Forum d´Avignon Ruhr: Kreativität: Hoffnung oder nur ein Hype?

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Für Wirtschaftsminister Duin ist "Kreativität" der neue Rohstoff in NRW. Foto:© Vladimir Wegener/ecce GmbH
 
Reger Austausch auch in den Pausen: (v.l.) Prof. Kurt Mehnert (Folkwang) und Essens Kulturdezernent Andreas Bomheuer.
 
Ecce-Chef und Organisator Prof. Dieter Gorny.
Essen: Philharmonie | Zwei NRW-Minister riefen 300 Kreativ-Wirtschaftler und -Verwalter zum Forum in die Philharmonie

Besonders hochkarätige Fachleute von Gorny bis Precht folgten zum 70. NRW-Geburtstag der Einladung: Die NRW-Kultur- und Wirtschaftsminister luden als Mitfinanziers zur Kreativ-Tagung in die Philharmonie: Unter 300 Teilnehmern aus ganz Europa auch die Minister Christina Kampmann und Garrelt Duin persönlich. Den Rahmen der anspruchsvollen Veranstaltung gab das „Forum d`Avignon Ruhr“ (dt.-französische Partnerschaft zwischen dem „Think-Tank“ der Festspielstadt und dem im Revier ansässigen European Centre for Creative Economy (ECCE). Anders als lokale Kultur-Amtsträger wie Folkwang-Mehnert und Dezernent Bomheuer schienen die Minister – auch durch ECCE-Chef Dieter Gornys Statements - ins Grübeln zu kommen.

„Rohstoff“ im Gehirn?

Minister Duin sieht, anders als der kreativ „bewusst frei sprechende“ Richard David Precht, Kreativität lieber als das neue „raw-material“. Das die endgültig zu Neige gehende Kohle ersetzen soll: „Ein ebenso kostbarer Rohstoff wie seinerzeit das schwarze Gold, das es aber nun aus den kreativen Köpfen zu heben gilt.“. Der Wirtschaftsminister hat fest den Blick auf neue Arbeitsplätze und Jobs zu richten. Und Zahlen scheinen ihm Recht zu geben: Allein in NRW zählt man inzwischen „300.000 Beschäftigte in der Kreativ-Wirtschaft“, die jährlich rund 145 Millionen Euro erwirtschafte. Im Prinzip wenigstens: Den kürzlichen Hannelore-Kraft-Fauxpas „Beschäftigte – Erwerbstätige“ (Angestellte versus Freie) mal außen vor.

Erfolgsgarantie? Gibt es nicht!

Doch Kreativität auf Knopfdruck gibt´s nicht. Precht so gar nicht philosophisch: „Alles auf Effizienz trimmen zu wollen ist vollends ineffizient“. Daher sei Deutschland derzeit „zutiefst unkreativ“! Denn im Vergleich zu Erfindungen, wie sie vor über 100 Jahren zur Industrialisierung führten (Dampfmaschine, Auto, Telefon) sieht er heute Ähnliches nicht am Start. Und schon gar nichts, was die Menschheit voran bringen würde. Gut, das Smartphone läßt er gelten, wenn auch nicht gerade aus Deutschland, aber - bringt´s uns nach vorne?

Tagungs-Trend:

Die gute alte Deutschland AG kriselt trotz aller Export-Überschüsse, händeringend suchen alle Branchen „Ideen mit Potenzial“. Die Zauberformel „Innovation durch Kreative“ soll´s nun richten. Und die Erbsenzähler und Controller fordern aus ihrer Logik: bitte ohne (teure) Fehler und gefälligst mit Garantie auf Erfolg.

Kreativität gegen Excel

Geniale Erfindungen aber sind nicht planbar, Kreativität braucht Umwege und Zeit, das richtige Wohlfühl-Klima, Querdenker. Überm Großen Teich, im Silicon Valley werden kommerzielle Innovationen fast „nur noch im Team“ entwickelt. Was nebenbei das Urheberrecht des Einzelnen killt. Wie kommen Kreative dann an den Lohn für ihre Erfindungen, wer hat welchen Anteil daran? Kreatives Denken lässt sich nicht als Excel-Datei abspeichern. Und: Ist das der Grund, warum Geldgeber / Entscheider / investierende Firmen „Teamwork“ so richtig Spitze finden? Die Wertschöpfung aus der Kreativität fließt stattdessen in fremde Taschen.



Die Profi-Kreativen auf dem Forum wirkten ein bisschen erschrocken über das eigene Nachdenken. Auch von der neuen Aufgabe als Weltproblem-Löser, die ihnen von der Mehrheit der nicht-kreativen Nutzniesser angetragen wird: Menschheitsgeschichte als durchgängige Story der Kreativität. Nur so wurden Rohstoffe im Bergbau entdeckt, mit Kohle-Energie Metalle zu Werkzeugen (und Waffen) entwickelt und Geld verdient. Heute, mit Beginn des Verteilungskampfes um die letzten natürlichen Ressourcen, geht es wirklich darum, die Kreativität Einzelner „als Rohstoff“ zu entdecken?! Für unsere Zukunft?

Selbst in den Pausen diskutierte das bunt gemischte Zufalls-Gremium heftig weiter: über den Klimawandel mit seinen erst noch kommenden, viel größeren Flüchtlings-Strömen.

