Die zweifelhaften Erfolge von Hartz IV – Jobcenter als soziale Brennpunkte

Anzeige
Essen: LSG NRW | Am 03.08.2017 veröffentlichte Niclas Seydack für die die VICE Media GmbH, Berlin, einen Beitrag mit dem Titel „10 Fragen an eine Jobcenter-Mitarbeiterin, die du dich niemals trauen würdest zu stellen“. 
(VICE Media GmbH, Rungestraße 22–24, 10179 Berlin)

Der Artikel reflektiert die Erfahrungen einer 23jährigen Mitarbeiterin aus Nordrhein-Westfalen, die seit drei Jahren in einem Jobcenter arbeitet.

Seydack schreibt: „Zufrieden ist mit dem System niemand. Empfänger nennen sich selbst "Sklaven" der Bundesagentur für Arbeit und selbst der Erfinder und Namensgeber Peter Hartz sagte wenige Jahre nach der Einführung (Anm.: 2007): "Herausgekommen ist ein System, in dem Arbeitslose bestraft werden."“

Ich erlaube mir die letzte Frage vorzuziehen.

Wie hoch ist die Arschloch-Quote unter deinen Kollegen?

„Zehn Prozent, aber die sind dafür richtige Arschlöcher. Ich will meine Kollegen manchmal anschreien, warum sie sich so scheiße gegenüber einem anderen Menschen benehmen. Ein Kollege redet ausschließlich im Befehlston mit seinen Kunden. Der meckert sie schon an, wenn sie nur was falsch ausfüllen. Kein Bitte, kein Danke, nichts. Interessant ist: Das sind die Kollegen, die besonders oft die Wachmänner rufen. Aber ist ja auch klar, wenn man seine Kunden nur provoziert. Das sind übrigens meistens die Kollegen, die befristet angestellt sind.
Die wissen, wie es ist, arbeitslos zu sein, und missbrauchen ihre Macht, wenn sie mal auf der anderen Seite des Tisches sitzen.“


Soweit die Einschätzung der Insiderin.

Tausende Gespräche mit Betroffenen und Hunderte von Beistandsterminen haben auch mich gelehrt gründlicher zu unterscheiden, welche Jobcenter-Mitarbeiter gefährlicher sind als andere und welche Position sie bekleiden. Aber auch die Erwerbslosen lassen sich vielschichtig klassifizieren.

Arbeitsqualität

Wenn wir aber die Fakten sprechen lassen, so zeigt bereits die Dokumentation rechtswidriger Sanktionen die Abgründe menschlicher Verrohung.

Auf meiner Internetseite www.beispielklagen.de dokumentiere ich derzeit 26 rechtswidrige Sanktionen, davon vier á 10%, zehn á 30%, vier á 60% und sogar acht rechtswidrige 100%-Sanktionen. Ich kenne die Namen der Opfer und der Täter.
Jede Klage durchlief zunächst die Widerspruchstelle als “Qualitätssicherung“. Die Behörde versagt. Nicht nur rechtmäßig zustehende Leistungen . . .

Aufgrund meiner Arbeit habe ich Kenntnis von Dutzenden weiterer rechtswidriger Sanktionen, aber für jede anonymisierte Veröffentlichung benötige ich das Einverständnis der erfolgreichen Kläger. Je mehr, desto besser.

Nach der realen Existenzbedrohung durch Sanktionen leite ich zum Thema systematischer Demütigung Betroffener über.

Was am deutschen Sozialstaat findest du beschissen?

„Die Lebensmittelgutscheine. Keine Verkäuferin der Welt nimmt die mit Würde an. Wenn du die rausholst, sieht jeder, dass du Gutscheine kriegst, und fragt sich: Warum? Was hat der denn verbrochen?“

Das Jobcenter Märkischer Kreis hält sich nachweislich nicht an die gesetzlichen Rahmenbedingungen des § 24 SGB II/§ 10 SGB XII. Die regelmäßige Missachtung der gesetzlichen Vorgaben ist aber kaum eine hundertfache individuelle Einzelfall–Entscheidung der Mitarbeiter. Viel wahrscheinlicher ist eine Arbeitgeberabhängige Vorgabe zur vorsätzlichen Demütigung der „Kunden“, hier bekannt als „Iserlohner Dorfrecht“. Der Fisch stinkt immer vom Kopf her.

