Menschen ins Abteistädtchen locken

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Der Stoff- und Tuchmarkt lockt auch immer viele Auswärtige ins Abteistädtchen. Foto: Archiv
 
Auf Du und Du mit der Kuh beim Herbstlichen Werden. Foto: Archiv

Die verkaufsoffenen Sonntage sind gekippt und die Werdener Einzelhändler verärgert

Kein Einkaufsbummel am Sonntag mehr! Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen kippte in einem Eilverfahren die für Essen vorgesehenen verkaufsoffenen Sonntage. Keiner der geplanten Termine hielt vor Gericht stand.

Die rechtlichen Voraussetzungen des Ladenöffnungsgesetzes in der aktuellen Interpretation des Bundesverwaltungsgerichts sind nach Aussage des Gerichtes nicht erfüllt. Entscheidend sei nämlich, ob ein Fest wie etwa ein Jahrmarkt im Vordergrund stehe und nicht der verkaufsoffene Sonntag. Die Gewerkschaft Verdi hatte federführend für die „Allianz für den freien Sonntag“ gegen eine entsprechende Ordnung der Stadt Essen geklagt. Deren Oberbürgermeister Thomas Kufen hielt ernüchtert fest: „Die Anforderungen, die das Gesetz stellt, sind in der Praxis nicht erfüllbar. Deshalb ist jetzt der Landtag Nordrhein-Westfalen gefordert, wir brauchen faire Wettbewerbsbedingungen.“

Kein Kompromiss möglich

Bis dahin wird es unterm Strich bedeuten, dass alle verkaufsoffene Sonntage wegfallen. Als eines der ersten Feste ist am 2. April der Werdener Stoff- und Tuchmarkt betroffen. Werbering-Vorsitzender Andreas Göbel hatte es bereits befürchtet: „So eine Sammelklage gegen die Verordnung der Stadt ließ den einzelnen Veranstaltungen keine Chance.“ Dabei ist man sich im Abteistädtchen sicher, den Anforderungen gerecht zu werden. Göbel zitiert gerne eine Bachelor-Arbeit zu dem Thema, eine Umfrage: „70 Prozent der Befragten kamen aus dem Umland, etwa Kreis Mettmann. Denen war noch nicht mal bewusst, dass die Geschäfte in Werden offen sind.“ Doch nun muss es auch ohne gehen. Ein Umstand, der Göbel mächtig ärgert: „Nun müssen wir ausbaden, wofür wir gar nichts können. Die Feste in Werden sind Publikumsmagneten. Das ist doch allgemein bekannt. Da aber Verdi gegen die gesamte Verordnung geklagt hat, blieb den Richtern gar keine andere Wahl. Gewerkschaft und Stadt hätten sich natürlich im Vorfeld einigen können über einzelne Termine. Doch das war nicht gewünscht, durch die harte Linie eine Kompromisslösung nicht mehr möglich.“

Es fehlen belastbare Zahlen

Dabei verschließen sich die Werdener Händler nicht den Argumenten, es fehlt halt nur die Bewertungsgrundlage: „Wir haben ja nie gezählt, nur grob geschätzt. Vielleicht hätte man in einem Probejahr unter verschärften Bedingungen ausloten können, was wirklich Sache ist. Man hätte alle Veranstaltungen professionell auszählen lassen, die Besucherströme statistisch sauber durchgerechnet. Dann hätten wir belastbare Zahlen gehabt als Basis für Verhandlungen. Das bedeutet Aufwand, das kostet. Aber die Werbegemeinschaften hätten sich beteiligt. Man bräuchte die Zahlen auch nur einmal zu erheben. Nach dieser Testphase hätte sich dann schon die Spreu vom Weizen getrennt.“ Die Einzelhändler in der Werdener Altstadt sagen weiterhin guten Gewissens: „Wie erfüllen die gesetzlichen Voraussetzungen. Das Urteil finden wir echt blöd.“
Andreas Göbel weiß um die Brisanz der Situation: In Konkurrenz mit Outlet-Centern auf dem Lande sowie den immer stärker in den Markt drängenden Onlineshops wurde den Geschäftsleuten ein bewährtes Instrument aus der Hand genommen, für sich zu werben: „Bisher konnten wir so auf unsere Kunden zugehen, sie beraten. Das fällt nun weg.“ Darüber hinaus ermöglichen verkaufsoffene Sonntage natürlich auch zusätzliche Einnahmen, die nun definitiv in der Kasse fehlen. Es besteht zu befürchten, dass dies einzelne Händler in finanzielle Schieflage bringt. Werden und auch Kettwig sind doch deshalb so beliebt, weil es eben nicht nur anonyme Filialen diverser Ketten gibt: „Die vielen inhabergeführten Geschäfte machen das besondere Flair aus. Also beuten sich doch zunächst einmal die Händler selbst aus. Und viele Angestellte arbeiten gerne an diesen vier Sonntagen im Jahr, zumal es dafür eine erhöhte Vergütung gibt.“

Wie geht’s weiter?

In ersten Essener Stadtteilen wie Heisingen und Kupferdreh drohen Feste auf der Kippe zu stehen, da die Werbegemeinschaften als Ausrichter oder zumindest Geldgeber nun keine Motivation mehr dazu sehen. In Werden ist das anders, findet Andreas Göbel: „Wir haben damals als Werbering ja auch ohne verkaufsoffene Sonntage angefangen. Unser Ziel war es immer, gute Veranstaltungen für Werden zu schaffen. Wir möchten zeigen, wie schön unser Abteistädtchen ist, die Kunden informieren und dazu bringen, zu ganz normalen Öffnungszeiten wieder zu kommen und bei uns einkaufen zu gehen. Die verkaufsoffenen Sonntage sind da eher das Sahnehäubchen obendrauf. Der Stoff- und Tuchmarkt am 2. April wird stattfinden. Wir hatten 2016 aufgrund von Terminkollisionen da ja auch keinen verkaufsoffenen Sonntag. Selber nähen ist sowieso ein absoluter Trend, das wird wieder viele Menschen ins Abteistädtchen locken. Ich gehe davon aus, dass der Gesundheitstag am 28. Mai ebenfalls stattfindet. Und das ‚Herbstliche Werden‘ am 17. September ebenso. Der Bauernmarkt ist wahnsinnig beliebt bei jungen Familien, die dann durch die Altstadt bummeln, ein Eis essen, die Tiere bestaunen. Wo bekommt man noch Gänse, Kühe, Ferkel aus nächster Nähe zu sehen?“

Versammlung

Wie es der Zufall so will, steht just am Mittwoch, 22. März, um 19 Uhr in den Tuchmacherstuben an der Heckstraße die alljährliche Mitgliedersammlung des Werberings an. Andreas Göbel lädt ein: „Auch Gäste sind uns herzlich willkommen.“ Dort wird das weitere Vorgehen abgestimmt, Göbel sieht beim ganzen Schlamassel sogar einen winzigen Lichtblick: „Immerhin brauchen wir uns zukünftig bei unseren Terminen nicht mehr mit den anderen Stadtteilen abzustimmen…“
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