Im Schatten der Bochumer Jahreshauptversammlung: Erinnerungen an früher!

Am Montag war Jahreshauptversammlung beim VfL Bochum. Anders als in den meisten Fällen zuvor sollte diese einen ungewöhnlichen Verlauf nehmen. Doch trotz aller Irritationen und überraschender Rücktritte hatte die Mitgliederversammlung nicht im Entferntesten etwas zu tun, mit den berühmten »Schalker Verhältnissen« der 70er und 80er Jahre. Unter diesem Begriff versammeln sich eine Reihe spektakulärer Zusammenkünfte, die im feucht-fröhlichen Rahmen die eine oder andere humoristische Einlage boten.

Im Februar 1987 erlangte beispielsweise der treue Gelsenkirchener Hund mit dem schönen Namen Hasso ungeahnte Berühmtheit. Auf der Jahreshauptversammlung duellierten sich der ehemalige Manager Rolf Rüssmann und Präsidentschaftsanwärter Oskar Siebert mit gezielten Attacken deutlich unter der Gürtellinie. Schalke, wie es lebte und pöbelte. Es entbehrte nicht einer gewissen Ironie, dass der damalige Bildungsminister und stets etwas undurchsichtige Jürgen W. Möllemann die völlig außer Kontrolle geratene Mitgliederschaft mit seinem Appell an Werte und Gewissen erfolgreich zur Ordnung rief.

Die anschließende Wahl gewann der braungebrannte Kneipenwirt von der Rentnerinsel Gran Canaria mit der knappen Mehrheit von 37 Stimmen vor seinem Gegenkandidaten Volker Stuckmann. Im Stile eines Konrad Adenauers (»Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern«) ignorierte Siebert großzügig seine eigenen Vorgaben. »Mindestens sechzig Prozent brauche ich«, hatte das Schalker Original vorher noch lauthals getönt. Schließlich reichten ihm auch die knapp über fünfzig Prozent, um trotzig in den aufgeheizten königsblauen Hexenkessel zu brüllen: »Ich, Euer Oskar Siebert, nehme die Wahl an!«

Doch die Geschichte hatte ein Nachspiel. Wenige Tage nach der Jahreshauptversammlung riss Hund Hasso beim Spielen mit seinem Herrchen auf dem Gelände der Gelsenkirchener Mülldeponie herumliegende Säcke wahllos auf. Und was erblickte da auf wundersame Weise und völlig unbeabsichtigt noch einmal das Licht dieser Welt? Das feine Näschen des braven Hasso ließ neben abgenutzten Pilstulpen und halben Fleischfrikadellen auch ungezählte Abstimmungskarten der letzten JHV aus den Müllsäcken herausquellen. Damit war der Skandal perfekt. Eigentlich. Denn Schalke wäre nicht Schalke, wenn man unbürokratisch und ohne viel Aufhebens zu machen, die Sache schnellstmöglich gelöst hätte. Wie? Ganz einfach. Man kaufte neue, deutlich reißfestere Säcke und packte die Kärtchen – diesmal wirklich für immer – zurück in den Müll.

Ein Jahr später kam es übrigens in Frankfurt, bei der Eintracht, zu einer anderen historischen Jahreshauptversammlung. Als ein Redner mehrmals nachdrücklich ins Mikrofon sprach - »Das ist doch keine Demokratie!« -, wurde er von einem Ordner wenig sanft gebeten: »Geh mal da runter!«. In einer Kurzschlussreaktion langte der aufgebrachte Diskussionsteilnehmer vor den staunenden und raunenden Mitgliedern im Saal kurz und heftig zu und verpasste dem Securitymann - immerhin ein Trainer der Frankfurter Frauenboxstaffel - einen parademäßig ausgeführten rechten Haken.

Und am Montag in Bochum? Selbst verbal hielt man sich zurück. Und schnüffelnde Hunde wird es auch nicht geben. Denn auf die bereitliegenden Abstimmungskärtchen hatte man wohl in Erinnerung an die legendären »Schalker Verhältnisse« lieber gleich verzichtet.

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