Im Zweifel gegen die Anzuklagenden

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Rettungspaket in der Hosentasche
 
Bares als Klares
 
Screendump aus dem TV
 
Mehr oder weniger „sicher“ - eher mehr...
Essen: Ruhrgebiet - |

Eine sonst zu kurz gekommene Geschichte über Ängste

Als ich in die Tankstelle einfuhr, zog meine Nachbarin gerade einen Schlauch aus der Tanksäule, und während sie mich aussteigen sah, rief sie mir schon zu: „Kommste gleich mal eben bei mir zuhause vorbei?“ – Ja, ich versprach es. Um es hinter mich zu bringen, klingelte ich gleich nach Erledigung meiner Besorgungen bei ihr an.

In der Küche versuchte meine Nachbarin mir zu erklären, was sie bedrückte. Sie machte sich Sorgen um das wenige Geld, das sie als „Feuerwehr“ auf ihrem Sparbuch hatte, und um eine Festgeldanlage für den Fall, dass mal „was Größeres“ auf sie zukäme – zum Beispiel eine „dicke Autoreparatur“. Die ganze Zeit über quengelten ihre beiden Blagen aber in der Küche herum, ich solle „mal nach dem Scheiß-Computer gucken, der andauernd abkackt“. Ich könnte mal eben zu den Kindern ins Zimmer gehen und nach dem Rechner sehen, während sie einen frischen Kaffee kochen würde, riet mir meine Nachbarin.

Mit dem Rechner machte ich kurzen Prozess: Von einem USB-Stick, der ständig an meinen Auto-Schlüsselbund baumelte, startete ich ein unabhängiges Analyse-Werkzeug, das auch schnell zeigte, was es konnte. Aus dem Internet zog es sich über das noch einwandfrei scheinende WLAN auch die neuesten Viren-Informationen und meldete scheinbar, doch nicht wirklich Erschütterndes. Es handelte sich dabei um Kleinigkeiten, die sich schnell wegputzen ließen. Das „Abkacken“ jedoch beschränkte sich auf ein Computerspiel, das nach zögerlichem Eingeständnis der beiden Kinder nicht ganz legal auf den Rechner gelangt war und sich deshalb nicht sauber nachinstallieren ließ. Also konnte ich definitiv nicht helfen und steckte den USB-Stick wieder ein.

In der Küche gab es dann einen frischen Kaffee. „Den Otto“, klagte die Nachbarin, „der sagt ja nix. Der hält sich da raus.“ Jaja, der Otto, eigentlich ihr Otto II, weil sie von Otto I geschieden war. Aber was sollte ich dazu sagen, wie „sicher“ ihr Geld war? Also versuchte ich es etwas allgemein: „Um an das Geld auf deinen Konten zu kommen, muss zunächst einmal Strom da sein. Doch selbst wenn Strom da ist, müssen weitere Bedingungen erfüllt sein. Erstens: Die Bank muss geöffnet sein. Zweitens: Der Bank muss erlaubt sein, dir dein Geld auszuzahlen. Drittens: Die Bank muss willig sein, dir deine Guthaben auszuzahlen. Viertens: Die Bank muss genügend Bargeld haben, um in bar auszahlen zu können.“ Klar, warf die Nachbarin ein, das wisse sie selbst. „Aber was war denn jetzt in Zypern?“ – Hm, ja, was war in Zypern?

In Zypern waren die Banken geschlossen worden, nachdem die Herrschaften aus Brüssel der Regierung abgerungen hatte, die Sparkonten einfach mit einer Zwangsabgabe zu belegen. Selbst die Klein- und Kleinstsparer sollten von ihren Ersparnissen 6,75 Prozent verlieren. Weil die geplante Blitzzustimmung vom Parlament in Zypern nicht zu bekommen war und die Sache sich hin zog, blieben die Banken geschlossen, um einen Ansturm der Bürger auf die Konten zu verhindern. Wer zu Wochenbeginn kein Geld mehr in der Tasche hatte, um das Nötige an Lebensmitteln einkaufen zu können, blitzte mit seiner Plastikkarte auch an den Geldautomaten ab. Geschah eigentlich ganz recht so, denn die Zyprioten hatten mehrfach eine Regierung gewählt, die Zypern zum Steuerparadies machte und für Geldanlagen wie das berüchtigte „russische Fluchtgeld“ ein verlockendes Bankensystem bot.

