"Heute geht es nur noch ums Gewinnen"

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Elf Jahre lang jubelte der Gelsenkirchener Anhang Klaus Fischer von den Rängen des Parkstadions zu. Von 1970 bis 1981 erzielte der Stürmer für den FC Schalke 04 182 Tore in 295 Bundesligaspielen. (Foto: Elmar Koenig)

Der Blick bleibt auf dem makellosen Grün hängen. „Früher war der Rasen um diese Jahreszeit in einem ganz anderen Zustand“, sagt Klaus Fischer. Dann wandern seine Augen über die Tribünen des Gelsenkirchener Parkstadions, das längst eine Ruine ist. Große Teile der ehemaligen Heimspielstätte des FC Schalke 04 wurden bereits vor Jahren vom Bagger abgetragen.

Seit dem Jahr 2001 trägt der Bundesliga­verein seine Heimspiele in der benachbarten Multifunktionsarena aus. Der Fußball, der heute dort gespielt wird, sei ein völlig anderer als zu seiner Zeit, findet Klaus Fischer. Und kaum eine Position auf dem Feld habe sich im modernen Spiel so sehr gewandelt wie die des Mittelstürmers.

Hinter dem legendären Gerd Müller ist Fischer (der in dieser Saison gemeinsam mit Thorsten Legat als Experte beim Lokalkompass-Tippspiel „Steilpass“ mitmacht) der erfolgreichste Torjäger der Bundesligageschichte. Von 1968 bis 1988 erzielte er in 535 Punktspielen 269 Tore. Dass der gebürtige Niederbayer lediglich auf 32 Treffer in 45 Länderspielen kommt, ist vor allem der damals großen Konkurrenz geschuldet.

Rummenigge und Hrubesch als Konkurrenten

Nie hatte der deutsche Fußball mehr Stürmer von Weltklasseformat als in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Das verdeutlicht bereits ein flüchtiger Blick auf den Kader der Nationalmannschaft für die Weltmeisterschaft 1982. Fischers größte Konkurrenten waren Karl-Heinz Rummenigge, 1980 und 1981 Europas Fußballer des Jahres, und Horst Hrubesch, der bei der Europameisterschaft 1980 Deutschland mit zwei Toren im Endspiel gegen Belgien den zweiten EM-Titel sicherte. Fischer traf bei dem Turnier in Spanien in der Zwischenrunde beim 2:1-Sieg gegen die Gastgeber und sechs Tage später per Fallrückzieher gegen Frankreich. Dieses Halbfinale, in dem Deutschland in der Verlängerung aus einem 1:3 dank Rummenigge und Fischer noch ein 3:3 machte und das anschließende Elfmeterschießen mit 5:4 gewann, gilt als eines der spektakulärsten Spiele der WM-Geschichte.

Heute wäre der Mittelstürmer Klaus Fischer in der Bundesliga beinahe schon ein Exot. Ihm selbst fallen auf Anhieb lediglich zwei Spieler ein, die diese Position noch halbwegs klassisch interpretieren und damit erfolgreich sind: den Schalker Klass-Jan Huntelaar und Stefan Kießling von Bayer Leverkusen.

Kaum echte Stürmer in den Jugendmannschaften

An diesem Zustand werde sich so schnell nichts mehr ändern, befürchtet der 65-Jährige. Als Mitglied des Schalker Ehrenrats verfolgt Fischer die Entwicklung in dem Verein, für den er von 1970 bis 1981 spielte, mit einem kritischem Blick, der auch die Nachwuchsarbeit nicht übersieht. So fehle es allen Jugendmannschaften der Königsblauen an guten Mittelstürmern. Seine Erklärung: „Heute möchte auf dieser Schlüsselposition niemand mehr spielen, weil du gnadenlos an Toren gemessen wirst und nur auf die Socken kriegst.“

Der Fußball vor drei, vier Jahrzehnten habe mehr Tore und mehr Aktionen geboten, findet Fischer, der auch mit der Stimmung auf den Rängen der Bundesligastadien fremdelt. „Heute geht es den Zuschauern nur noch darum, dass ihre Mannschaft gewinnt, egal wie.“

Klaus Fischer selbst ist trotzdem so gut wie immer einer von knapp 62 000 Zuschauern bei den Heimspielen des FC Schalke. Der Verlauf der Hinrunde sei trotz des fünften Tabellenplatzes schlichtweg enttäuschend gewesen. „Die Mannschaft hat spielerisch nicht überzeugt.“ Sidney Sam habe als prominentester Neuzugang die Erwartungen nicht erfüllt. Außerdem sei die Mannschaft von Verletzungen gebeutet gewesen, mit dem fast schon kuriosen Ausfall von Julian Draxler im Heimspiel gegen den FC Augsburg als Tiefpunkt: „Dass ein Spieler sich schon nach elf Sekunden so schwer verletzt, habe ich noch nie gesehen.“

Vereine bedienen zu sehr die Märkte

Er selbst sei in seiner 20-jährigen Profilaufbahn von Verletzungen weitestgehend verschont geblieben, sagt Fischer. Einen wesentlichen Grund für die hohe Zahl verletzter Spieler sieht er in einer falschen Saisonvorbereitung vieler Vereine, die Testspiele in aller Welt austragen, um „die Märkte zu bedienen“. Zudem sei bei vielen Profis die Spanne zwischen Urlaub und erstem Spiel zu kurz.

Ohne Häme sieht er die Entwicklung beim großen Rivalen aus Dortmund. Der Absturz auf einen Abstiegsplatz mit einer so gut besetzten Mannschaft sei unglaublich. Abgeschrieben hat er den Lieblingsgegner der Schalker keineswegs: „Die Borussia wird eine Serie starten und in der Tabelle nach oben klettern.“ Dass sich der Hamburger SV und Werder Bremen ebenfalls in den unteren Regionen der Liga aufhalten, sei hingegen absehbar gewesen.

Ob Borussia Dortmund, der Hamburger SV und Werder Bremen die Klasse halten, bleibt möglicherweise bis zum letzten Bundesligaspieltag offen. Klar ist, dass kurz darauf die Fußballschule von Klaus Fischer wie gewohnt durch Deutschland zieht. In Nordrhein-Westfalen macht sie in den Sommerferien hier Station:
- DJK Blau-Weiß Gelsenkirchen (29. Juni bis 3. Juli)
- Sporthaus Babion in Steinheim/Kreis Höxter (6. bis 9. August)
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