Schauspielhaus Bochum: Mit Politik und Poesie

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Olaf Kröck feierte 3 Tage Spielzeit-Eröffnung. Foto: Sebastian Kirch
 
Eröffnung auch mit Tisch-Kicker. Foto: Sebastian Kirch.
Bochum: Schauspielhaus | Olaf Kröck leitet ab August 2018 die berühmten Arbeiterfestspiele in Recklinghausen:

Olaf Kröck, derzeitiger Intendant des Schauspielhauses Bochum, wurde im Oktober zum Leiter der traditionsreichen Ruhrfestspiele Recklinghausen berufen. Wir sprachen mit Kröck, der kurz vor seiner Wahl mit einigem Aufsehen in seine 298-Tage Intendanz gestartet ist. Fragten, womit er die Recklinghäuser Findungskommission überzeugt hat und welche Pläne er schon für die Arbeiterfestspiele gleich nebenan hat.

Herr Kröck, Sie haben das Bochumer Publikum mit einem überbordenden Spielplan aus allen Epochen von der Antike über die Klassik bis zur Gegenwart verblüfft. Darunter 25 Neuproduktionen umrahmt von Liederabenden, Lesungen und Events. „Das Fest“ zur Spielzeiteröffnung mit gleich drei aufeinander folgenden Premieren war rauschend und viel beachtet ausverkauft! In „Volksverräter!!“ nach Ibsens Volksfeind brillierte ein spielfreudiges Ensemble auch musikalisch mit ungewohnt deutlichen und originellen Anspielungen u.a. auf die amerikanischen Regierungsverhältnisse - und das drei Tage vor der Bundestagswahl! Wie man hört, ist die „Hütte“ voll – wie man hier so schön sagt?

Olaf Kröck: Wir hatten eine wirklich traumhafte dreitägige Spielzeit-Eröffnung mit unserem „Fest“. Und Dank unseres Publikums ist die „Hütte“ auch bei „Maria Stuart“ oder „Volksverräter“ voll, nicht nur bei den schon immer sehr beliebten Liederabenden!

Auch haben Sie als Theaterleiter fast nebenbei einen alten Schauspielertraum erfüllt und die Samstagsvormittagsproben abgeschafft, damit auch Schauspieler mal mit ihren Kindern frühstücken können. Man traut seinen Augen kaum: Familienfreundliche Arbeitsbedingungen am Theater? Gleicher Lohn für gleiche Arbeit auch für Schauspieler? Und das in Zeiten von Dauer-Sparzwang und Etat-Kürzungen? Oder ist es genau dieser Stil, mit dem Sie die Findungskommission in Recklinghausen überzeugt haben?

Olaf Kröck: Die anspruchsvolle Findungskommission in Recklinghausen ist ein Phänomen im deutschen Kulturbetrieb. Es gibt wohl tatsächlich keine vorherigen gegenseitigen Verabredungen . Ich habe kein Geheimnis daraus gemacht, dass gute Arbeitsbedingungen für mich wichtig sind. Dazu gehören auch anständige Bezahlung und familienfreundliche Arbeitszeiten. Künstler neigen zur Selbstausbeutung, weil es ja auch erfüllende Berufe sind. Was gibt es Schöneres als ein jubelndes, begeistertes Publikum?

Ihr langjähriger Vorgänger dort, Frank Hoffmann, hat auch als Regisseur in Recklinghausen gearbeitet. Dass Sie kein hauptsächlich inszenierender Intendant sind, hat nicht geschadet?

Olaf Kröck: Anscheinend nicht. Ich werde auch erstmal nicht inszenieren. Den Spielplan der Festspiele 2018 verantwortet ja noch Frank Hoffmann. Erst wenn ich am 1. August 2018 von Bochum nach Recklinghausen wechseln werde, dann stehen für mich die Festspiele im Mittelpunkt. Dort sehe ich mich in der Verpflichtung, die Ruhrfestspiele so zu gestalten, dass auch Menschen zu uns kommen, die sonst eher selten ins Theater gehen. Ich will die Festspiele noch weiter öffnen. Es wird auch kostenlose Angebote geben, auch für Jugendliche. Kulturelle Teilhabe ohne falsche Distanz.

Der Luxemburger Hoffmann hat gern auch internationale Stars nach Recklinghausen geholt. Haben Sie schon konkrete Pläne? Gibt es etwas, was Sie besonders interessiert?

