Kunst trifft Fußball

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Isolde Goldberg präsentiert während der EM bei "kunstwerden" die farbenfrohen Fußballer-Grafiken ihres Gatten Rüdiger Eschert. Foto: Bangert
 
Bei „kunstwerden“ sitzt man gerne etwas bequemer. Foto: Bangert

Rudelgucken bei kunstwerden mit Rüdiger Escherts „The Magic Eleven and The Mystery Game“


Deutschland zockt gegen Polen: Das zweite Gruppenspiel bei der Europameisterschaft im Herrenfußball steht an, fast schon traditionell ist eine der schwächeren Darbietungen zu erwarten. Das stört die Werdener allerdings wenig - in der Gemeinschaft schauen macht halt einfach mehr Spaß und hilft über miese Spiele hinweg.

In Paris steht der Jogi nach seinem „Hosengate“ unter besonderer Beobachtung, hält seine Finger diesmal auch vornehm zurück. Seine Fußballer laufen auf, schmettern die Nationalhymne. Naja, so richtig engagiert ist da kaum einer. Wird der Multikulti-Truppe ja auch von gewisser Seite vorgeworfen. Allerdings wurde nachgewiesen, dass auch schon in den 1970ern Breitner und Co wenig mit „Einigkeit und Recht und…“ am Hut hatten. Die haben eben lieber „Fußball ist unser Leben“ intoniert. Und dann gegen die DDR verloren.

Den Lahm zurückholen

In Werden pilgern die Fans zu ihren jeweiligen Austragungsorten, unterwegs ergeben sich Fachsimpeleien vom Feinsten. Die Außenverteidiger sind doch nix, wir sollten den Lahm zurückholen, der kann nämlich links wie rechts. Götze? Eine Enttäuschung. Dennoch ein 2:1-Tipp und die Beiden biegen in die Domstuben ab. Einen kleinen Fußmarsch weiter macht man es sich in den Räumen von „kunstwerden“ gerade bequem. Hier gibt’s statt harter Bierzeltgarnitur Gepolstertes für den Hintern. Sogar der eine oder andere Clubsessel ist auszumachen. Der Bernd zapft, mixt auch ‘nen Cocktail, ein Griff in die Nussschale, man gönnt sich ja sonst nichts...
Stilsicher wählte der Barkeeper das Poldi-Trikot, ein stummer Vorwurf an den Jogi? Die Moni überrascht mit schwarz-rot-goldenen Hasenohren, hat Trillerpfeife und Rassel für den Torjubel bereitliegen. Wird sie nicht brauchen. Frank hat sich auch in Schale geworfen, ließ sich eigens ein Island-Shirt anfertigen. Die Nordmänner hatten ihm beim 1:1 gegen Heulsuse Ronaldo imponiert, ganz besonders gefiel ihm ein Mann: Kolbeinn Sigthórsson. Den Gag mit dem Siegtor im Namen lässt sich so ein Kunstvereinsvorsitzender natürlich nicht entgehen!

Faszination Sport

Da bis zum Anpfiff noch etwas Muße ist, schlendern die Besucher an der aktuellen Ausstellung vorbei, die Isolde Goldberg mit viel Freude und auch ein wenig stolz präsentiert: Ihr verstorbener Gatte Rüdiger Eschert hatte moderne Sportgrafiken geschaffen, die durch das ZDF zu Ruhm gekommen sind. Von der Pike auf erlernte Eschert das Graphische Gewerbe, war in Chemiegraphie und Lithographie zu Hause. Das Studium der Illustration und Freien Grafik wurde mit Auszeichnung absolviert, zunächst in der Werbebranche, folgte der Sprung vom Art Director zum freien Künstler. 1986 gestaltete er die Wände des deutschen Pavillons bei der EXPO in Vancouver. Rüdiger Eschert blieb ein Wanderer zwischen den Welten, in seinem Schaffen vereinten sich Kunst und kommunikative Grafik. Der Sport faszinierte ihn, war immer wieder sein Thema. Seine dynamischen Farbkompositionen waren von 1985 an für viele Jahre das Erkennungsmerkmal der ZDF-Sportreportage, 2003 präsentierte Rüdiger Eschert „SPORT KUNST POWER“, eine beeindruckende Ausstellung im Deutschen Sport- und Olympia-Museum in Köln.

Kreativität

Eine sehr moderne Darstellung von Fußballern mit viel Farbe und Dynamik springt den Betrachter förmlich an. Das kann man vom Spiel jetzt weniger sagen. Die Teams haben gehörig Respekt voreinander, stehen hinten sicher, überlassen nix dem Zufall. Die Kreativität kommt da zu kurz. Vielleicht wäre dem so kläglich dahindümpelnden Özil ein Blick auf die Eschertschen Grafiken zu empfehlen? Die sind einfach stark, haben eine durchaus kritische Aussage, leben von intensivem Umgang mit Farbe und Form. Völlig außer Form dagegen ist Thomas Müller, was der anwesenden Damenwelt fast schon leid tut: „Was ist nur mit dem los? Das hat doch sonst immer geklappt!“

Ballkontakte

So quälen sie sich durchs Spiel, die Kommentare werden fast hämisch, nur Einer bekommt gute Kritiken: „Da brennt nix an. Der Boateng, der passt schon auf!“ Die unbändige Sucht der TV-Leute, zu alles und jedem nichtssagende Statistiken aufs wehrlose Fernsehvolk loszudonnern, bekommt auch ihr Fett weg. Toni Kroos, Lenker und Denker? Einmal rollt ein Ball zu viel aufs Feld, der Toni kickt den wieder weg: „Wird das jetzt auch als Ballkontakt gezählt?“ Apropos Zählen: Rüdiger Eschert hat die umfangreichste Sport-Motiv-Reihe kreiert, die je ein Künstler geschaffen hat. „The Magic Eleven and The Mystery Game“ wurde zum Sommermärchen 2006 erstmalig in Essen ausgestellt, unverkennbar im Stil durch den geradezu „eruptiven“ Umgang mit Farbe, von erfrischender Klarheit geprägt. Eine Edition ist aufgelegt, ein hochwertiges Plakat für zehn Euro erhältlich, der Erlös geht komplett an den Kunstverein.

Nachspielzeit

Die Minuten zerrinnen träge, natürlich gibt es die obligatorischen drei Nachspielminuten, ein Pole bleibt liegen, der simuliert doch: „Stell‘ Dich nicht so an, Mann!“ Dann endlich sind alle erlöst. Das war gar nix, ein 0:0 der schlechteren Sorte. Wird aber keinen hier davon abhalten, weiter im Rudel EM zu gucken. Die „Kunstwerdener“ werden sich noch einige Partien auf der Leinwand „reinziehen“, nur am Freitag, 24. Juni, muss der Beamer ausbleiben. Da rockt nämlich ab 20 Uhr die Band „Roxopolis“ die Bühne, längst keine unbekannte Größe mehr im Essener Musikleben. Die junge Band bringt energiebehafteten Soul und drückende Beats. Ist aber auch wirklich eine gute Alternative: Denn am Freitag ist bei der EM spielfrei…
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