Ein ehrlicher Lügner

Anzeige
Die Lust am Fabulieren hat Rafik Shami vom syrischen Großvater geerbt. Foto: Bangert
 
Rafik Shami besuchte das Mariengymnasium und erzählte aus seiner Kindheit in Damaskus. Foto: Bangert

Rafik Schami begeistert mit warmherzigen Anekdoten und charmanten Lügenmärchen

Vielleicht gab sein Großvater den Ausschlag, dass Rafik Shami so viel Lust am Fabulieren hat? Der 71-jährige Bestsellerautor besucht das Werdener Mariengymnasium, erzählt von seiner Kindheit, Flüchtlingskindern, einem Suppenkochbuch für Syrien.

Dort kommt Shami her, stammt aus einer Minderheit: „Wir sind Urchristen, denen der Islam erlaubt hat zu bleiben. Der Islam hat viele Gesichter, nicht nur die Idioten vom IS.“ Suheil Fāḍel, so sein wirklicher Name, lebte mit der Familie in Damaskus. In einer unbedeutenden Sackgasse nahe dem Ost-Tor.

Wenn der Großvater erzählte

Die Großmutter kam nie zu Besuch, denn sie war mit der Mutter in innigem Hass vereint. Eigentlich hatte sie nämlich ihrem Sohn eine deutlich wohlhabendere Braut ausgesucht. Doch die Liebe siegte und die Großmutter schmollte. Aber der Großvater besuchte die Familie seines Sohnes sehr gerne, vor allem wohl wegen der überaus redegewandten und schlagfertigen Schwiegertochter: „Ich komme nach Damaskus, weil ich im Garten der Zunge eurer Mutter verweilen will.“ Diese Mutter sammelte Gerüchte, die einzige Art, unzensierte Neuigkeiten auszutauschen: „Wenn ein Damaszener drei Gerüchte verbreitet und vier empfangen hat, ist es für ihn ein guter Tag.“ Festtage waren es, wenn der Großvater zu Besuch kam. Immer dann übernachtete er nicht etwa im bequemen Gästebett, sondern auf einer Matratze im Kinderzimmer. Seine drei Enkel bekamen allerdings wenig Schlaf. Denn der Großvater erzählte Geschichten, er tanzte, sang mit lauter Stimme, schlüpfte in verschiedene Rollen, kämpfte auf Leben und Tod mit Räubern und Dämonen. Mit diesem Großvater bummelte Suheil regelmäßig durch die Gassen und über den Flohmarkt. Dort trafen die beiden eines Tages eine alte Frau, die angeblich ihren Mann verkaufen wollte: „Weil er den Mund nicht aufbekommt und wochenlang kaum ein Wort sagt.“ Der siebenjährige Junge erkannte darin seinen sehr stillen Vater wieder und schlug der Mutter konsequent vor, den Schweigenden doch auch zu verkaufen. Für den Erlös könne man den preiswerteren Großvater und vor allem ein Radio kaufen. Die Mutter lachte, der Vater blieb, das Radio gab es trotzdem. Damals waren Radios purer Luxus. Kaum war der Mann aus dem Haus, versammelten sich die Frauen der Nachbarschaft, um Nachrichten und Lieder zu hören. Dazu gab es Kaffee. Das schmeckte dem Vater gar nicht: „Ich habe das einzige Radio in ganz Damaskus, welches mehr Kaffee verbraucht als Strom.“ Und Rafik Shami hatte beschlossen, Erzähler zu werden, damit die Frauen ihn ja nicht verkaufen...

Die Hilfe kommt vor Ort an

Rafik Shami hat mit Gleichgesinnten den Verein „Shams“ gegründet, der sich um kriegstraumatisierte syrische Kinder in libanesischen Flüchtlingscamps kümmert. Dafür sorgt, dass sie zur Schule gehen können. Stolz klingt mit: „Die ersten haben gerade Abitur gemacht.“ Die Organisation hält nichts vom Gießkannensystem, sondern möchte gezielt helfen. Hier kann man sicher sein, dass die Hilfe auch vor Ort ankommt und nicht in irgendwo im Bürokratie-Sumpf verschwindet. Allerdings weiß Shami um die katastrophale Lage in seiner Heimat: „Die Kinder in Syrien sind die wahren Verlierer des Krieges. Sie haben jetzt schon mindestens sechs Jahre verloren. Mit unserer Hilfe schneiden wir auch den Fundamentalisten den Weg zur Jugend ab. Ich hasse Gewalt!“ Ein weiteres karitatives Projekt ist ein Verdienst der Autorin Barbara Abdeni Massaad. Sie bat für das Kochbuch „Suppen für Syrien“ international bekannte Köchinnen und Köche um jeweils eines ihrer Suppenrezepte. In den USA ein Bestseller, der sich über 300.000 Mal verkaufte. Die deutsche Ausgabe des Kochbuchs wurde erweitert um deutsche Rezepte, etwa von Sarah Wiener und Nelson Müller. Rafik Shami schrieb das Vorwort. Die Erlöse leitet der DuMont Buchverlag zu hundert Prozent an den Verein weiter, Buchhändler Thomas Schmitz möchte da nicht nachstehen und spendet sämtliche Eintrittsgelder des Abends an Schams.

„Wir haben Paradiese erschaffen“

Auch Rafik Shami verzichtet auf ein Honorar, bittet um Verständnis des Westens für die so ganz andere Welt des Orients: „Wenn Sie einen Araber verstehen möchten, dürfen Sie nie die Wüste vergessen.“ Die Kulturkritik an den Arabern lässt er so nicht stehen: „Es ist wahr, wir malen nicht. Was soll ein Araber auch malen? Die Wüste? 200 Kilometer lang nur Gelb? Bei uns ruht das Auge. Dafür ist unser Mund tätig, die geheime Farbe der Wüste ist die Sprache. Wir haben Paradiese erschaffen.“ Der arabische Wortschatz sei nun mal siebenfach größer als der deutsche. Das müsse raus. Rafik Shami ist da ein Paradebeispiel. Er erzählt und erzählt und erzählt. Da ist der Pfad zur Lüge ein ganz kurzer, der Opa hatte ihn bereitet: „Wenn Du lügst, dann mit Beweisen.“ Der nachbohrende Pfarrer wollte bei der samstäglichen Beichte unbedingt von Sünden des Zehnjährigen hören, damit er Bußen auferlegen konnte. Die harmloseste Strafe gab es aber fürs Klauen von Äpfeln: „Also log ich und gab den Diebstahl zu. Allerdings gibt es in ganz Damaskus keinen Apfelbaum. Aber das war ihm wohl egal.“ Etliche warmherzige Anekdoten und abstruse Lügenmärchen später will der Applaus nicht enden.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.