„Politik beginnt vor der Haustür“

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Gut besucht war die öffentliche Diskussion im Paul-Hannig-Heim. Foto: Henschke
 
Haltestelle Papiermühle: Ist hier bald der letzte Bus abgefahren? Foto: Henschke
 
Der geplante Rundkurs des neuen Ortsbusses 182/192 und die durchgehende Linie 180. Grafik: EVAG

Angeregte Diskussion um das neue Nahverkehrskonzept bei der CDU Heidhausen-Fischlaken

Im Paul-Hannig-Heim stellte sich die CDU Heidhausen-Fischlaken der öffentlichen Diskussion, hatte dazu die Ratsvertreter Martina Schürmann und Ulrich Beul eingeladen. Es ging um Neugestaltung des Nahverkehrskonzepts für Werden-Land.



CDU-Ortsvorsitzender Yannick Lubisch begrüßte und stellte klar: „Es gibt zurzeit sicherlich viele spannende Themen. Aber heute wollen wir uns fokussieren auf Politik, die direkt vor unserer Haustür beginnt. Kritische Stimmen am Konzept dürfen nicht ungehört bleiben. Es gilt, die Interessen aller Bürger zu berücksichtigen, von den Schulkindern bis hin zu den Senioren.“

Pilotprojekt mit Pferdefuß

Die Verwaltung betrachtet den Werdener Ortsbus als Pilotprojekt für das gesamte Stadtgebiet. Das zusätzliche Busangebot als Ringlinienverkehr vom S-Bahnhof über Fischlaken und Heidhausen soll neue Nutzer in den ÖPNV locken. Die neuen Linien 182 und 192 sollen gegenläufig die „Bergdörfer“ mit dem Werdener Zentrum verbinden und so mithelfen, den Kfz-Verkehr dort einzudämmen. Die Linie 180 wird als reine Verbindungslinie aus Burgaltendorf kommend direkt über die B224 geführt und bis Kettwig S-Bahnhof verlängert.
Doch für viele Bürger gibt es einen Pferdefuß: Die Einstellung der Linie 190 liegt ihnen schwer im Magen. Die Streckenabschnitte Papiermühle und Ruhrlandklinik werden ersatzlos gestrichen. Unmut macht sich breit, ganz konkret Betroffene nutzten nun ausgiebig ihre Chance, mit Ratsfrau Martina Schürmann und ihrem Kollegen Ulrich Beul zu diskutieren. Beide nahmen eine lange Liste an Fragen, Anregungen und Kritik mit und werden sie in EVAG und Verwaltung tragen.

Ein Kompromiss?

Der Betriebsrat der Ruhrlandklinik hatte in einem Brandbrief „mit großer Sorge“ vor einer Streichung der 190 gewarnt. Sie wäre ein herber Schlag für Patienten und Angehörige. Aber auch Beschäftigte bekämen enorme Probleme, zukünftig ihren Arbeitsplatz zu erreichen: „Diese Kollegen dürfen nicht arbeitslos werden, weil die Buslinie gestrichen wird!“
Das Problem und der Brief sind Ulrich Beul bekannt: „Das hat die EVAG ja nicht nach Gusto entschieden, sondern die Fahrgastzahlen betrachtet. Wenn eine Haltestelle am Tag nur sieben Einsteiger und zwölf Aussteiger zählt, ist das natürlich viel zu wenig. Der Rat hat zwar entschieden, den ÖPNV nicht kaputt zu sparen, aber auch, ihn dem Bedarf anzugleichen. Erhebliche Investitionen stehen an, neue Straßenbahnen, alle Haltestellen sollen barrierefrei werden. Strecken, die nicht so angenommen werden, sollen wegfallen. Überall wird gestrichen, da muss politisch abgewogen werden.“
Das Heidhauser BV-Mitglied Stephan Sülzer mahnte: „Die Ruhrlandklinik ist eine Institution in Essen, da muss der Anschluss beibehalten werden. Warum nicht die Linie 169 über den Heidhauser Platz hinaus verlängern? So könnte als Kompromiss die Klinik weiter angefahren werden. Von einem Taxibus halte ich nichts.“

Grüne Hauptstadt?

