Sucht macht vor keiner Tür halt!

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v.l.n.r.: Nicolin Vook-Chaban, Dirk Miklikowski, Harald Jacob und Peter Renzel.
SuchtNotRuf unter 0201- 403840

Sein Name? „Nennt mich Harald, das reicht!“ 51 Jahre ist er alt, der ehemals Süchtige, dem geholfen wurde: „Ich war polytox!“ Will heißen, Harald tat sich und seinem Körper, aber auch seiner Psyche, eine Vielzahl von Drogen an.
„Haupteinstiegsdroge ist der Alkohol“, weiß der ehrenamtliche Helfer, der seit einem Jahr regelmäßig am Telefon sitzt. Denn ganz oben in Heidhausen beim Verein „SuchtNotRuf Essen“ klingelt es rund 3.000 Male im Jahr. Am anderen Ende der Leitung? Süchtige, deren Partner, Eltern, Freunde. Unter 0201- 403840 finden Betroffene und Angehörige rund um die Uhr , 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, ein geschultes Ohr, denn vorurteilsfreies Zuhören ist ganz wichtig beim großen Tabuthema Sucht. „Man spricht halt nicht drüber und stellt sein ganzes Leben darauf ab, dass es Keiner mitbekommt. Irgendwann fällt die mühselig aufrechterhaltene Fassade und unfassbares Elend wird sichtbar!“
Es gibt keine glücklich machende Tipps, kein Allheilmittel. Beim SuchtNotRuf mit Sitz auf dem Gelände der Suchthilfeeinrichtung „Die Fähre“ wird seit 22 Jahren mit größtem Engagement alles versucht, damit mit der Sucht überforderte Menschen einen Weg aufgezeichnet bekommen, wie sie sich der Umklammerung der Drogen entziehen können. Das ist nie leicht, doch es gibt Hoffnung für Jeden. Manchmal ist es ein verunsicherter Angehöriger, der schüchtern berichtet und fragt: „Muss ich mir Sorgen machen?“ Aber leider ist es viel zu oft ein völlig demoralisiertes Familienmitglied, welches den enormen Leidensdruck nicht mehr aushält und in Heidhausen anruft.
Etwa ein Drittel der Anrufer ist selbst betroffen, möchte Hilfe in der Drogensucht. Gibt es ein Schema für den typischen „Suchti“? Nicolin Vook-Chaban als Leiterin des Notrufes hat schon vieles erlebt und weiß daher: „Nein! Jeder Süchtige ist anders, sie kommen aus allen sozialen Schichten, es kann Jeden treffen!“ Oft spielt eine Suchtvorgeschichte in der Familie eine Rolle, doch es gibt so viele Faktoren, die in die Abwärtsspirale führen, als dass es Patentrezepte geben würde: „Das geht nicht auf Knopfdruck, es gibt auch keine pauschale Lösungen!“
Der Verein „SuchtNotRuf“ entstand 1990, da die Fachklink „Die Fähre“ mit den immer mehr zunehmenden Anfragen überfordert war - und sucht weitere ehrenamtliche Mitarbeiter. Eine Schulung zum Suchtnothelfer dauerte drei Monate und schafft das nötige Hintergrundwissen. Willkommen sind Abstinenzler, die von ihrer eigenen Sucht berichten können, aber auch Menschen, die einfach nur helfen wollen.
Das zweite Standbein des Vereins ist die Prävention. Gerade bei Kindern und jungen Erwachsenen kann ein Besuch in der Fähre frühzeitig mit den verschiedenen Aspekten der Sucht bekannt machen: Alkohol, Medikamente, Drogen, Nikotin, aber auch Einkaufen, Internet, Essen oder Abhängigkeit in Beziehungen, Sucht hat viele Gesichter. Nicolin Vook-Chaban: „Hier vor Ort können Betroffene die Gefahren sehr deutlich machen.“
Der Verein geht aber auch in Schulen, Jugendeinrichtungen oder Ausbildungsstätten. Besonders dort zeigen die Aktivitäten des Vereins große Wirkung. Harald weiß um die Wirkung dieser präventiven Maßnahmen: „Wenn ich mit den jungen Leuten spreche – ohne ihre Lehrer sind sie offener – und als ehemaliger Süchtiger berichte, geht bei den Kindern und Jugendlichen eine Tür auf und sie hören genau zu. Gerade die Partyszene mit ihren Verlockungen ist verrückt, über Alkohol und Kiffen bis zu den Partydrogen ist es ein kurzer Weg zu schwerer Abhängigkeit!“
Essens Sozial- und Jugenddezernent Peter Renzel ist froh, dass es den SuchtNotRuf gibt und kann alle von Süchten bedrängten Menschen nur raten: „Initiative ergreifen, 0201 - 403840 anrufen!“
Gerade da der Stadt die finanziellen Mittel fehlen, ist die Arbeit des Vereins, der unter der Trägerschaft der Fähre, des Kamillushauses und des LVR-Klinikums Essen steht, für Renzel ungemein wertvoll: „Diese kleine Initiative hat eine Riesenwirkung für Süchtige und Angehörige!“ Deswegen hilft Dezernent, wo er kann. Als klar wurde, dass es dem Verein sogar an so wesentlichen Dingen wie einer EDV-Anlage mangelte, entstand der Kontakt zum Allbau. Renzel rief bei Dirk Miklikowski an: „Die brauchen Computer!“
Natürlich half Miklikowski - Vorstand des größten Essener Wohnungsanbieters - sofort: „Der Allbau übernimmt aktiv Verantwortung in Essen und stellt sich den sozialen Herausforderungen. Deswegen unterstützen wir solche Projekte, die eine breite Wirkung in der Stadt haben!“ Nun erhöht die Allbau AG ihr Engagement und finanziert mit 7.500 Euro eine neue Werbekampagne, durchgeführt von der Werbeagentur BJS, die die Telefonnummer 0201- 403840 in den Vordergrund stellt und mithilfe von Flyern, Plakaten, Visitenkarten, Briefpapier und Aufklebern sowie einer neuen Homepage unterm dem einprägsamen Slogan „100 Prozent Anonymität und 0 Prozent Risiko“ noch mehr Essenern die professionelle Hilfe des SuchtNotRufes näher bringen möchte.
Peter Renzel: „Sucht macht vor keiner Tür halt. Es gilt, Wege zum Ausgang zu finden!“
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1 Kommentar
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Manfred Schuermann aus Essen-Ruhr | 23.12.2012 | 00:42  
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