Die Medien waren voll von Entsetzlichem. Im Fernsehen wurde eine Frau vorgeführt, die mit ihrer Bankkarte in der Luft wedelte und sich beklagte, sie könne nicht einmal mehr für ihre Kinder etwas zu essen einkaufen. „Bild“ stellte klar: „EU bricht mit Sparer-Zwangsabgabe ein Tabu“ und fragte: „Wie gefährlich ist Zyperns Rettung für unser Geld?“ Die „WELT“ schlug in die gleiche Kerbe: „Sind die Ersparnisse der Deutschen jetzt noch sicher?“, fragte sie und unkte dann: „Bisher gab es in Europa den Glauben, dass zumindest 100.000 Euro auf der Bank sicher sind. Doch der Tabubruch in Zypern zeigt: Die Einlagensicherung gilt nicht uneingeschränkt.“ – Mit anderen Worten: Die „Einlagen“ mögen „sicher“ sein, doch nicht deren „Wert“. Eine Regierung kann per Gesetz auch „über Nacht“ festlegen, dass die Banken von den „Einlagen“ einfach etwas abzwacken, um es der Regierung zu geben, damit sie mit dem Geld Banken „rettet“.

Die Nachbarin blies die Backen auf. „Mann, du bist bekloppt. Da können die ja gleich von meinem Konto etwas auf ihr eigenes Konto umbuchen. Ich habe dann weniger, und die Bank hat mehr.“

„So isset.“ – Was sollte ich auch anderes sagen? – Tom Buhrow hatte in den Tagesthemen gerätselt: „In Zypern sollen jetzt zum ersten Mal auch Sparer bluten. – Ist das ein Dammbruch?“ – Sahra Wagenknecht stellte in der Presse lapidar fest: „Die Einlagensicherung der EU ist damit hinfällig. Nun droht ein Run auf die Banken in den Krisenstaaten.“ Meiner Nachbarin machte ich klar: „Nur von Bargeld, das du in den Händen hältst, kann der Staat nicht einfach etwas abbuchen lassen.“

„Aber die können doch über Nacht eine Währungsreform machen und anderes Geld ausgeben. Ich weiß doch noch von Mammi, wie das damals war, als die D-Mark eingeführt wurde!“ Die Nachbarin machte sich wirklich Sorgen. – Ich hielt dagegen, dass man vielleicht heimlich neues Geld drucken und auf einem Inselchen wie Zypern eine neue Währung einführen könne, nicht aber in einem so großen Raum wie der Europäischen Union. Da sei man auf dem Euro festgenagelt.

Mir stank die ganze Sache mit den Bankenrettungen sowieso. Egon W. Kreutzer, Kleinverleger und Verfechter des noch gesunden Menschenverstandes, hat sich für seinen letzten “Paukenschlag“ den Titel einfallen lassen „Graf Draghila im Blutrausch“. Er legte dann los: „Da hat Zypern nun also eine von ganz oben verordnete Währungsreform. In einer "Nacht- und Nebelaktion" – am Wochenende von den Gralshütern des Euro bar jeder gesetzlichen Grundlage verordnet – findet eine Abwertung von Bankguthaben statt. Das ist nicht nur, wie Herr Bosbach es formuliert, ein "Tabubruch", es ist im Grunde millionenfacher und milliardenschwerer Raub.“

So ungefähr hatte ich es auch noch im Gedächtnis und erzählte der Nachbarin davon. Ich legte sogar noch eins drauf und kam darauf zu sprechen, dass der Staat ja bereits die Autoindustrie mit vielen Milliarden über die „Abwrackprämie“ subventioniert hatte. Doch so schlampig, dass viele Autos samt Kraftfahrzeugbrief ins Ausland verschoben werden konnten und nun von da aus die Luft verpesten durften. „Ja, aber ich habe damals für meine Schrottlaube noch richtig Geld abgezogen“, warf die Nachbarin ein. „Das war ordentlich Kohle!“

