Erstes Kompetenzzentrum für Gehörlose in Essen

Essen: Martineum | Wenn gehörlose Menschen alt werden, fangen die Probleme oft an. Denn: Meist sind es die Ehe- oder Lebenspartner, die den Alltag organisieren. Sterben der Partner oder enge Angehörige, drohen viele Senioren zu verwahrlosen. Mit dem Modellprojekt „GIA“ (Gehörlose im Alter) wurde das erste deutsche „Kompetenzzentrum für gehörlose Menschen im Alter“ in Steele geschaffen, ein zweites entsteht in Dresden.
In der Evangelischen Senioreneinrichtung „Martineum“, Schäpenkamp 2, ist man bereits seit Jahren auf die Betreuung und Begleitung gehörloser Senioren spezialisiert. Anke Stilgenbauer, kann hören und beherrscht die Gebärdensprache, und Andrea Huckemeier, gehörlos, haben sich stets in diesem Bereich engagiert und auch den Kontakt zur Universität Köln hergestellt. Zwischen 2006 und 2009 untersuchte man dort die Situation gehörloser Menschen im Alter. Prof. Dr. Thomas Kaul halfen dabei vor allem die Erfahrungswerte des Beratungszentrums aus Steele. Die traurige Bilanz der Studie: Gehörlose Menschen, die von Pflegebedürftigkeit oder gar einer Demenzerkrankung betroffen sind, haben keine gleichberechtigten Chancen zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.
Ein Fakt, der sich auch in der täglichen Arbeit von Anke Stilgenbauer immer wieder bewahrheitet: „Wenn der Partner stirbt, sind gehörlose Senioren oft auf sich allein gestellt. Ihnen fehlen die alltäglichen Informationsquellen wie z.B. Gespräche mit Nachbarn und Sendungen im Radio oder Fernsehen.“
Hilflosigkeit sei das Ergebnis eines schleichenden Prozesses, an dessen Ende schließlich die Verwahrlosung der Betroffenen stehe.
Durch ihre bisherige Arbeit konnten Stilgenbauer und Huckemeier bereits vielen Betroffenen - in der Bundesrepublik leben ca. 80.000 gehörlose Menschen, von denen 16.000 zur Generation 50+ gezählt werden können - zu einem barrierefreieren Leben verhelfen und die Lebensqualität für die Gehörlosen erhalten. Die Situation, die sich den Kölner Wissenschaftlern um Prof. Dr. Thomas Kaul in Steele bot, war eine besondere. „Nach unserer Studie haben wir das Modellprojekt entwickelt und viel Unterstützung von Bund und Ländern bekommen“, so Kaul. „In Steele konnten wird nun aus dem Beratungs- das Kompetenzzentrum machen. Ein weiteres wird es in Dresden geben, das aber ganz neu aufgebaut werden muss.“
Obwohl man auf Vorhandenem aufbauen kann, muss auch das neue Zentrum finanziert werden: Neben den finanziellen Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, stellen auch das Land NRW, die Universität Köln, die AOK Rheinland, das Diakonische Werk Rheinland-Westfalen-Lippe und das Martineum selbst weitere Gelder zur Verfügung. Neben den vielfältigen Beratungsangeboten möchte man im Essener Kompetenzzentrum im Rahmen des auf drei Jahre angelegten Projektes vor allem neue Versorgungsstrukturen schaffen - ein Kernbereich hier: das Gesundheitswesen. Selbst Ärzte wissen oft nicht, dass bei der Visite gehörlosen Patienten stets ein Gebärdendolmetscher zur Seite gestellt werden müsse, betont Stilgenbauer. Auch im Pflegebereich möchte man intensiv mit ambulanten Pflegediensten zusammenarbeiten und z.B. Grundlagen der Gebärdensprache vermitteln. „Auch der Bereich Ehrenamt ist wichtig für uns“, so Anke Stilgenbauer. „Gehörlose Menschen engagieren sich oft in der Vereinswelt, werden aber auch beispielsweise in der Betreuung und der ambulanten Pflege gebraucht.“
Die klaren Ziele des Modellprojektes: Betroffenen ein barrierefreies Leben so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden mit hoher Lebensqualität, Lebenszufriedenheit, Selbstbestimmung und Selbstständigkeit ermöglichen. Der Wunsch von Kaul: „Ein Kompetenzzentrum für gehörlose Menschen im Alter in jedem Bundesland!“.
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