Transplantationszentrum: Uniklinikum Essen weist Vorwürfe entschieden zurück

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Verantwortliche des Essener Universitätsklinikums bei ihrer Pressekonferenz zu den Vorwürfen der Prüfungskommission.
 

Den Ärzten des Uniklinikums lag Samstag das Ergebnis der Prüfungskommission vor. Da hatte der Präsident der Bundesärztekammer die Süddeutsche Zeitung längst in Kenntnis gesetzt.

Verständlich, dass die Verantwortlichen und Beschuldigten in der Sache diese Angelegenheit als "Unding" empfunden haben. Nochmal zur Wiederholung:
Dem Transplantationszentrum des Uniklinikums wurden nach eingehender Prüfung gravierende Verstöße bei der Vergabe von Spenderorganen vorgeworfen. Empfangsberechtigte Patienten sollen auf der Liste der zu Transplantierenden in zu hohem Maße gegeneinander ausgetauscht worden sein. Die sogenannte Wechselquote der Patienten bei Organen, die im so genannten Rescue-Verfahren zugeteilt werden, sei viel zu hoch. Die Verwendung solcher Organe, die andere Institutionen abgelehnt haben, bilden den wissenschaftlichen und klinischen Schwerpunkt am Transplantationszentrum des Uniklinikums Essen.

Im Wettlauf um die Rettung von Menschenleben

Die Verantwortlichen entkräfteten die Anschuldigung damit, dass zum Teil Informationen über den Zustand des Patienten unbekannt gewesen seien oder der Patient aus unterschiedlichen Gründen nicht erreichbar gewesen sei. Desweiteren spiele das geringe Zeitfenster, das zur Verfügung stünde, eine erhebliche Rolle.
"Man muss sich das so vorstellen", erklärte Prof. Dr. Kurt-Werner Schmid, stellvertretender ärztlicher Direktor und Direktor des Instituts für Pathologie am Uniklinikum Essen, "sobald der Organspender verstorben ist, beginnt ein Wettlauf. Da zählt jede Minute. Ich habe schon Organe entsorgen müssen, die eigentlich ein anderer Mensch zum Überleben dringend gebraucht hätte. Deswegen rückt ein anderer Patient an die vorderste Stelle auf der Vergabeliste, wenn zum Beispiel ein Patient nachweislich, durch E-Mail, Fax oder Telefonlisten dokumentiert, aus den unterschiedlichsten Gründen nicht erreichbar gewesen ist."
Die Erfolgsquote von 90 % am Uniklinikum Essen im Vergleich zu 80% im bundesweiten Durchschnitt zeige deutlich, dass die hier angewandte flexiblere Praxis der Vergabe bei Rescue-Organen der richtige Weg sei.
Alle Anwesenden waren sich auch einig, dass ein solches Verfahren aus der Not heraus geboren sei, dass in Deutschland viel zu wenig Spenderorgane zur Verfügung stünden. Diese Vorgehensweise folge einem Notstandskalkül. In Österreich zum Beispiel sei die Versorgung deutlich besser, das dortige Transplantationsgesetz erleichtere die Entnahme, so dass die regelrechten Organspenden auch den tatsächlichen Bedarf decken könnten.
Eine Bevorzugung von Patienten aus nicht-medizinischen Gründen wiesen alle Verantwortlichen deshalb entschieden zurück.
Der Bericht der Prüfungskommission beanstandete zusätzlich, dass bei einigen Patienten die Angaben der Tumorgröße, die ausschlaggebend für die medizinische Berechtigung zur Transplantation ist, nicht exakt bemesen worden sei.
Die Befunde seien durch externe, unabhängige Radiologen begutachtet und für rechtmäßig befunden worden. Der Prüfungskommission gehörten allerdings ausschließlich Chirurgen an. Interdisziplinär müsse aber zwingend eine Zusammenarbeit auf Vertrauen basieren.

Größe des Tumors entscheidet

Die Karenzzeit von sechs Monaten bei dokumentierter alkoholinduzierter Leberzirrhose bis zur Spende der Leber soll in verschiedenen Fällen unterschritten worden sein. Diese Vorwürfe wies das Uniklinikum mit der Begründung zurück, eine solche Karenzzeit sei zum einen menschenverachtend und verfassungswidrig. Zum anderen seien die angezweifelten Fälle entweder zurückgenommen worden oder die Alkoholkarenz sei durch externe Konsile belegt.
Die Dokumentationslücken, die bereits bei einer früheren Prüfung durch die Kommission aufgefallen waren und festgehalten wurden, seien inzwischen alle behoben.
Abschließend wurde eine Klage seitens des Klinikums gegen den Bericht der Kommission nicht ausgeschlossen, man warte aber zunächst die Gegenreaktion auf die heutige Stellungnahme ab.
Grundsätzlich hoffe man aber aus ärztlicher Sicht auf eine spürbare Verbesserung der Versorgung der Patienten mit Spenderorganen.

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Text und Foto: Sabine Beisken
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