"Was wäre, wenn ..." Stadtspiegel-Interview mit dem Schweizer Autor Peter Stamm

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Peter Stamm. (Foto: Gaby Gerster)

In Talkshows wird man ihn kaum finden - und auf Bildern, die ihn bei Preisverleihungen oder ähnlichem zeigen, wirkt er immer ein bisschen wie reinkopiert. Öffentliche Auftritte sind nicht Stamms Sache. Lesungen allerdings schon. Die Interaktion zwischen Autor und Leser hält er für eine wichtige Sache - schließlich kann der eine nicht ohne den anderen.

Im Medienforum des Bistums überzeugt der Schweizer Autor Peter Stamm mit der Lektüre des jüngsten Werkes aus seiner Feder - und stellt mit seinem Vortrag sogar Leseprofi und Schauspieler Christian Brückner, der das Hörbuch einsprach, in den Schatten. Ein solches Lob freut ihn, macht ihn aber auch verlegen. Er überzeugt lieber durch die Ausdruckskraft der Sprache und die Qualität seiner Bücher. Literarisches "Fastfood" schätzt er gar nicht.
Bei Stamm darf und soll der Leser sich einbringen. Er hält seine Sätze kurz und deutet vieles lediglich an: "Die Gefühle sollen im Kopf entstehen. Ich lasse den Leser frei in meinem Buch und er kann alle möglichen Dinge erleben. Wenn ich lediglich unterhalten werden möchte, schaue ich Filme."
In Stamms aktuellem Roman "Weit über das Land" verlässt ein Familienvater und Ehemann aus dem Augenblick heraus am Abend Haus und Familie und verschwindet. Thomas hinterlässt keine Nachricht und seine Frau Astrid folgt zunächst seinen Spuren, die sich jedoch wieder verlieren.

Großer Erfolg mit seinem Roman "Agnes"


In der Tasche trägt Stamms Held Zigaretten, ein Schlüsselbund, eine Taschenlampe, Zahnseide, ein Stofftaschentuch, etwas mehr als 300 Franken und eine Bankkarte.
Zahnseide, Stofftaschentuch? "Das hab ich auch selbst dabei", so der Autor: "Ich mische gerne autobiografisches mit Fiktion. Der Mann in dem Buch könnte ich sein, er arbeitet in der Firma, in der ich früher als Buchhalter gearbeitet habe. Und die Idee von einem Mann, der nachts durchs Land geht, hatte ich schon vor 15 Jahren."
Schon in Stamms Elternhaus gab es jede Menge Bücher und die ganze Familie hat gelesen. "Ich habe immer versucht, mir möglichst viel über möglichst viele Fachgebiete anzueignen." So hörte Stamm Vorlesungen über Kunstgeschichte, Musik, Philosophie, er studierte Anglistik, Germanistik, lebte ein halbes Jahr in New York - daher auch die Zahnseide in der Tasche seines Protagonisten - und setzte sich mit Psychologie und Psychopathologie auseinander.
"Ich bin ein neugieriger Mensch und Bildung ist mir wertvoll", behauptet Stamm von sich - und natürlich habe er dies alles auch studiert, um es in irgendeiner Form in seinen Büchern verwenden zu können. "Ein Schriftsteller muss schließlich möglichst alles wissen."
Nicht nur Thomas hat etwas von Peter Stamm, auch das Haus der Familie im Roman gleicht bis ins Detail dem Haus seiner Mutter in der Schweiz. "Natürlich habe ich sie vorher gefragt", schmunzelt er. Und auch Stamm reist gerne. Die Bergwanderungen von Thomas hat auch Peter Stamm absolviert. Als Journalist war er ebenfalls viel unterwegs und machte längere Reportagen. Zum Beispiel über "tamilische Arbeiter in norwegischen Fischfabriken" berichtet.
Hat auch er schon einmal überlegt, alles hinter sich zu lassen, sich gefragt was wäre, wenn er einfach wegginge? Stamm lebt mit seiner Familie und zwei Söhnen im Alter von elf und 14 Jahren in Winterthur. Bisher ist er geblieben.
"Ich habe meinen Kindern schon immer gerne vorgelesen", erinnert er sich. Auch an Lesungen liebt er, dass sie Sprache lebendig machen. Nach seinem eigenen Schreibstil hat er lange Zeit gesucht, seine ersten Geschichten fanden zunächst keinen Verleger. "Doch schließlich habe ich immer mehr meine Stimme gefunden." Hemingway war ein frühes Vorbild.
In "Weit über das Land" muss der Leser schließlich selbst entscheiden, was zum Weggang des Ehemanns und Vaters führte. "Solange Thomas verschwunden blieb, konnte sich nichts verändern", heißt es im Buch im Hinblick auf Thomas und Astrids Beziehung. Die Zeit bleibt quasi stehen. Ob er wiederkommt oder ob eine Rückkehr Fiktion ist - auch hier regt der Autor seine Leser zum Kopfkino an. Peter Stamm ist der Mann der Möglichkeiten - Stofftaschentuch und Zahnseide immer in der Tasche.
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