Da war es, das „Ego“ mit seinem „ismus“. Wurde es ausreichend gefüttert, war es auch mit „Mutti“ zufrieden, die über Jahre nur mit den Banken gekuschelt hat und die Schwächeren in ihrem Staat immer stärker von der Bürokratie einmauern ließ. Aber ich konnte meiner hart arbeitenden Nachbarin, die sich für ihre Kinder auffressen lassen würde, nicht verdenken, dass sie „einmal im Leben auch Glück“ empfand, als sie die Abwrackprämie mitnahm.

Jetzt aber schien es um mehr zu gehen, um ihr mühsam Angespartes, um den Wert ihrer Notgroschen. „Ich glaube nicht, dass man auch den kleinen Sparern in Zypern an den Kragen gehen wird“, vermutete ich. „Das wäre ein zu schlimmes Signal. Man wird mindestens 15 oder 20 Tausender von der Zwangsabgabe frei stellen, sonst fliegen da Steine und brennende Cocktails“, setzte ich noch hinzu. „Die Zyprioten sind keine Deutschen, die mittlerweile alles hinnehmen“

„Was soll ich nur tun?“, seufzte meine Nachbarin, „ich mache mir wirklich große Sorgen. Und auf der Arbeit haben auch die anderen alle Angst, auch wenn die meisten kaum was auf der hohen Kante liegen haben.“

Genau genommen konnte ich meiner Nachbarin und auch ihren Blagen nicht helfen. Aber seit sie mich gefragt hatte, fühlte ich mich ein wenig auch für sie verantwortlich. Als ich dann erfuhr, um welch einen relativ geringen Betrag es bei dem Festgeld ging und wie mies die Verzinsung war, fragte ich sie dann doch, ob sie nicht „das Geld abheben und die Kohle an einem sicheren Ort bunkern“ könne.

Aber an einem Ort, an den sie auch bei einem Stromausfall heran käme…
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NACHTRAG:
Das Parlament in Zypern lehnte das EU-Diktat am 19.03.2013 in einer Abendsitzung bei 19 Enthaltungen ohne Gegenstimmen ab.
Der Potest auf den Straßen richtete sich wie schon in Griechenland gegen das „despotische Verhalten“ von Kanzlerin Merkel und ihrem Finanzminister Schäuble.


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Stand vom 20. März 2013, mittags:
Zypern versucht, von Russland 30 Milliarden Euro zu bekommen und verspricht dafür als Gegenleistung großen Einfluss auf Zypern-Banken und Rechte an den zypriotischen Gasvorkommen.
Die Banken auf Zypern bleiben bis auf Weiteres, mindestens aber noch diese ganze Woche geschlossen.
Viele Bürger Zyperns stehen ohne Geld da.
Eigentlich „haben“ sie aber sowieso kein Geld, denn sie sind mit durchschnittlich 140 Prozent ihres Jahreseinkommens verschuldet, leben mithin permanent auf Pump.
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5 Kommentare
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Manfred Schuermann aus Essen-Ruhr | 20.03.2013 | 19:56  
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Joachim H. Hartung aus Monheim am Rhein | 21.03.2013 | 09:15  
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Manfred Schuermann aus Essen-Ruhr | 21.03.2013 | 16:50  
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Manfred Schuermann aus Essen-Ruhr | 21.03.2013 | 23:16  
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Manfred Schuermann aus Essen-Ruhr | 22.03.2013 | 01:45  

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http://www.pressetext.com/news/20130320028
pte20130320028
Medien/Kommunikation, Unternehmen/Finanzen

"Zypern gutes Beispiel für Empörungsjournalismus"
Experten sehen Wirtschaftsredakteure und Rezipienten in der Pflicht

