„Mindestens Status Quo halten“

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Am Klemensborn verhindern die Schwellen eine „Rennstrecke“, würden aber einen Ortsbus in beide Richtungen unmöglich machen. Foto: Henschke

In der BV-Sitzung wurde über den Nahverkehrsplan diskutiert - werden die Linien 180 und 190 gestrichen?


Der Aufschrei war groß: Aktuell wird der Nahverkehrsplan der Stadt Essen als Grundlage für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zum zweiten Mal fortgeschrieben. Ein Gutachterbüro hatte im Auftrag des Rates verschiedene „Strategische Zielvarianten“ erarbeitet.

Die daraus entstandenen Szenarien sehen „Konzentration“, „Kontinuität“ oder „Kapazitätsausbau“ vor. Die Entscheidung für eine der drei Varianten legt die grundsätzliche Ausrichtung des städtischen ÖPNV-System fest. Infrastrukturelle Grundlagen wie etwa die einer wachsenden Stadt wurden analysiert und anschließend Maßnahmen daraus abgeleitet. Der Katalog sieht neben einer höheren Taktung auf Hauptachsen und Stärkung der Verbindungen in die Innenstadt allerdings auch Anpassungen des „Angebots mit geringer Nachfrage“ vor. Hier zeigten sich Werdener Bürger alarmiert. Eine Streichung der Buslinien 180 und 190 droht.

Der „Runzelbus“

In einem offenen Brief hatten die Bewohner des Betreuten Wohnens an der Urbachstraße für den Erhalt der Buslinien plädiert: „Mit großem Entsetzten haben wir gelesen, dass der 180er, liebevoll auch ‚Runzelbus‘ genannt, da er gerne von älteren Menschen genutzt wird, eingespart werden soll.“ Der 15 Prozent steile Viehauser Berg sei mit Einkaufstaschen bepackt schon für den sportlich Fitten eine Herausforderung. Für die meisten im Betreuten Wohnen, darunter Rollstuhlfahrer und Menschen mit Behinderung, sei es unmöglich, die steilen Werdener Berge zu Fuß „zu erobern“. Morgens und am späten Nachmittag sei der Bus gut frequentiert, hier das arithmetische Mittel zu ziehen, der falsche Ansatz. Der ganz normale Alltag sei ohne Bus nicht mehr zu organisieren, das widerspräche doch der gesellschaftlichen Teilhabe von Eltern mit Kinderwagen, älteren und behinderten Menschen.

„Horror-Szenario“

Daniel Behmenburg versuchte zu beruhigen: „Ein Rückbau ist nicht angebracht!“ Zunächst seien es nur Vorschläge, man müsse auf die Ratsfraktionen einwirken, keinesfalls dürfe der aus dem Moderationsverfahren „Grüne Harfe“ entstandene Ortsbus erst nachträglich kommen. Allerdings müsse die EVAG erst kleinere Busse kaufen, auch andere Stadtteile hätten Interesse an Ortsbussen signalisiert. Anna Leipprand sprach von „Horror-Szenario“, sprach sich für einen Ausbau des ÖPNV in Essen aus. Ulla Lötzer nannte die angedachten Einschränkungen „grotesk“, Hanslothar Kranz erinnerte an das Konzept eines Bürgerbusses, den die EVAG mit allen Mitteln zu verhindern suche. Benjamin Brenk erinnerte an die nicht motorisierten Mitmenschen: „Die Bürger müssen vom ÖPNV weiterhin Mobilität angeboten bekommen. Ihre Lebensqualität ist sonst eingeschränkt, das kann keiner wollen!“

„Rennstrecke“ Klemensborn


Der BV lag auch ein Brief von Herbert Soer vor: „Ich verweise auf Schwächen des Nahverkehrskonzeptes.“ Die sechs Straßeneinbauten am Klemensborn sollen wegfallen, damit der Ortsbus in beide Richtungen fahren kann. Die Einbauten seien aber damals auf seine Initiative hin eingerichtet worden, da häufiger Autofahrer mit zu hoher Geschwindigkeit in seine Hausfront fuhren. Die Verkehrsdichte erhöhe sich noch durch die Bebauung „Grüne Harfe“ und die Nutzung als Abkürzung durch sehr viele Fahrer mit Mettmanner Kennzeichen. Soer plädiert für Beibehaltung der jetzigen Busführung durch die Kellerstraße. Hier hakte Patrick Widmaier nach und stellte fest: „Die Schwellen am Klemensborn sollen bleiben. Das hat viel gebracht!“
Nach eindringlicher Diskussion stellte Bezirksbürgermeister Bonmann fest, dass die drei Varianten zu kurz greifen. Ohne sich für eine entscheiden zu wollen, bittet die BV den Rat, den ÖPNV mindestens mit vergleichbarer Ausstattung zu gestalten. Durch Umschichtungen der Mittel soll der 180er zum Ortsbus werden, entflochten vom 190er, der als „Südtangente“ schnell von Kettwig nach Burgaltendorf führt. Auch sollen die ortskundigen Bezirksvertretungen in die Beratungen einbezogen werden: „Es gibt da Verbesserungsmöglichkeiten.“

Wachsende Stadt

Am 7. Juli zurrt der Ausschuss für Stadtentwicklung und Stadtplanung die Kriterien fest, im September wird der Rat der Stadt entscheiden. Immerhin: Der Verwaltungsvorstand der Stadt hat sich einstimmig für die Variante „Kontinuität“ ausgesprochen. Damit soll das bestehende Angebot des öffentlichen Personennahverkehrs erhalten und für die zukünftigen Anforderungen weiter entwickelt werden. Für die Betriebskosten ist eine leichte Erhöhung von 1,3 Millionen Euro pro Jahr vorgesehen. Bau- und Umweltdezernentin Simone Raskob sagte: „Eine wachsende Stadt erfordert einen leistungsfähigen ÖPNV.“
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