Olaf Kröck: Die Ruhrfestspiele hatten immer ihre Stars und sollen sie auch in Zukunft haben. Auch große Ensembles können Stars sein. Gleichzeitig interessiert mich aber auch der künstlerische Nachwuchs, die Stars von morgen. Einer meiner Schwerpunkte wird, wie auch hier in Bochum, die Förderung von Frauen sein, denn auch im Theater haben Künstlerinnen bis heute schwierige Startbedingungen. Angesichts der vielfältigen Talente ist die Theaterstruktur hier genauso unfair, wie in anderen Bereichen der Gesellschaft. Ein so großes und bedeutendes Festival wie die Ruhrfestspiele kann da eine Plattform bieten. Theater ist zudem eine soziale Kunstform, eine Ensemble- und Gemeinschaftsleistung. Und es ist ein Ort der Begegnung, wo Zuschauer auf Künstler treffen. Ich habe privat „Recklinghausen leuchtet“ besucht. Die Veranstaltung zeigt, wie viele Menschen die Kunst in Bewegung setzen kann. Das war wunderbar. Das müssen die Festspiele auch schaffen. Im Mai, bei herrlichem Wetter, könnte ich mir zum Beispiel gut ein symphonisches Picknick als Wandel-Konzert vorstellen.

Fest-Spiele mit dem Akzent auf festlich?

Olaf Kröck:
Ja, auf jeden Fall. Andere Theatermacher-Generationen, gerade nach der Wende, haben sich durch „Zerstörungen“ an ihrer Zeit abgearbeitet. Das ist heute nicht mehr richtig. Unsere Gegenwart ist für viele mittlerweile so unübersichtlich und kompliziert, dass es auch in der Kunst eine Sehnsucht nach Harmonie gibt, ohne dabei alles zu vereinfachen. Wir wissen, dass wir die Welt nicht mehr zum Guten wandeln können. Und es ist verdammt schwer geworden, sich moralisch richtig zu verhalten: In jedem Smartphone stecken seltene Erden, die unter fürchterlichen Bedingungen in Afrika aus dem Boden geholt werden. Jede Plastiktüte, die wir hier wegwerfen, kann am anderen Ende der Welt zur tödlichen Falle für Delphine und Schildkröten werden. Gerade junge Menschen haben ein großes Bewusstsein für diesen Teufelskreis. Ich erlebe, dass sie die Zusammenhänge klar durchschauen und nach neuen Lebensmodellen suchen. Auch stehen wir vor großen Umbrüchen in der Arbeitswelt. Wird es nach der digitalen Industrialisierung noch für alle Arbeit geben und unter welchen Bedingungen? Das Theater kann, insbesondere die Ruhrfestspiele Recklinghausen können diese großen Themen durchspielen. So, wie wir das auch hier in Bochum immer im Blick haben. Theater kann mit der Härte der Realität konfrontieren und gleichzeitig Herz und Hirn öffnen. Dazu will ich mit meinem Team meinen Teil beitragen, an allen Theatern, an denen ich arbeiten darf. Mit guten Schauspielern, guten Stücken und Projekten. Mit Politik und Poesie.

Karten-Telefon: 0234 / 33 33 55 55. Programm Schauspielhaus auch unter: www.schauspielhausbochum.de :


Zur Person
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Olaf Kröck, Intendant Schauspielhaus Bochum: *1971 in Viersen. Studierte Angewandte Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim, war Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medien- und Theaterwissenschaft. 2000 dort Künstlerische Leitung des 3. Europäischen Theaterfestivals „transeuropa“ . 2001-2004 Schauspiel-Dramaturg und Künstlerischer Leiter des „UG“ am Schweizer Theater Luzern. 2005-2010 Dramaturg am Schauspiel Essen. In dieser Zeit auch Hörspiel-Regie „Deadline“ von Rimini Protokoll (2008) und „Flüchtlinge im Ruhestand“ von Mirjam Strunk (WDR). Ab 2010 Dramaturg am Schauspielhaus Bochum, 2013 bis 2017 Chefdramaturg. 2013/2014 Künstlerische Ko-Leitung bei „Das Detroit-Projekt“. Für die laufende Spielzeit 2017/ 2018 Intendant des Schauspielhauses Bochum. Ab August 2018 Leiter der Ruhrfestspiele Recklinghausen.
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