Essen Margarethenhöhe: „Summa cum laude - mit höchstem Lob“

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(v.l.) Luis Carlos Vazquez de la Torre, Frida (1), Dr. Katja Grundig-deVazquez und Mara (4).
Essen: Margarethehöhe | Wie schafft man das, als junge Mutter und Wissenschaftlerin preisgekrönt zu promovieren?

Wenn man von der alten Margarethenhöhe zur geretteten Karstadt-Hauptverwaltung hochfährt…, da saß jahrelang rechts in einem der schmucken Mehrfamilienhäuschen der 20er Jahre eine kleine, enorm tüchtige Frau aus dem Erzgebirge am Computer, über Büchern und über Wissenschafts-Artikeln. Sie kam dabei in ihrer jetzt preisgekrönten Doktor-Arbeit sozusagen einem „Geheimnis“ französischer Bildungsgeschichte auf die Spur:

Die Franzosen begehrten nach der Niederlage gegen die Deutschen im Erzfeinde-Krieg von 1871 zu wissen, was denn an der deutschen Erziehung so viel „siegreicher“ war. Jetzt hat die junge Frau mit zwei kleinen Kindern (und einem tollen mexikanischen Ehe-Partner) die Bestnote „summa cum laude“ für ihre dicke Doktorarbeit bekommen. Eine Professoren-Jury der Universität Duisburg-Essen hat ihr einen auch finanziell dotierten Sparkassen-Preis für ihre herausragende Leistung und Verdienste um die Wissenschaft verliehen.

Der berufstätige Ehemann aus Mexiko wuchs (in der Rolle des wohl wichtigsten Unterstützers der Essener Geisteswissenschaften) über sich selbst hinaus. Und das heißt schon was bei 1,92 eingewanderten lateinamerikanischen Metern. Das mit den Schwangerschaften und Geburten und der „längsten Geburt“, nämlich der Promotions-Arbeit während Kita und Kindergarten, das „kriegten“ die beiden jungen Eltern nur „gebacken“, weil er schon ab sechs Uhr arbeiten und auf dem Heimweg die beiden Mädchen abholen konnte. Während Katja Grundig-deVazquez forschte und tippte. Und forschte und tippte ...

Aus einer Lehrerfamilie

Dr. Katja Grundig-deVasquez hat in Jena und eine Zeitlang in Frankreich studiert, sie ist Pädagogin, Erziehungs-Wissenschaftlerin. Und unterrichtet werdende Lehrer. Ihr Großvater war einer im damals noch entlegeneren Erzgebirge. Und ihre Mama unterrichtete in einer Grundschule Deutsch und Kunst. Sie weiß also, was einen Menschen dazu bewegt, falls er den Beruf aus Idealismus erwählt. „Ich komme so recht eigentlich nicht aus einer Akademiker-Familie.“, sagt sie mit drolligem Understatement der Vollblut-Forscherin. Ihre betreuende Professorin, die „Frau Doktor-Mutter“, ist ebenso begeistert von ihr wie die wissenschaftliche Sparkassen-Jury. Und das bei dem wohl ausgesuchtesten aller „Orchideen“-Dissertations-Themen: „ Zur Pädagogischen Herbart- und Herbartianismus-Rezeption der Dritten Französischen Republik 1870 - 1913“. Dem Thema merkt man nicht an, dass es alle angeht.

„Nee, iss klar“ reagieren wohl die meisten. Herbartianismus? Doch hinter dem dezent gesagt „etwas sperrigen“ Titel versteckt sich eine spannende Aufarbeitung moderner Pädagogik in ihren Anfängen. Und deren Auswirkungen auf viele Länder in der Welt - bis heute.

Dr. Katja Grundig-deVazquez war aufgefallen: Der deutsche Philosoph, Psychologe und Pädagoge Johann Friedrich Herbart (1776 bis 1841) gilt als einer der Begründer der modernen Pädagogik. Überall auf der Welt, so in Nord- und Südamerika, Russland, England, Benelux, in der Schweiz und selbst in Japan hat der Herbart seine Spuren und seinen Einfluss hinterlassen. Nur im einst besiegten Nachbarland Frankreich sind seine Ideen nicht auf Interesse gestoßen? Warum? Weil die kein „H“ aussprechen können?

