Ambivalenter Spannungsbogen

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Die Ausstellung „Unter die Haut“ in den Räumen von kunstwerden zeigt die erstaunliche Bandbreite Zahra Hassanabadis. Foto: Henschke
 
Höchst ästhetisch bearbeitete Nacktbilder der iranischen Schauspielerin Golshifteh Farahani klagen an. Foto: Henschke

Die neue Ausstellung von Zahra Hassanabadi in Kunstwerden geht „unter die Haut“

Sie haben es getan. Es soll aber nicht zu Regel werden: Der Kunstbeirat von „kunstwerden“ hat sich entschieden, eine Künstlerin zum zweiten Mal zu präsentieren. 2009 noch in den alten Räumen mit der Ausstellung „Um den Kopf“, ist Zahra Hassanabadi diesmal mit nicht weniger berührend-verstörenden Werken zu sehen.

Zahra Hassanabadi wurde 1964 im iranischen Šīrāz geboren. In der iranischen Kunstszene hatte sie als Foto-Künstlerin bereits einige Erfolge. In politisch motivierter Schwarzweiß-Fotografie setzte sie sich mit der Gesellschaft im Iran auseinander, mehr und mehr auch in Malerei und Zeichnung. Seit 2001 lebt Hassanabadi jedoch in Deutschland. Durch ihre Erfahrungen von politischer Verfolgung und dem Verlust der Heimat richtete die zierliche Frau ihren Fokus verstärkt nach innen, um das Erlebte in eigene, sehr persönliche künstlerische Äußerungen zu verwandeln. Hassanabadi gelingt es, gerade durch die Wahl spitzer Materialien wie Nadeln und Zahnstocher, eindringliche Bilder von physischem Schmerz und seelischer Qual zu kreieren. Aber, hier droht der schmale Grat, nie haben ihre Werke falsches Pathos, gleiten nie in plakative Künstlichkeit ab. Hier spricht blanke Seelenpein.

Hollywood gleich CIA?

Daher wohl auch der in dieser Ausstellung stark spürbare Bezug zu Golshifteh Farahani. Eine junge iranische Filmschauspielerin. Begabt, beliebt, bildhübsch. Als sie sich mit Hollywood einließ, fing das iranische Regime an, Farahani zu terrorisieren. Auslöser war der Film „Body of Lies“ von Ridley Scott, hier spielte sie an der Seite von Leonardo DiCaprio und Russell Crowe. Der Start einer Hollywood-Kariere und gleichzeitig ein schmerzlicher Bruch mit der Heimat. Die Behörden nahmen ihr den Pass ab und erteilten Ausreiseverbot. Farahani wurde vor das Revolutionsgericht gezerrt. Sie sei eine Gefahr für die nationale Sicherheit, Hollywood wurde mit der CIA gleichgesetzt. Aufgrund dieser Erlebnisse beschloss sie, den Iran zu verlassen, lebt heute in Paris. Ihre Antwort auf die Verfolgungen und Beschimpfungen war, nackt in der „Madame Le Figaro“ und auf dem Titel des französischen Kult-Magazin Égoïste zu posieren, das auch schon Andy Warhol und Mick Jagger geziert hatten.

Verletzte Oberflächen

Diese höchst ästhetischen Nacktbilder waren sichtbare Zeichen der Befreiung einer jungen Frau, raus aus dem aggressiven Machismo eines dumpfen, religiös- verbrämten Zugriffes der Sittenwächter. Zahra Hassanabadi verwandte ein besonders anrührendes Foto, die Schauspielerin blickt schwermütig, fast trotzig, aber auch verletzlich in die Kamera, schützt ihre entblößten Brüste mit den Händen. Größer könnte der Kontrast nicht sein zur Situation der Frauen in der Heimat Iran, strengen Kontrolle unterworfen. Zahra Hassanabadi „spickt“ Abzüge der Fotos mit Nadeln, verletzt ihre Oberfläche, beschützt sie jedoch gleichzeitig. Oft wogen ihre Nadeln wie Weizenfelder im Wind, so gelingt es, mit überraschend weicher Wahrnehmung spitzer Materialien einen ambivalenten Spannungsbogen zu erzeugen. Gewaltsamer Zugriff auf den Körper geht einher mit der expliziten Betonung seiner Zartheit. Hierin spiegelt sich der männliche Zwiespalt. wieder. Im Mann entsteht der Wunsch, die Frau zu beschützen, aber auch das Verlangen, sie zu „besitzen“. Oft endet dies in roher, physischer Gewalt, in Verletzungen. Hassanabadi hat ihren Weg gefunden, dies zu beschreiben, lässt Sinnlichkeit des Materials zu, beweist großes Gespür für Form mit einer nur auf den ersten Blick schmeichelnden Haptik.


Konsumterror

Auch bleiben ihre Werke nicht nur im spezifischen Blick auf ihr Heimatland gefangen. Hassanabadi taucht tief in den Kanon westlicher Werte ein und entdeckt hinter der Kulisse einen ganz anderen „Zwang“: Nicht mit körperlicher Gewalt, nicht mit Drohungen, sondern viel subtiler: Der Terror des Konsumzwangs. Auch hier geht Privatsphäre verloren, wird vor allem der weibliche Körper seiner Autonomie beraubt. Die Kleidung als „zweite Haut“ bestimmt, wie wir wahrgenommen werden (wollen?). Die massiven Forderungen des Marktes sorgen dafür, dass der Körper verwandelt wird, hier im Westen allerdings in ein Konsumgut. Einziger Zweck von massiv zur Schau gestellten, ständig wechselnden Mode- und Schönheitsidealen ist es, uns das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Der hohe sinnliche Reiz der hier ausgestellten Werkgruppe „Konsummanie“ steht im eklatanten Widerspruch zur enthaltenen Konsumkritik. Versinnbildlicht wird dies durch die Verwendung von „armen“ Materialien wie Reststoffen, abgeschnittenen Etiketten, Kassenzetteln und immer wieder Nadeln und Zahnstochern.


Bis zum 4. November

Zahrah Hassanabadis „Unter die Haut“ ist in den Räumen von „kunstwerden“ im TOR 2, Ruhrtalstraße 19, freitags von 20 bis 24 Uhr und sonntags von 15 bis 18 Uhr zu sehen. Die Ausstellung endet am Freitag, 4. November.
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Gottfried (Mac) Lambert aus Goch | 25.10.2016 | 17:26  
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