Der Willi mit der Zigarre... Wilhelm Brockmann ist ältestes Mitglied des SC Werden-Heidhausen

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Wilhelm Brockmann und Fred Akin

Die Delegation der Werdener Fußballer betritt das schmucke Seniorenzentrum St. Mauritius in Hattingen-Niederwenigern. Sie wird bereits an der Rezeption abgefangen, ein junger Mann springt auf: „Sie wollen zu Herrn Brockmann, stimmt’s?“

Stimmt! Den SC Werden-Heidhausen hatte ein rührender Brief erreicht. Absender war Maria Naguschewski: „Herr Wilhelm Brockmann ist mein Vater. Mit diesem Jahr ist er 80 Jahre Mitglied bei Ihnen. Er redet von nichts anderem mehr. Nachdem mein Vater selber dieses Jahr sein 93. Lebensjahr erreicht, möchte ich sie herzlichst bitten, ob es möglich ist, seine nun schon 80 Jahre andauernde Mitgliedschaft zu feiern? Mein Vater wünscht sich so sehr, dass er nicht vergessen wird, er wünscht sich so sehr, dass ihm persönlich gratuliert wird und er hofft so sehr, dass dieses Ereignis in der Zeitung erscheint. Er ist 80 Jahre zahlendes Mitglied und geht davon aus, dass dies etwas ganz besonderes ist. Sie würden meinem Vater einen Herzenswunsch erfüllen und somit natürlich auch mir!“

„Den kenne ich doch!“

Fred Akin ist Obmann beim SC Werden-Heidhausen, selbst schon etliche Jahre dabei, hielt beim ASV Werden als Mittelstürmer oder Aushilfs-Vorstopper die Knochen hin: „Mensch, den Willi, den kenne ich doch! Der war als Zuschauer immer mit dabei, hat uns überall unterstützt, auch auswärts. Sein Kennzeichen war, dass er stets eine Zigarre im Mund hatte!“ Wenn man andere Werdener Alt-Kicker wie Peter Slamnik fragt, kommt immer der gleiche Kommentar: „Der Willi? Das ist der mit dem Zigarrenstummel!“
Dieses Werdener Urgestein zu besuchen und zu ehren, ist für Akin Selbstverständlichkeit, es wird auch für ihn eine Reise in die Vergangenheit. Der alte Herr ist sehr aufgeregt, freut sich unheimlich, sucht im Hinterstübchen nach Namen: „Das ist doch alles schon so lange her, wie hießen die doch gleich?“ Fred Akin will es wissen: „Kennst Du mich noch, Willi?“ Eher nicht, Akin hat die Erklärung: „Früher war ich ein dünner langer Lulatsch, jetzt nicht mehr so!“
Angefangen hat alles in der elterlichen Wohnung an der Von-Schirp-Straße. Willi Brockmanns Zuhause in „Unterbredeney“ war 1915 zur Stadt Werden eingemeindet worden. Im 5. Oktober 1922 wurde der kleine Wilhelm geboren, es waren unruhige Zeiten kurz nach dem 1. Weltkrieg. Inflation bedrückte das Land, Anfang 1923 besetzten französische und belgische Truppen aufgrund ausbleibender Reparationsleistungen des Kriegsverlierers Deutschland das gesamte Ruhrgebiet. Im August 1925 wurde die Besetzung aufgehoben, nur dreieinhalb Jahre später verleibte sich die wachsende Großstadt Essen das Abteistädtchen ein.

Die Erinnerung an damals bleibt

Die Familie wohnte an der evangelischen Schule. Als Katholik musste Willi auf dem Weg zu seiner Schule Spießruten laufen bei den Evangelischen, die ihn beschimpften. Dann hatte der Rektor ein Einsehen und erlaubte Willi, sich durch den Schulgarten zu schleichen. Die Erinnerungen bleiben, auch an Freunde: „Der Erich von der Effmannstraße war hinterm Berg geblieben, den veräppelten die dauernd. Ach, ich bin so lange nicht mehr da gewesen…“
Dann, im März 1935, saß Willi Schaub, der unvergessene Jugendleiter vom SV Werden 08, am Küchentisch und bequatschte den Vater, seinen zwölfjährigen Sohn Fußball spielen zu lassen. Willi Schaub war Kult im Verein, eine Nummer für sich, galt als ewiger Junggeselle, heiratete aber dann doch noch - mit 60 Jahren! Der Vater sagte Ja - Willi durfte kicken…
Nach der aktiven Zeit blieb man dem Club verbunden, das war früher nie eine Frage. Ja, Brockmann war ein großer Fan, ist es geblieben, lässt sich noch heute berichten über das Wohl und Wehe seines Vereins. Ein wenig befremdlich ist ihm die Fusion der vorherigen Konkurrenten aus Werden und Heidhausen, sie jährt sich zum zwanzigsten Mal, irgendwie immer noch: „Da gab es früher immer Krach mit den Heidhausern. Wie hieß noch deren Vereinskneipe am Schwarzen? Bergischer Hof? Bei Tante Tilla?“

Vereinsheim und Kunstrasen im Löwental

Dass der SC Werden-Heidhausen fast nur im Heidhauser Volkswald spielte, war Brockmann unbegreiflich, doch Fred Akin weist auf die aktuelle Entwicklung hin: „Jetzt spielen wir wieder unten im Löwental, auf einer tollen Anlage. Mit zwei Kunstrasenplätzen, endlich bekommen wir auch unser Vereinsheim…“ Der ehemalige Sportplatz am Volkswald sei nun eine vorübergehende Heimat für Kriegsflüchtlinge. Brockmann hat den 2. Weltkrieg miterlebt und seufzt: „Da hat sich nicht viel geändert…“ Seine Tochter Maria ist nun auch schon 75, wohnt in Baden-Württemberg. Brockmann selbst ist seit sieben Jahren in Niederwenigern glücklich. Fußball im Fernsehen guckt er kaum noch, selbst Länderspiele nicht: „So sehr bin ich da nicht mehr hinterher.“

Fred Akin muss weiter, die Arbeit ruft. Der 60-Jährige verabschiedet sich warmherzig vom 33 Jahre Älteren und wird auf dem Weg zum Auto nachdenklich: „Wenn ich mit 93 noch so fit wäre, das wäre schon schön!“
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