"Männleinmalen"

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Thomas Plaßmann

Es war ein großer Erfolg – die Ausstellung „umsonst und draußen“ in der Weihnachtszeit. 50 Karikaturen von Thomas Plaßmann beschäftigten sich mit dem Fest der Liebe und waren großformatig in den Schaufenstern der Werdener Altstadt zu sehen: „Es gab immer gute Laune trotz oft schlechten Wetters, viele Gäste von auswärts fragten sich, warum es so etwas bei ihnen nicht gebe.“

Der Werbering lud ins Bürgermeisterhaus, um Thomas Plaßmann bei der „Finissage“ live zu erleben. Der bekannte Karikaturist skizzierte, plauderte, referierte, lachte sich unter dem Motto „Männleinmalen“ durch einen vergnüglichen Vormittag. Wie funktionieren seine Zeichnungen? Ein Beispiel: „Die Redaktion sagt, mach was über Erziehungsurlaub für Väter. Wissen Sie, wie das ist, wenn man der einzige Vater im Kindergarten ist? Auf diesen viel zu kleinen Stühlen hockt und bastelt, dabei die Schere falsch hält? Wenn ihnen fremde Damen helfen wollen, den Kleinen ordentlich anzuziehen?“ Sein Bild dazu? Der Vater sagt: „Der Papa macht jetzt Erziehungsurlaub“ und der Nachwuchs denkt: „Weichei!“

Spitze Feder

Stets werde von spitzer Feder gesprochen und einem Bild, das mehr sage als 1.000 Worte. Doch was braucht es? Zunächst: „Man muss in der Lage sein, Personen zu zeichnen.“ Schnell entstehen mit ein paar Strichen klassische Politiker-Typen, das Publikum errät sie schnell: „Birne Kohl. Theo Waigel. Die Angie.“
Schwieriger sei es, wenn sich das Gesicht nicht so leicht einprägen möchte: „Es nützt nichts, wenn sie sagen wir mal den Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern genau getroffen haben und den kennt Keiner. Wen sie ihn aber als Schnecke zeichnen, haben sie dem Bild Bedeutung zugesprochen. Ein erster Schritt.“
Bei seinen politischen Karikaturen sind Plaßmann die bekannten Protagonisten oft gar nicht so wichtig: „Ich möchte die jeweilige Frage auf unseren Alltag beziehen. Was in Berlin, Washington, Moskau passiert, hat immer auch Bezug zu uns. Zu Sparbeschlüssen etwa zeichne ich eben nicht Schäuble auf einem wildgewordenen Sparschwein, sondern eine Hartz4-Familie am Frühstückstisch.“

Lotterleben?

Immer wieder zum Stift greifend, zeichnete Thomas Plaßmann seine Figuren mit der großen Nase, erläuterte mit leichter Hand sein „Rezept“, räumte auch mit Vorurteilen über ein Lotterleben als freier Künstler auf: „Erst so ab 12 Uhr zeichnet sich das aktuelle politische Geschehen ab. Aber um 15 Uhr droht schon der Redaktionsschluss. Da schmilzt der Zeitraum hässlich zusammen.“
Vier Schritte durchläuft eine Zeichnung, bevor sie fertig ist. „Erst gilt es, sich für das Thema zu entscheiden. Wie setzt man seinen Kommentar um? Welches Bild wird gefunden? 80 Prozent der Arbeit ist Grübeln. Das Zeichnen ist der leichteste Teil, da hilft Routine ungemein.“

Charlie Hebdo

Geschehnisse der jüngsten Zeit lassen Thomas Plaßmann nachdenklich werden: „Da sitzt man bei der Arbeit, es wird berichtet. In Paris ist was passiert. Eine Redaktion wurde überfallen. Dann heißt es ‚Charlie Hebdo‘ und plötzlich tauchen die Gesichter von Kollegen auf, die massakriert wurden wegen genau dem, was man gerade selbst tut.“ Zumal Thomas Plaßmann einen der ermordeten Kollegen, Tignous, bei einem Cartoonfestival kennenlernen durfte.

Man begreife erst nicht, frage sich dann: „Stehen die bald auch vor meiner Tür?“
Man trage nun mal Verantwortung, habe Familie. Schwer, die berühmte „Schere im Kopf“ in den Griff zu bekommen. Man wolle auch keinen Applaus von der falschen Seite, etwa bei den Vorkommnissen in Köln. „Natürlich kratzt es auch mal, das tut weh, ruft Widerspruch hervor, aber das ist der Job. Ich möchte aber vermeiden, jemanden in seiner Würde zu verletzen.“
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