Die Praxis der „Gutscheinvergabe im Jobcenter Märkischer Kreis und die zugehörigen Bearbeitungskosten“ zeigen den Irrsinn der Demütigungsschikanen.

Ein aktuelles extremes Beispiel der Schikanepraxis belegt ein Schreiben vom 20.06.2017 indem eine Sachbearbeiterin anstelle einer schlichten Bargeldauszahlung für dringend erforderliche Rezeptzuzahlungen einen „Jobcenter-Gutschein“ über 10 Euro für eine Apotheke ausstellt und damit vorsätzlich schützenswerte Sozialdaten öffentlich machte.

Zudem forderte sie die betroffene Person auf ein Info-Blatt „Belehrung über die möglichen Folgen unwirtschaftlichen Verhaltens“ zu unterzeichnen.

Jobcenter machen krank

Wie verheerend die Arbeitsbedingungen in Jobcentern sind“ hat der
Tagesspiegel in einem durchaus lesenswerten Artikel von Marie Rövekamp am 07.05.2017 skizziert.

Ein ehemaliger Sozialarbeiter und Jobcenter-Mitarbeiter reflektiert über seine Erlebnisse aus zehn Jahren Arbeit im Jobcenter Neukölln. Er zeigt glaubwürdig auf, dass Jobcenter-Mitarbeiter nicht nur Täter, sondern auch Opfer sind.

Auffällig ist auch der überproportionale Krankenstand. „In Berlin sind an den zwölf Standorten 7244 Mitarbeiter tätig. 5680 in Vollzeit, 1564 in Teilzeit. Während Beschäftigte in Deutschland im Schnitt 15,2 Tage fehlen, weil sie krank sind, fallen Mitarbeiter in Berliner Jobcentern zwischen 17,9 und 25,6 Tagen im Jahr aus. So viele wie in keiner anderen Branche sonst.“ 

Ähnlich hohe Ausfälle sind aus anderen Jobcentern bekannt.

Da kann es nicht wirklich überraschen, wenn sich Sanktions-Vollstrecker und Sanktionierte beim gleichen Psychotherapeuten im Wartezimmer treffen.

„und manchmal gibt's was auf die Fresse“ - Security und Panzerglas

Krankenhäuser und Kirchen kommen ohne Security und Panzerglas aus. Jobcenter nicht.

Nette Plakate werden in Jobcentern ausgehängt. Gewaltprävention. Wir möchten in aller Ruhe weiter sanktionieren und drangsalieren.

Bekannt ist das Problem schon lange. Thematisiert wurde es erst nach den ersten Todesfällen in Jobcentern. Z.Bsp.

23.05.2011, von Miriam Hollstein, welt.de
Jeder vierte Jobcenter-Mitarbeiter angegriffen
„Die große Mehrheit der Mitarbeiter von Jobcentern fühlt sich am Arbeitsplatz gelegentlich oder oft unsicher oder bedroht. Jeder vierte war schon einmal Opfer eines Übergriffs. Dies geht aus einer noch unveröffentlichten Studie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung hervor. Die häufigsten Übergriffe durch Kunden waren dabei Beleidigungen oder Verweigerungshaltungen.“

Befragt wurden insgesamt 2194 Beschäftigte aus bundesweit zwölf Arbeitsgemeinschaften im Zeitraum vom Januar 2008 bis Januar 2009.

04.08.2011, von Marc Widmann, sueddeutsche
Übergriffe in Jobcentern - Krieg auf dem Arbeitsamt
"Körperverletzung und Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und Morddrohungen: Die Wut auf die Harz-IV-Gesetzgebung entlädt sich zunehmend in den Jobcentern. Leidtragende sind die Sachbearbeiter. Der Alltag auf einem Amt in Frankfurt."

Ausgabe 7/8 • 2013
Gewalt am Arbeitsplatz
Fachzeitschrift für Prävention, Rehabilitation und Entschädigung
Forum

Polizeieinsätze in Jobcentern häufen sich.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.