Ebola Epidemie: Dr. Werner Strahl aus Essen-Werden koordiniert die Helferteams von Cap Anamur

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Ein Bild aus entspannten Tagen: Dr. Werner Strahl bei einem Pressetermin im Kinderkrankenhaus in Freetown. (Foto: Strahl)
 
Ein Bild aus glücklicheren Zeiten. Bevor in Sierra Leone das Ebola-Virus wütete, lag das Land im Aufwind. Jetzt droht jederzeit der totale Kollaps. Dr. Werner Strahl, Kinderarzt und Cap Anamur- Vorsitzender, war kürzlich zehn Tage lang in Freetown. (Foto: J. Escher)
Essen: Heidhausen |

Dr. Werner Strahl, Kinderarzt im Ruhestand aus Werden, ist zurzeit ein sehr begehrter Mann. Als Vorsitzender der Hilfsorganisation „Cap Anamur“ war er in Sierra Leone, in dem die Ebola besonders schlimm wütet, vor Ort und versucht nun aus Heidhausen die Hilfe zur Organisieren. Im Interview mit dem Werden Kurier sprach er über Versäumnisse zu Beginn der Epidemie, wie es aktuell vor Ort aussieht und wie er die kommenden Wochen in Westafrika beruteilt.



Wie sieht die Situation aktuell in Freetown aus? Wie geht es den Menschen?
„Wir haben jetzt unsere Kinderklinik war gut einer Woche wieder öffnen können. Jeder Verdachtsfall wird von den Helfern sofort untersucht und isoliert, so dass er keine anderen Kinder oder seine Eltern anstecken kann. Nach zwei bis drei Tagen bekommen wir aus den Laboren das Ergebnis, ob es nur eine harmlosere Erkrankung ist, die wir vor Ort behandeln können oder ob wir ihn in eines der neu aufgebauten Ebola-Zentren verlegen müssen.“

Konnte der Betrieb in Ihrem Krankenhaus aufrecht erhalten werden?
„Auf Anordnung der Regierung mussten wir die Station für drei Wochen schließen, weil unsere eingeborenen Helfer davon gelaufen sind. Wir haben jetzt eine neue Crew ausgebildet und haben nach dem Abschluss dieser Maßnahme die Erlaubnis bekommen unsere Arbeit aufzunehmen. Die Arbeiten, die die Helfer vor Ort etwa zum Eigenschutz vornehmen müssen, sind sehr komplex. So dauert das Ablegen des Schutzanzuges rund eine halbe Stunde, da man unter keinen Umständen mit den Körperflüssigkeiten der behandelten Menschen in Kontakt kommen darf.“

Die westlichen Länder setzen langsam ihre angekündigte Hilfe in die Tat um. Ist davon schon etwas zu merken?
„Zum Glück passiert endlich etwas, aber es ist immer noch viel zu wenig. Aus Deutschland werden etwa von der Bundeswehr nur Hilfsgüter in die betroffenen Länder, vor allem Liberia, transportiert. Die ersten Bundeswehrangehörigen können frühestens in vier Wochen dort eingesetzt werden.“

„Die internationale Hilfe ist viel zu spät angelaufen. Die Verantwortlichen vor Ort haben die Seuche zu lange unterschätzt.“ Dr. Werner Strahl, Vorsitzender von Cap Anamur aus Essen-Werden


Wer leistet denn dann vor Ort aktuell Hilfe?
„Das sind Hilfsorganisationen aus der ganzen Welt, die unter dem Dach der Weltgesundheitsorganisation (WHO) dort im Einsatz sind. In Freetown (Sierra Leone) sind das Helfer von Cap Anamur, in den ländlichen Gebieten sind es Spezialisten von „Ärzte ohne Grenzen“ und die Engländer sind mit Militärpersonal vor Ort.“

Die WHO rechnet damit, dass Anfang 2015 über 1,5 Millionen Menschen in Westafrika an Ebola erkrankt sind - wie gehen Sie als Helfer mit diesem Horror um? Ist die Epidemie noch zu stoppen?
„Diese Zahlen sind das Ergebnis reiner Mathematik. Ihnen liegt zu Grunde, dass man davon ausgehen kann, dass eine erkrankte Person zwei weitere ansteckt bevor er isoliert werden kann. Wir müssen die Menschen so schnell als möglich isolieren, das klappt inzwischen schon deutlich besser, aber vor allem in den ländlichen Gebieten ist das Misstrauen gegenüber den Helfern immer noch sehr groß. Aber jede Epidemie lässt sich stoppen, es muss endlich entschlossen gehandelt werden.“

Die medizinische Versorgung ist zusammen gebrochen. Droht Ihrer Meinung nach auch bald der soziale Kollaps in den betroffenen Ländern?
„Das ist sie eigentlich schon. Das soziale Leben findet eigentlich nicht mehr statt. Die Lebensmittelpreise haben sich verdoppelt, viele Betriebe stehen still, es gibt keinen Tourismus mehr. Außerdem werden die vielen einheimischen Helfer, etwa die Männer aus den Beerdigungstrupps, von ihren Familien aus Angst vor Ansteckung ausgestoßen und wissen teilweise nicht mehr wohin. Diese Problematik wird uns auch nach dem Ende der Epidemie beschäftigen. Außerdem sind etwa in Sierra Leone bereits 500 Ärzte und Krankenschwestern erkrankt, davon die Hälfte gestorben. Alleine die Infrastruktur in diesem Bereich aufzubauen wird Jahre dauern und intensiver Hilfe von außen bedürfen.“

"Die Infrastruktur in den betroffenen Ländern wieder aufzubauen wird Jahre dauern." Dr. Werner Strahl, Vorsitzender Cap Anamur aus Essen-Werden


Wie wahrscheinlich ist es, dass es auch in Deutschland zu Ansteckungen kommt?
„Ausschließen kann man das nie und durch die lange Inkubationszeit von 21 Tagen können auch scheinbar gesunde Menschen noch viele andere anstecken, wenn sie etwa aus den Krisengebieten zurück kehren. Das ist halt ein Problem unserer modernen, mobilen Zeit. Hier in Deutschland sollten wir aber kein Problem haben die Menschen sofort zu isolieren, so dass ich hier keinen großen Grund zur Besorgnis sehe.“

Was sind Ihre nächsten Schritte?
„Ich bin hier in Deutschland für die Rekrutierung und Vorbereitung von Helferteams zuständig. Was wir vor allem brauchen, ist finanzielle Hilfe. Jeder Helfer vor Ort muss etwa fünf Mal am Tag seinen Schutzanzug wechseln. Ein Anzug kostet 15 Euro und nur in unserem Krankenhaus in Freetown werden in einem Monat 15 Stück verbraucht . Eines liegt mir auf der Seele. Worüber wir nach dem Ende der Epidemie sprechen müssen ist das Versagen aller Beteiligter in den ersten Wochen. Seit Juni warnen wir von Seiten der Hilfsorganisationen. Aber die Verantwortlichen haben das Risiko viel zu lange unterschätzt.“

Mehr zum Thema:
Mehr über die Arbeit von Dr. Werner Strahl lesen Sie hier.
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