"In Rembrandt seiner Essener Straße"

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Vor St. Mariä Empfängnis, Gemarkenstr. Beginn des Rundgangs durch das Malerviertel
 
Schauspieler Wolfram Bölzle in der Rolle des "Kunsthistorikers" punktete mit viel Wissenswertem und amüsanten biografischen Details aus dem Leben der Malerfürsten.
Essen: Rembrandtstraße | “Ohne Leidenschaft kann ich nicht malen!”

Kunstgeschichte hautnah und sehr lebendig

Einen echten Knüller hat der Bürgerbund Holsterhausen mit seinen etwas anderen Führungen durchs Malerviertel gelandet. Das fiel auch der Essener Marketing GmbH Anfang des Jahres auf. Sie belohnte die Ehrenamtlichen mit dem 1. Preis (4000 Euro !) des Kreativ-Wettbewerbs im Stadtbezirk III. Die legten noch eigene 20 Prozent drauf. Und so gibt´s die Führungen wie schon seit 2014 auch weiterhin kostenlos, ein echter Image-Erfolg fürs Viertel. Der Lust auf mehr macht!

Das Besondere?

Auf dem Weg durchs Maler-Viertel kann einem da ein echter „Alter Meister“ über den Weg laufen. So auch letzten Samstag: Wer kam da in der Nähe der Rembrandtstraße mit seiner Frau Hendrijke um die Ecke? Der Meister selbst mit Samtkappe und weitem Mantel. Alle waren auch gleich im Thema, denn der Essener Schauspieler Wolfram Bölzle als „Kunsthistoriker“ hatte Rembrandts bewegtes Leben bestens vorgestellt, wie zuvor schon das einiger anderer Malerviertel-Namensgeber. Lebenslustig und in Feierlaune hat Rembrandt sich oft selbst porträtiert. Aber auch der Tod seiner geliebten ersten Frau, Ärger mit der engagierten Kinderfrau (mit der er auch noch was anfing, sie aber nicht heiratete), Schaffenskrisen und Geldsorgen spiegeln sich deutlich in späteren Selbstbildnissen wider.

Als Bankrotteur (Rembrandt hatte sich an einem teuren Hauskauf verhoben) war er nicht mehr geschäftsfähig. Doch Not macht erfinderisch: Seine dritte Frau Hendrijke eröffnete mit seinem 14-jährigen Sprössling einen - Kunsthandel. Rembrandt „half unbezahlt“, Hendrijke verkaufte Bilder - auch von Rembrandt (weit unter Wert) - die er nun „hobbymässig“ malte und - seinem Sohn schenkte. Die Gläubiger kamen nicht ans Geld und die Familie konnte (bescheiden) leben. Alles zu erfahren in Holsterhausens Rembrandstraße.

Hier wiederum erfuhr ein überraschter „Rembrandt“, was etwa aus dem Auftrags-Porträt der Amsterdamer Schützengilde (heute weltberühmt als „Nachtwache“) wurde. „Wieso Nachtwache? Ich hab es am Tag gemalt!“, mischte sich der alte Meister irritiert in den laufenden Kunstvortrag ein. „Tja, der Firnis ist im Laufe der letzten 400 Jahre nachgedunkelt.“. „Aber das ist ja ein ganz toller Effekt!“ , entfuhr es dem sichtlich aufgewühlten „Rembrandt“.

"Raum und Zeit" überspringender Erkenntnisgewinn

Die nach unserer Ankündigung diesmal weit über 60 Kunstfreunde waren hingerissen vom „Zeit und Raum“ überspringenden Erkenntnisgewinn zwischen altem Meister und „modernem Kunsthistoriker“. Auch von der Szene, die Hendrijke ihrem Rembrandt zwischen parkenden Autos über sein chronisch geschäftsschädigendes Verhalten machte. Denn wieder mal hatten Auftraggeber nicht gezahlt, weil Rembrandt seiner Zeit weit voraus lebendige Szenen statt zeitüblich bestellter Genrebilder gemalt hatte. Sein Credo: „Ich bin Künstler. Ohne Leidenschaft kann ich nicht malen!“. Langer und herzlicher Applaus für die drei hervorragenden Schauspieler: Rembrandt / Sascha von Zambelly, Hendrijke / Sarah Mehlfeld und Kunsthistoriker / Wolfram Bölzle.

Weitere Stationen des Rundgangs:

Heinrich Lauenstein (1835 bis 1910) ermalte sich als „Düsseldorfer Nazarener“ einen Platz in der Kunstgeschichte - und eine Straße in Essen-Holsterhausen. „Nazarener“ waren deutsche Künstler zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die sich vor Industrialisierung und sozialen Umbrüchen in ein romantisch-verklärtes Zeitalter zurück sehnten und die Erneuerung der Kunst im Geiste des Christentums im Sinn hatten. Und wenn auch ab 1860 über das „Nazarenertum“ der Zeitgeist hinweg marschierte – als Professor für religiöse Historienmalerei an Düsseldorfs Akademie konnte Lauenstein seiner „biedermeierlichen Weltsicht“ treu bleiben.

„Unvergessen in Essen“ nicht nur durch die nach ihm benannte Straße ist auch Friedrich August von Kaulbach (1850 bis 1920). Der Vater sah sich als Maler, Goldschmied und Kupferstecher gezwungen selbst Banknoten zu stechen. Was leider aufflog. Dennoch erlaubte der unter Erfolglosigkeit leidende Mann dem begabten Sohn August die künstlerische Laufbahn, der in München nicht nur als geachteter Historienmaler, sondern auch als Zeichner von Goethes „Reinecke Fuchs“ einen Bestseller landete. Denn in Kaulbachs satirisch-bösen Tierporträts erkannten Zeitgenossen das verlotterte Hofleben wieder. Alarmiert legte die Zensurbehörde alles dem König vor, der sehr amüsiert den Druck erlaubte. Kaulbach wurde wohlhabend und 1886 Direktor der Münchner Akademie und „Straßenbesitzer“ in Essen.

Kostenlose Führungen, die sich weiteren Malern des Viertels widmen, gibt´s wieder an den Samstagen 6. und 20. August 2016, Treffpunkt 15 Uhr vor St. Mariä Empfängnis, Gemarkenstraße. Der engagierte Bürgerbund Holsterhausen bittet unter info@hbb-essen.de, via homepage hbb-essen.de oder telefonisch unter: 8567293 um freiwillige Anmeldung. (cd)


Fotos: Debus-Gohl (5)/Dai
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