönten großes Gelächter und jubelnde Massen, angesteckt durch die befreiende Atmosphäre der Pause. All das erinnerte mich an meine Schulzeit. Ich musste kurz lächeln, riss mich aber sogleich zusammen. Ganz anders!
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Martina Janßen aus Hattingen | 11.11.2015 | 19:23  
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