Im Ernst: Nach Herbarts Erfahrung und Erkenntnis ist Wissensvermittlung ohne gleichzeitige Erziehung nicht möglich. Und die daraus folgende Erziehungs-Aufgabe ist keine „Zumutung für Lehrer“. Die Frage, wieviel Erziehungsarbeit neben der reinen Wissensvermittlung Lehrer leisten sollen/ können/ dürfen, steht ja auch noch heute wieder „im gesellschaftlichen Raum“.

Herbart entwickelte also ein erstes pädagogisches System, dessen „Unterrichtsstufen“ er mit Klarheit, Assoziation, System und Methode benannte. Seine wissenschaftlichen Nachfolger erweiterten vor allem um die Analyse, die allem voran zu stellen sei.

„Lernen muss der Schüler selbst“

Aus seiner Praxis als Hauslehrer war Herbart schon damals ausdrücklich gegen autoritären Erziehungs-Stil. Er sah die Schule als Ort der Ermunterung und Erziehung zur Selbstständigkeit, der Lernprozess selbst liegt ohnehin bei den Schülern. Die nur so eine Chance auf charaktervolle Persönlichkeits-Entwicklung haben.

Seine wissenschaftlichen Nachfolger entwickelten seine Positionen weiter, die in vielen Staaten der Erde zur Grundlage wissenschaftlicher Pädagogik wurde, sagen wir mal, wenigstens in der Theorie. Nur in Frankreich sollte Herbarts Pädagogik völlig unbekannt sein?

Um das zu erforschen entwickelte Katja Grundig-deVazquez neue Methoden und Forschungs-Werkzeuge. Und kam dabei eben jenem „Geheimnis“ der französischen Bildungs-Politiker auf die Spur: Akribisch sammelte sie zahlreiche Hinweise in französischen Texten und wissenschaftlichen Abhandlungen, die den deutschen „Herbartianismus“ eben unzitiert verdeckt, „geheim“ in der französischen Pädagogik belegen! Alles schwarz auf weiss dokumentiert und analysiert auf fast 300 Seiten Doktorarbeit.

Wie schafft man das, neben Job und zwei kleinen Kindern?

Wie konnte „Mamma Doktor“ das entdecken und erforschen? „Dazu ist einfach der richtige Partner und Unterstützung der Uni nötig: "Meine Doktor-Mutter Prof. Dr. Rotraut Coriand hat selbst Kinder und Enkel. Ich konnte zeitlich flexibel arbeiten, auch mal nachts. Die Uni-Kita ist eine große Hilfe: Familie & Kinder sind ja kein Projekt, dass irgendwann mal beendet wird, wie auch die längste Doktorarbeit. Und: man/frau muss trennen zwischen Arbeit und Familie. Wenn ich mal was nicht geschafft habe, dann habe ich es eben am nächsten Tag fertig gemacht.“ , lacht die mit „summa cum laude“ promovierte Wissenschaftlerin glücklich. Während nebenan die Mädchen mit dem Pappa spielen und sich als heranbildende Charaktere - beide „Pizza !“ zum Abendessen wünschen.

Herbart hin, Herbart her: Ohne Fleiß kein Preis. Buen provecho! Und: Der alte Herbart hätte sicher seine wahre Freude in der Sommerburg. (cd). cd.

Hintergrund:
Der Wissenschaftspreis der Sparkasse Essen wird seit 1989 zusammen mit der Universität Duisburg-Essen ausdrücklich für herausragende Leistungen in Medizin, Wirtschafts-Wissenschaften und Geisteswissenschaften verliehen und ist in allen drei Disziplinen mit jeweils 5.000 Euro dotiert. In diesem Jahr übergaben Vorstandsvorsitzender Volker Behr von der Sparkasse Essen und Rektor Prof. Ulrich Radtke von der Universität Duisburg-Essen den Preis für die Spitzenleistung in den Geisteswissenschaften an Dr. Katja Grundig-deVazques. In der Medizin überzeugte Dr. med. Philipp Roman Gödel mit ausgedehnten Retrovirus-Laborversuchen. Und in den Wirtschaftswissenschaften war es die aus fünf englischsprachigen Essays bestehende Promotionsschrift des Politik-Wissenschaftlers Dr. Florian Möller, der seine Analysen unter anderem der makroökonomischen Entwicklung, Möglichkeiten von internationalen Handelsabkommen sowie dem internationalen Informations- und Wissens-Transfer resp. „Spillover“, dem Wissensfluss generell widmete. Alle drei Doktor-Arbeiten hatten das Prädikat „summa cum laude“ erhalten.
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