Training: Steeler Fünftklässler werden zu "Viellesern"

„Meine LeseZeit“ heißt das Projekt, das die Fünftklässler der Erich-Kästner-Gesamtschule (EKG) mit Ende des Schuljahres abschließen werden. Doktorandin Juliane Dube von der Universität Duisburg-Essen hat mit praktischen Ansätzen geholfen, den Spaß fürs Lesen (wieder) zu entdecken.
"Lesen lernt man durch lesen“, das ist das Motto, das sich Juliane Dube auf die Fahnen geschrieben hat und gleichzeitig die These, die sie in ihrer Doktorarbeit untersuchen möchte, in dem sie die Fünftklässler der EKG ein Jahr lang beim „Viellesen“ auch wissenschaftlich begleitet. Das Projekt „Meine LeseZeit“ hat schnellen Erfolg gezeigt, denn schon nach dem ersten Halbjahr zählten viele der anfänglichen „Lesemuffel“ zu denen, die die Tabelle der Vielleser anführten. Warum? Hier läuft alles ganz ohne Zwang!
„Wenn Kinder noch keinen Zugang zu Büchern gefunden haben, überfordert man sie sehr schnell mit der Aufgabe ‚Les‘ das mal‘“, erläutert die Doktorandin. Schließlich würden einige Kinder Bücher überhaupt nicht kennen und man müsse ihnen die Kultur des Lesens vermitteln. Dabei geht Dube nach dem Baustein-Prinzip vor. Stufe eins ist dabei die Annäherung an das Medium Buch. Über den Klappentext, Infos zur Geschichte des Lesens - z.B. Infos zum Buchdruck, wie sich das Lesen in der Gesellschaft entwickelt hat und welche neuen Medien es gibt - und Strategien, wie man ein Buch auswählt, bekommen die Kinder einen Einblick in die vielbeschriebene Kultur des Lesens.
Der zweite Baustein vermittelt das Lesen als Praxis. Zweimal pro Woche ist Juliane Dube in der EKG zu Gast und stets wird 20 Minuten gelesen. Aber: Jeder für sich in einem frei ausgewählten Buch. „Kinder müssen durch Anlesen oder Durchblättern selbst ein Buch finden, das sie interessiert“, weiß Dube. Damit das Lesetraining aber auch Früchte trägt und nicht zur dauerhaften Buch-Wechselorgie ausartet, gibt es eine strikte Regel. „Das Buch, das in der Bibliothek ausgewählt wird, muss bis Seite zehn gelesen werden“, verrät Juliane Dube. „Wer dann sagt, es interessiert ihn nicht, darf wechseln.“
Der dritte Baustein ist schließlich das Leseinteresse durch den Austausch zu festigen. „Lehrpläne sorgen immer noch dafür, dass der Unterricht geprägt ist von Kinderbuch-Klassikern. Da ist oft wenig Raum für Modernes wie etwa ‚Harry Potter‘.“ Und dabei ist es gerade der weltberühmte Zauberer, der mit seinen Abenteuern schon viele Kinder zu Leseratten hat werden lassen. „Die Kinder sollen in dieser Phase ruhig durch Bilder oder kurze schriftliche Empfehlungen anderen Kindern ihr positives Leseerlebnis mitteilen. Der Austausch ist auf dem Weg zum Vielleser immens wichtig.“
Auf dem Weg zum Vielleser besucht Juliane Dube auch mit jeder Klasse die jeweilige Stadtteilbibliothek. Beim Besuch in der Zweigstelle in Kray zeigte sich auch Bibliotheksleiterin Anke Küpper ganz begeistert vom Projekt: „Es ist toll, dass man die Kinder frei wählen lässt. Auch wenn sie mal einen Krimi aussuchen, den die Eltern vielleicht für zu grausam halten, sollte man sie da gewähren lassen. Kinder verarbeiten das Gelesene ganz anders, blenden beispielsweise das ‚Böse‘ einfach aus. Sie müssen ihre eigenen Leseerfahrungen in der Welt der Bücher sammeln, um sich hier wohl zu fühlen“, weiß die engagierte Bibliothekarin.
Vielleser, das können auch Kinder sein, die einen Comic nach dem anderen „verschlingen“.
„Die Comicseiten zählen bei unserem kleinen Wettbewerb zwar nicht soviel, wie eine normale Buchseite, aber wichtig ist, dass die Kinder lesen. Ich untersuche ja gerade, ob Kinder wirklich durch ‚lesen Lesen lernen‘“, erläutert die Doktorandin. Ein ganzes Schuljahr läuft das Projekt, das auch der Förderverein der Schule sehr unterstützt. Denn zum Halbjahr wurden die führenden Vielleser nicht nur mit einer Urkunde, sondern auch mit einem kleinen Präsent bedacht. Im Wettstreit stehen sie mit dem Fünftklässlern der Gesamtschule Süd, an der Juliane Dube ebenfalls ihr Lesetraining anbietet. Am Ende des Schuljahres, genauer am 18. Juli, findet das Projekt einen würdigen Abschluss und es wird abgerechnet. „100.000 Seiten wollen wir bis zum Schuljahresende mit allen sechs beteiligten Klassen schaffen, die von den beiden Schulen teilnehmen“, erklärt Juliane Dube. Ob die kleinen Leseratten das schaffen, das verraten wir in Kürze..
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