Leitkultur vorleben

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Monatlich treffen sich Flüchtlinge und Paten, die sich um die Integration ihrer „Mentees“ kümmern. Foto: Henschke
 
Beim internationalen Begegnungscafé im großen Saal der Jonagemeinde. Foto: Henschke

Beim internationalen Begegnungscafé im großen Saal der Jonagemeinde

Viel beachtet, aber auch verspottet und als durchsichtiges Wahlkampfmanöver auf Kosten der Einwanderer verurteilt: Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière hat sich zu einer Leitkultur für Deutschland geäußert.

Neben vielen Selbstverständlichkeiten einer offenen Gesellschaft, der Politiker nennt sie „Das Unverhandelbare“, beschäftigt er sich mit der Integration derer, „die zu uns gekommen sind, die hier eine Bleibeperspektive haben“. De Maizière: „Ihnen reichen wir unsere ausgestreckte Hand.“ Der Minister macht aber auch deutlich: „Nicht jeder, der sich für eine gewisse Zeit in unserem Land aufhält, wird Teil unseres Landes.“ Je überzeugender die Leitkultur wirke, desto besser werde Integration gelingen: „Heute und in Zukunft.“

Naive Gutmenschen?

Diese Sätze könnte der Herr Bundesminister gerne im Detail vertiefen. Etwa, wenn er einmal das internationale Begegnungscafé im Heidhauser Jona-Saal besuchen würde. Hier treffen sich monatlich Flüchtlinge und Paten, die sich um die Integration ihrer „Mentees“ kümmern. Wenn man so will, ihnen deutsche Leitkultur vorleben: Bildung, Leistung, Kultur, Respekt und Toleranz. Man gibt sich zur Begrüßung die Hand.
Wer diese engagierte Zeitgenossen als Gutmenschen diffamiert und ihnen gefühlsduselige Naivität unterstellt, der hat nicht genau hingehört. Ingrid Lucke-Kramer etwa ist eine der Patinnen. Sie hat ein großes Herz, hält aber nicht viel von Schmusekurs: „Das sind meine Jungs. Aber wie ich auch mit meinem Sohn wenn nötig Tacheles geredet habe, nehme ich hier auch kein Blatt vor den Mund.“ Einer ihrer „Ziehsöhne“ ist der 24-jährige Saad, ein kurdischer Syrer. Eigentlich ein ganz normaler junger Mann, möchte man meinen. Flott gekleidet, liebt Fußball, ist großer Fan von Real Madrid. Beim Werdener Bollerwagenumzug lief Saad mit, verkleidet als Kapitän, mit angemaltem Schnurrbart, hatte Spaß am traditionellen Karnevalsgeschehen. Doch seine Augen sprechen auch von Traurigkeit. Er hat seine Fluchtgeschichte aufgeschrieben, sie wird nun übersetzt. Bewegend.

Schier unglaublich

Es gibt Kaffee und Tee, Selbstgebackenes, eine lockere Atmosphäre, angeregte Gespräche. Ganz Aktuelles kommt auf den Tisch, schier Unglaubliches. Doch die Paten zeigen sich nicht mal sonderlich verwundert, dass ein Oberleutnant der Bundeswehr sich unter falschem Namen als syrischer Flüchtling ausgeben konnte. Denn sie erleben tagtäglich die Schwierigkeiten: „Da arbeiten die Ämter einfach nicht konsequent zusammen.“ Kritikpunkte gibt es viele. Wenn die Ehrenamtlichen offenkundige Ungerechtigkeiten spüren, ist die Wut kaum zu unterdrücken: „Stundenlanges Wartenlassen vor einem Interview beim Amt, das ist Schikane.“ Geradezu aberwitzig die Geschichte von Ferhad Mohamad aus Syrien. Er wurde in Berlin erstmals registriert, müsste also laut Dublin-Verfahren in Deutschland sein Asylverfahren führen. Dennoch sollte er nach Schweden abgeschoben werden, da er zwischendurch seine Schwester dorthin zu ihrem Ehemann begleitet hatte. Zurück in Deutschland, waren seine Papiere für die Behörden angeblich nicht auffindbar. Erst die Intervention der Rechtsanwältin Nizaqete Bislimi erreichte, dass er sein Verfahren in Deutschland führen kann. Besonders junge Afghanen haben zurzeit Angst, denn es fanden bereits Sammelabschiebungen in ihr Land statt. Angeblich seien gewisse Regionen Afghanistans sicher. Das wird von Werden hilft und anderen Organisationen jedoch heftig bestritten.

Ausbildung und Arbeit

Die nachhaltige Integration der Flüchtlinge in Ausbildung und Arbeit wird uns auch in den kommenden Jahren beschäftigen. Peter Bruckmann kümmert sich beim Verein „Werden hilft“ um die Bildungschancen der jungen Flüchtlinge. Bruckmann hat soeben bei zwei jungen Afrikanern eine Studienberatung gemacht, nun rechnet er vor: „Rund 25 Prozent unserer Mentees haben einen höheren Schulabschluss, sind also potenziell studierfähig. Das syrische Abitur wird anerkannt, wenn mindestens 70 Prozent der Punkte erreicht wurden. Die große Klippe ist die Sprache. Hier wird ein weit fortgeschrittenes Niveau verlangt, also ein bestandener C1-Kurs. Das ist echt schwer.“ Aber nicht jeder kann und will studieren. Saad etwa blickt sehr ernst und sagt: „Ich will arbeiten.“ Er gehört zu diesen jungen Männern, die von Selbstständigkeit träumen: Keinem mehr auf der Tasche liegen. Geld verdienen. Auf eigenen Füßen stehen. Bei einem Dachdecker wurde nachgefragt. Eine Überbrückungszeit als Hilfskraft, eventuell ein Praktikum? Das wäre seine Chance, sich zu beweisen.
Die berufliche Integration von Flüchtlingen war Anfang April Thema in den Domstuben. Es wurde eine überaus interessante Veranstaltung mit über hundert Interessenten, vielen Vertretern von Firmen und öffentlichen Organisationen. Möglicherweise zukunftsorientierte Kontakte konnten auch bei der Lehrstellenbörse der Kreishandwerkerschaft geknüpft werden, hier konnten sich die Mentees in Listen eintragen. Am Mittwoch, den 17. Mai, wird es im Essener Unperfekthaus eine Tagung „Integration Geflüchteter in Arbeit und Ausbildung“ mit Workshops und Diskussionen geben.

Ingrid Lucke-Kramer nimmt noch einen Keks: „Was unsere jungen Männer sich wünschen würden? Wenn auch mal junge Deutsche zu unserem Begegnungscafé kämen. Sie wünschen sich so sehr Kontakte mit Gleichaltrigen…“
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