Erste Anlaufstelle: Wo kommen die Flüchtlinge unter? Besichtigung der EAE Essen

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Die Besuchergruppe lässt sich die Baustelle von Mensa und Küche zeigen.
 
Andreas Rudolph, zuständiger Dezernent der Bezirksregierung Arnsberg, erläutert die EAE (Erstaufnahmeeinrichtung) Essen.
 
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Die einzelnen Häuser sind in unterschiedlichen Farben gehalten.

Der Himmel weint, der freundliche Herr am Entree notiert sich die Namen der Besucher. Muss ja alles seine Ordnung haben. Sein Kollege schaut auf die Füße: „Oha, einige sind in Ballettschläppchen hier!“ Der Ton auf so einer Baustelle ist halt rau, aber herzlich.

Führung für Aktivisten von „Werden hilft!“ und Vertreter von ProAsyl über die circa 4,1 Hektar große Fläche im beschaulichen Fischlaken-Hamm. Eine ganz besondere Baustelle. Auf dem Gelände des ehemaligen Kutel-Betriebshofes entsteht nämlich eine Erstaufnahmeeinrichtung des Landes für Flüchtlinge, genannt „EAE Essen“. Für die Stadt Essen baut hier die GVE, die Grundstücksverwaltung Stadt Essen GmbH. Innerhalb von nur sechs Wochen wurden die noch stehenden Kutel-Altgebäude abgerissen und die Gesamtfläche entsiegelt. Die Anlieferung und Montage der ersten Module begann am 28. April. Parallel dazu startete der Innenausbau.
Zunächst werden Begrifflichkeiten geklärt: es ist kein „Lager“, sondern eine „Einrichtung“, keine „Container“, sondern „Module“, drum herum kein „Zaun“, sondern eine „Einfriedung“.
Erstaufnahmeeinrichtung. Erste Anlaufstelle für Menschen, die sich nach NRW geflüchtet haben. Von diesen Einrichtungen gibt es noch viel zu wenige, alle bestehenden sind völlig überlastet.


Musterprojekt

In Essen entsteht nun ein Musterprojekt, das aufzeigt, wie es gehen kann.
Markus Kunze von der GVE muss schmunzeln: „Wir haben hier regelrechten Baustellen-Tourismus, andere Gemeinden und Städte wollen sich bei uns Anregungen holen.“ Dabei ist noch alles im Fluss, immer wieder kommt das Land mit neuen Wünschen und Vorstellungen um die Ecke, die dann von der GVE umgesetzt werden müssen. So erklärt sich auch eine geringe Zeitverzögerung, die Einrichtung wird nicht zum 1. Dezember, sondern mindestens einen Monat später an den Start gehen: die zusätzlich geforderte
Produktionsküche , die an die Mensa andockt und garantiert, dass die Essen frisch und genau auf die Bedürfnisse der Bewohner abgestimmt serviert werden können.
Jeweils 400 Menschen können hier gleichzeitig „Essen fassen“. Geplant sind zwei Durchgänge für die 800 Personen. Die Küche könnte aber auch mehr Menschen in drei Schichten bekochen. Gleiches gilt für die 10 Wohngebäude. Für 800 Personen ausgelegt, dürften sie auch das Anderthalbfache fassen, das würden Raumgrößen, Fluchtwege und Brandschutz hergeben.
Ein Blick in die zweigeschossigen Unterkünfte: hier gibt es Zweibett- und Vierbettzimmer, einige könnten zu größeren Einheiten erweitert werden. Dazu Toiletten, Waschräume, auch für Behinderte, eine kleine Teeküche, wo man zum Beispiel auch mal Babynahrung zubereiten kann. Alles sehr hell, modern, mit neuestem Standard, allerdings spartanisch, weit weg von Luxus.