Wien (pte/20.03.2013/13:55) Eine bessere und nach Möglichkeit internationale Aus- und Weiterbildung von Wirtschaftsjournalisten könnte die EU-Krise mit ihrem jüngsten Fall Zypern in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich entschärfen. Zu diesem Schluss kommen Experten im Rahmen einer Diskussionsrunde in Wien, die von der Initiative Qualität im Journalismus http://www.iq-journalismus.at und dem Internationalen Forum für Wirtschaftskommunikation (IWFK) durchgeführt wurde. "Angst verkauft sich leider gut", findet die frühere EZB-Direktorin Gertrude Tumpel-Gugerell. Für den Kommunikationswissenschaftler Matthias Karmasin von der Universität Klagenfurt ist "Zypern ein gutes Beispiel für Empörungsjournalismus".

Soziale Medien kein Ausgleich

Karmasin, der auch Chef des medienhauses wien http://mhw.at ist, sieht auch die Aktienkurse eindeutig von negativen Berichten beeinflusst. Für Wirtschaftsjournalisten sei daher die saubere Trennung von Fakten und Meinung angeraten. Der Experte vermisst zudem eine offene Debatte aus Sicht der verschiedenen ökonomischen Denkschulen. "Für Wirtschaftsberichte müssen die gleichen Qualitätsstandards gelten wie sonst auch", meint er. So würden die Medien etwa die jahrelang unüblich hohen Zinsen in Zypern verschweigen. "Hier baut Journalismus eine Empörung auf und lebt dann von deren Bewirtschaftung."

Meldungen zu verheimlichen, sei keine Lösung, denn das Publikum brauche mehrere Interpretationsangebote. Auch würden die sozialen Medien generell wenig ausgleichen, da diese trotz Globalisierung primär sprach- und kulturgebunden verlaufen. In den Medienhäusern allerdings könnte laut Karmasin über eine eigene Europa-Berichterstattung nachgedacht und in der Ausbildung paradigmatisch neutral vorgegangen werden. "Wenn es aber die eigene Lebenswelt betrifft, zeigen sich die Menschen sehr wohl informiert", ergänzt Karmasin.

Fehler werden oft wiederholt

Für Franz Schellhorn, Leiter der kürzlich gegründeten Denkfabrik Agenda Austria, werden in der Wirtschaftsberichterstattung Fakten und Meinungen sehr wohl sehr sauber getrennt. "Für viele Redakteure aber scheint Keynes der einzige Ökonom gewesen zu sein", moniert er. Auch wurde der Euro von Beginn an nach oben und keinesfalls in die Krise geschrieben. "Journalisten wiederholen dieselben Fehler und machen eine wirklich schlechte Figur", klagt Schellhorn. Bei Zypern allerdings erfolge die Empörungsberichterstattung zu Recht.

Die Medienhäuser sieht Schellhorn wirtschaftlich nicht so unter Druck, dass Recherchen unmöglich wären. Den "Agenturen-Verwertungsjournalismus" jedoch weiter auszubauen, hält er für einen großen Fehler. Wenig zielführend seien auch Berichte, die "einerseits und andererseits" beleuchten. Laut dem Experten erkennen die Medienhäuser sehr wohl den Bedarf an qualifiziertem Nachwuchs und müssten daher die angestammten Kollegen nach Möglichkeit zur Weiterbildung auch ins Ausland entsenden.

Eigenverantwortlichkeit gefordert

An die Eigenverantwortlichkeit der Medienkonsumenten appelliert Wilfried Sihn, Chef von Fraunhofer Austria Research http://fraunhofer.at und IWFK-Gründungsmitglied. Jeder könne sich heute eine eigene Meinung bilden, wenngleich dies wegen der immer komplexeren Sachverhalte zunehmend aufwendiger werde. "Journalisten sollten bei der Stimmungsmache aufpassen und vielmehr die Faktenlage einfach, umfassend und richtig darstellen", so der Managementwissenschaftler der TU Wien http://imw.tuwien.ac.at .
(Ende)

pressetext.redaktion
Aussender: pressetext.redaktion
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Manfred Schuermann
- Fachjournalist IT/Media -
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