Der Wegfall der 190 empört auch die Anwohner an der Papiermühle. In der ganzen Straße In der Borbeck stünden zwar nur 17 Häuser, aber mit vielen Kindern und älteren Menschen. Anwohnerin Vanessa Weis hakte nach: „Bei uns im Haus alleine leben schon sieben Kinder. Die Schüler sind auf den Bus angewiesen. Sollen die wirklich die zwei Kilometer bis zur Brücke laufen? Auf dem Weg gibt es nicht mal überall Bürgersteige und es fehlt auch Beleuchtung. Wir sind abends ab halb acht von der Welt abgeschlossen. Früher fuhr die 180 den Schlenker, warum kann man dies nicht wieder einführen? Die Busschleife ist doch vorhanden. Essen möchte grüne Hauptstadt sein und grenzt gleichzeitig die grünen Stadtteile aus?“ Nachbarn wurden noch deutlicher: „Eine generelle Streichung führt zum Abschneiden von Bürgern an der Daseinsvorsorge. Die Ecke ist ein Unfallschwerpunkt, da gab es schon Tote. Auch verkommt sie immer mehr zur wilden Müllkippe. Und dort sollen Kinder im Dunkeln entlanglaufen? Man bekommt schon den Eindruck, dass wir in den Randgebieten für die Stadt völlig uninteressant sind!“

Existenz der Kita „Wunderwelt“ gefährdet

Die Buslinie 190 endet an der Ruhrlandklinik, wo auch die „Wunderwelt“ ihren Sitz hat. Die von einer Elterninitiative geführte Kita betreut 21 Kinder ab drei Jahren: „Auch wenn wir auf dem Klinikgelände zu finden sind, sind wir kein Betriebskindergarten. Diesen Bus nutzen wir, um mit den Kindern in die Welt hinaus zu fahren. Da wäre ein Taxibus keine Alternative. Für unsere Kita ist die Streichung existenzgefährdend. Wie sollen wir denn vom Tüschener Weg wegkommen? Ohne eine Anbindung wäre diese Kita nie genehmigt worden. Es geht hier um das Überleben einer Kita, die vom ÖPNV abhängig ist. Kann sich das die Stadt Essen bei dem großen Mangel an Plätzen erlauben?“
Robin Haße hatte andere Bauchschmerzen: „Eine Großstadt wie Essen definiert sich auch über ihren ÖPNV. Die Preise sind horrend, runter ins Dorf und wieder rauf ist schon viel zu teuer. Das Preis- Leistungsverhältnis stimmt nicht. Wäre es attraktiver, würden auch mehr Bürger mit dem Bus fahren.“ Sebastian Weßkamp verdeutlichte die Sorgen seiner Mitbürger: „Wir sind nun mal ein ländliches Gebiet. Für mich geht die Diskussion um die reinen Fahrgastzahlen an der Sache vorbei. Hier hat die EVAG einen Grundversorgungsauftrag. Sie darf nicht die Außengebiete faktisch vom ÖPNV ausschließen!“

Nachjustieren

Yannick Lubisch dankte für die große Anteilnahme und die vielen konstruktiven Beiträge: „Das Konzept, welches uns vorgelegt wurde, muss von uns weiter kritisch hinterfragt und an wichtigen Stellen nachjustiert werden. Das richtige Stichwort ist bereits gefallen: Wir sind Grüne Hauptstadt Europas. Das sollte mindestens zu einer Erhaltung des ÖPNV-Angebots verpflichten. Wie wir dieses Angebot modifizieren können, sodass auch die von Kosteneinsparungen getriebenen Verkehrsbetriebe unseren Anregungen und Forderungen nachkommen, werden wir in der nächsten Zeit gemeinsam sondieren.“ Die beiden Ratsvertreter versprachen, bei Verwaltung und Politik für die Verlängerung der 169 bis zur Ruhrlandklinik und den Schlenker der 180 zur Papiermühle zu werben. Mit dem Gefühl, gehört worden zu sein, traten die Bürger den Heimweg an: „Nun müssen wir aber mit dem Auto nach Hause fahren. Der Bus fährt ja nicht mehr!“
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