Vier Fragen an .... heute: Dr. Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen

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Dr. Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen (Foto: Danke an das Bistum Essen)
 
Gern unter Menschen - Ruhrbischof Dr. Overbeck (Foto: Danke an das Bistum Essen)
Essen: Stadt | Der "Ruhrbischof" Dr. Franz-Josef Overbeck nimmt dieses verantwortungsvolle Amt seit dem Jahre 2009 wahr. Er gilt als Mann klarer Worte, seine Stärken sind Verlässlichkeit, Eindeutigkeit und Entschlossenheit. Der Bischof stellt sich Krisen und unbequemen Fragen, gilt als realistischer Analyst und tritt für eine vielgestaltige, bewegende und bewegliche Kirche ein. Der tolerante und weltoffene Theologe Dr. Franz-Josef Overbeck stellte sich gern meinen vier Fragen.


1. Unsere Zeit - so scheint es jedenfalls oft - wird gottloser, und die Menschen ignorieren die großen Weltreligionen immer mehr. Wäre es nicht vorteilhafter für die Menschen, gerade in dieser Zeit eine Nähe zu Gott zu suchen?

Man kann Menschen nicht dafür gewinnen, Gottes Nähe zu suchen, wenn sie nicht selbst den Wunsch danach verspüren. Ich teile aber mit anderen Christen die Erfahrung, warum es gut ist, Gott zu suchen. Denn das Leben wird in der Gegenwart Gottes klarer und zielgerichteter. Es wird nicht unbedingt leichter - unsere äußeren Lebensbedingungen bleiben ja bestehen. Aber es wird geborgener im Glauben an einen liebenden Gott. Darüber hinaus haben wir mit dem Evangelium eine wichtige Richtschnur an der Hand, die unser Gewissen bestärkend inspiriert, wie wir unser Leben – einzeln und in Gemeinschaft - gut und richtig führen können.


2. Jesus galt als toleranter Mensch, der mit Sicherheit heute an der Seite der Asylsuchenden und Flüchtlinge zu finden wäre. Sehen Sie dies ebenso?

Es steht außer Frage, dass Jesus sich an die Seite der Armen und Schwachen gestellt hat - in der Bibel gibt es zahlreiche Berichte darüber. Ich bin mir sicher, dass Jesus heute jedem Flüchtling nahe sein will. Was Jesus getan und gelassen hat, lässt sich allerdings nicht ohne weiteres in unsere Zeit kopieren, weil sich die gesellschaftlichen Zusammenhänge in 2000 Jahren fundamental verändert haben. Unsere anspruchsvolle Aufgabe besteht heute darin, hinter Jesu zeitgebundenem Handeln die dauerhaft gültige Substanz zu erkennen und diese auf unsere Lebensbedingungen zu übertragen. Auf die Flüchtlingshilfe bezogen heißt das: Ein Christ kann, soll und muss sich ebenso wie Jesus für den einzelnen geflüchteten Menschen einsetzen. Als Glaubensgemeinschaft mit klar definiertem Status im Staat bieten wir aber auch - anders als Jesus im Palästina der Zeitenwende - institutionelle Flüchtlingshilfe von hoher Professionalität an, um Lebensbedingungen für Flüchtlinge grundsätzlich zu verbessern.


3. Was müsste besonders die katholische Amtskirche tun, um die Lehre Jesu den Menschen wieder näher zu bringen?

Wir haben im Bistum Essen ein Zukunftsbild erarbeitet, das uns hilft, Antworten auf diese Frage zu finden. Denn wir wollen auch in Zukunft unter völlig veränderten Bedingungen eine lebendige und wirksame Kirche sein, die es den Menschen ermöglicht, mit Gott in Berührung zu kommen. Dazu setzen wir derzeit im Ruhrbistum 20 neue Projekte so konkret wie möglich um, in denen es z. B. um die Gestaltung ansprechender und zeitgemäßer Gottesdienstformen und Kirchenräume geht, um die Begleitung von Menschen in Zeiten von Tod und Trauer, um die Entwicklung einer spürbaren Willkommenskultur in unseren Pfarreien und Einrichtungen, um die Profilierung wirksamer und lebensnaher caritativer Hilfen für Menschen in Not in unseren Gemeinden und Stadtvierteln, und letztlich immer wieder darum, neue Möglichkeiten zu finden, die Menschen mit Gott in Kontakt zu bringen und mit ihnen über den Glauben zu sprechen. Niemand weiß, wohin dieser Weg uns führen und in welcher Form sich die Kirche künftig zeigen wird. Ich halte diesen Weg aber für alternativlos, wenn wir auf die Komplexität des heutigen Lebens als Kirche Antworten finden wollen.


4. Jesus - so sagen auch Theologen - war ein politischer und sozial denkender und handelnder Mensch. Müsste sich die Amtskirche nicht noch mehr in die Sozial- und Flüchtlingspolitik „einmischen“?

Natürlich hat die Kirche in Deutschland aufgrund ihrer großen Mitgliederzahl und ihrer Stellung im Staat einen gewissen Einfluss auf sozial- und gesellschaftspolitische Entwicklungen. Allerdings hat sie kein politisches Mandat und nimmt keinen direkten Einfluss auf politische Vorgänge. Was die Kirche tut: Sie trägt zur Meinungsbildung der Bürger bei - auch der Abgeordneten -, indem sie zu wichtigen Fragen des Zusammenlebens der Menschen auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes und der christlichen Gesellschaftslehre, vor allem der katholischen Soziallehre, öffentlich Stellung bezieht und zudem mit ihren eigenen Mitteln konkrete Hilfen für Menschen in Not anbietet. Die christliche Botschaft wird dadurch konkret, dass Christen sich aus eigener Überzeugung einbringen und Politik und Gesellschaft aus dem Geist des Evangeliums mitgestalten.


Ich bedanke mich recht herzlich, auch im Namen der vielen Leserinnen und Leser, der Christinnen und Christen, die dieses Interview mit Sicherheit gerne lesen werden.
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5 Kommentare
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Manuela Burbach-Lips aus Dortmund-City | 05.10.2016 | 13:16  
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Willi Heuvens aus Kalkar | 05.10.2016 | 13:20  
18.875
Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 05.10.2016 | 17:47  
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Gudrun Wirbitzky aus Bochum | 05.10.2016 | 17:48  
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Willi Heuvens aus Kalkar | 05.10.2016 | 18:42  
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