Und immer wieder wurde im Forum ausgesprochen wie unausgesprochen an die lokale wie die NRW-Ebene die Frage gestellt: Kann Verwaltung überhaupt kreativ arbeiten? Gut, eine Frage, deren Antwort die meisten schon zu wissen schienen.

Generalisten? Fehlanzeige!


Nochmal Precht dazu: „In der Welt der Planer gibt es keine sog. Narrative, keine humane Geschichte. Planstellen sind das Gegenteil von Kreativität.“ Aber noch nie wäre die Gesellschaft so dringend auf Kreative angewiesen.Um aber schöpferisch zu werden, braucht man - Bildung. Precht: „Wir brauchen dringend Generalisten! Doch typischerweise bietet inzwischen keine deutsche Uni mehr ein Studium Generale an.“

End of carreer für den umfassend Gebildeten, den es aber für unkonventionelle Ideen braucht.

Beispiel für schlechte Politik, die Fehl-Einschätzung des Reviers: Hätten sich so viele anerkannt kreative Köpfe in München, Köln oder Berlin getroffen, dies wäre zu Recht per Fernsehen übertragen worden. Und hier war tatsächlich mal kreatives Großwild auf der Piste, fast unbemerkt und ohne Fernseh-Hype. Wir aber lagen für unsere Leser auf der Lauer.

Organisator und Gastgeber Dieter Gorny, längst wie Minister Duin im Essener Süden zu Hause, hielt sich als ecce-Geschäftsführer unerwartet bescheiden im Hintergrund. Als Ex- Chef von VIVA und derzeit Chef des Musikindustrie-Verbandes sollte er Risiken wie Chancen der Kreativ-Wirtschaft gut kennen.

Positiver Ausblick?

Hat sich nach der Kulturhauptstadt 2010 was getan und können wir hier zu Recht stolz auf unsere Kreativen sein? Wie in ganz Deutschland stimmen in Wahrheit die Menschen auch hier immer mehr mit den Füssen ab, besuchen mittlerweile in Scharen ihre Theater, Museen und Kultur-Events, die Universitäten boomen. Angebote zur Bildung blühen ebenso wie die zur Selbst-Verdummung.

Was kann Verwaltung?

Deswegen scheinen bei aller, teils provozierten Kritik an „den Institutionen“ (vor allem an deren personellen Besetzungen und deren Zustandekommen im Revier), solche Treffen wie das Forum d´Avignon Ruhr doch wichtig: Hier bekämen Politiker und Kreativ-Verwalter, wenn sie denn hören, Argumente und Anregungen, positive Beispiele aus ganz Europa an die Hand. Die sie dringend benötigen, um – widerstrebend ohne Effektivitäts- und Erfolgs-Garantie – mehr als ausreichend Mittel für Bildung und Kultur durchzusetzen. Und sie lernen aktive Kreative kennen, werden vielleicht an eigene Ideale erinnert.

„Kultur für alle!“ forderte hier im Revier schon in den 70ern Oberhausens großer Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann bundesweit. (Bevor er sich an den Main verabschiedete). Vielleicht ist die Saat ja jetzt erst dabei aufzugehen, unter dem Druck wachsender Probleme. Und hilft, aus der Kraft-Zentrale Ruhrgebiet zum nötigen Neu-Anfang in so veränderten Zeiten?

Die Meinungen der Skeptiker und die der Naiven trafen sich im Satz eines Teilnehmers, in Essens altem Saalbau mit Blick aufs Aalto-Opernhaus. Das in dieser Stadt auch Jahrzehnte brauchte, vom genialen Entwurf bis zur abgespeckten Bau-Ausführung. Generell: „Wir dürfen es diesmal einfach nicht vermasseln. Es steht zuviel auf dem Spiel.“.


Ein netter 2. Preis ins Revier

Philharmonie: Beim ECCE-Forum waren 105 Kreativ-Bewerbungen eingegangen

Essen. Bei der Preisverleihung „NICE-Award“ im Rahmen des überregionalen Essener Forums zur Kreativ-Wirtschaft letzte Woche schien bei der Vorstellung der Projekte auch der sonst so coole Leiter des European Centre for Creative Economy, Dieter Gorny, angerührt von der Power und dem Idealismus der Gewinner. Die Jury hatte unter 105 Projekt-Bewerbungen aus 25 Nationen auszuwählen.

Den ersten Preis gab´s gleich zweimal:

Für „Makerversity“ eine Web-Plattform für kreative Jungunternehmen (Amsterdam und London), die sich in einem virtuellen Campus austauschen. Und - zum Thema - für das Berliner Projekt „Refugee Open Cities“, das Flüchtlingen zur Selbsthilfe helfen will, die Lebensqualität in Unterkünften zu verbessern.

Zweiter Platz fürs Revier,
fürs Dortmunder Projekt „Machbarschaft Borsig 11“, das mit einer Ideen-Währung („Public Residence: Die Chance“) allen gutmeinenden Borsig-Viertel-Bewohnern, flankiert vom rechtsradikalen Milieu ein Ideen-Guthaben zuweist. Von dem für originelle Eigeninitiativen und Veranstaltungen für ihr Quartier „abgebucht“ werden kann. Name der geschenkten Währung statt Euro: „Chance“.
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