Das liebe Geld…

Kathrin Richter von ProAsyl bringt es auf den Punkt: „Hier sieht es auch nicht anders aus als in den anderen Einrichtungen, die wir besichtigen konnten. Hier ist nur alles neu!“ Alles soll zweckmäßig sein, doch manchmal halten so Kalkulationen auch Überraschungsmomente parat: die Treppenstufen sind aus Naturstein! Oha! Die Erklärung leuchtet aber ein: „Hätten wir auch nicht gedacht. Aber die Stufen müssen robust und nicht brennbar sein - und da war Naturstein überraschenderweise das günstigste Material!“ An anderer Stelle verbaute der schmale Geldbeutel die ursprünglich angedachte Lösung eines „Dorfplatzes“. Als die Kalkulation des Landschaftsarchitekten auf dem Tisch lag, klappten die Kinnladen runter, so die erfrischend ehrliche Antwort der GVE-Leute: „Das war schlicht und einfach zu teuer!“ Jetzt muss es eine große Rasenfläche mit Sitzgelegenheiten tun.

Angebote für Flüchtlinge

Daneben liegen zwei niedrigere Häuser, die Gruppenräume und einen kleinen Cafeteria-Bereich, speziell für Familien und ihre Kinder, beherbergen. Auch hier einfacher Standard, aber es reicht. Die engagierten Menschen von „Werden hilft!“ malen sich bereits aus, wie sie hier ihre Kreativangebote, besonders für die Kinder, anbieten könnten…
Das nun wirklich nicht gerade kleine Gelände ist relativ eng bebaut, das nun deutlich größere Mensa- / Technik- / Küchengebäude verdrängte zum Beispiel den dort geplanten Fußballplatz. Der wird nun an der Stelle platziert, die früher einmal eine Hundeschule beheimatete und wo zurzeit die Wohn- und Bürocontainer der Baufirma stehen. Auch hier kann man sich konkret vorstellen: Kicken mit Flüchtlingen - ganz unkompliziert.

Behördliche Erfassung

Die hier aufgenommenen Menschen bleiben vier Tage bis maximal drei Monate. Dann werden sie auf die Kommunen verteilt. Sie sollen nicht nur irgendwie untergebracht werden, sondern direkt behördlich erfasst und vor Ort auch umfassend ärztlich untersucht werden. Das geht hin bis zum Röntgen.
Genau diesen Prozess fühlt die Besuchergruppe nach, geht durch den unspektakulären Haupteingang, hier wird die Rezeption des Betreibers European Homecare auf die Flüchtlinge warten, dahinter liegt die Registrierungsstelle der Zentralen Ausländerbehörde (ZAB) des Landes, von der Stadt Essen geführt, noch dahinter die Filiale des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Angenehm warm in den Räumen, obwohl es draußen schüttet. Hier wird selbstverständlich auf einen hohen energetischen Standard und größte Energieeffizienz geachtet, so wird die Fußbodenheizung mit Holzpellet-Öfen beheizt. Eventuell verbrennen diese Öfen auch Bioabfälle, die etwa in der Küche entstehen.

32,883 Millionen Euro

Die Stadt Essen vermietet die Einrichtung ans Land – und zwar für 25 Jahre. Der Clou: die Kosten für die Betreibung trägt das Land und nicht die Stadt Essen. Der Mietvertrag mit dem Land garantiert der Stadt Essen nicht nur, kostendeckend die Investition von 32,883 Millionen Euro zurück zu bekommen, sie spart noch ganz andere Summen. Die hier untergebrachten 800 Flüchtlinge werden nämlich auf das Kontingent, das die Stadt Essen aufnehmen und auch finanziell tragen muss, angerechnet. Sozialdezernent Peter Renzel hat gerechnet: „Die hier vorgehaltenen 800 Plätze werden uns angerechnet. Dadurch spart Essen insgesamt eine Viertelmilliarde Euro!“


Öffentlichkeitsbeteiligung

Die Verwaltung beabsichtigt, einen Bebauungsplan zu erarbeiten und führt bis zum 11. September eine frühzeitige Öffentlichkeitsbeteiligung durch. In diesem Zeitraum werden die Planunterlagen im BEW, Bildungszentrum für die Ver- und Entsorgungswirtschaft, Wimberstraße 1, in Heidhausen ausgestellt und können montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr eingesehen werden. Mitarbeiter des Amtes für Stadtplanung und Bauordnung erläutern die Pläne am 1. September von 9 bis 12 Uhr.
Am 7. September findet um 19.30 Uhr in der Aula des Gymnasiums Werden, Grafenstraße 9, eine öffentliche Diskussion statt.
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