„Für eine Weile gehe ich eine enge Verbindung zu den Kunstwerken ein“ – Galeristin Bianca Wickinghoff gibt Einblick in ihren Berufsalltag

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Galeristin Bianca Wickinghoff bei der Eröffnung einer Ausstellung.
 
Schon durch die Fensterscheiben lassen sich die Werke bewundern.
 
Besonders die Ausstellungseröffnungen locken zahlreiche Gäste an.
Essen: Galerie Clowns & Pferde | Wie arbeitet eigentlich eine Galeristin? Bei, laut Internet, rund 20 Galerien in Essen und vielen weiteren in den umliegenden Städten eine spannende Frage, ist der Beruf doch ebenso angesehen wie scheinbar elitär. Bianca Wickinghoff, Galeristin der Galerie Clowns und Pferde in Frohnhausen, erlaubt dem WESTANZEIGER einen Blick hinter die Kulissen.

Wer die kleine Galerie betritt, fühlt sich, als ob er in einen Wohnraum kommt. Die kühle Aura großer Galerien, wie man sie beispielsweise in Düsseldorf beim Stadtbummel – und meist nur durch die Fensterscheiben – wahrnimmt, fehlt hier. Stattdessen entsteht das Gefühl eintreten zu können, ohne sich rechtfertigen zu müssen. „Der Jugendtraum Interior-Designerin zu werden ist noch nicht verworfen“, schmunzelt Wickinghoff, die ihre Leidenschaft für Design nun in ihrer Galerie auslebt. Für eine Galerie sehr ungewöhnlich: farbige Wände und Vintage-Tapeten vereinen sich mit außergewöhnlichen Möbelstücken, es gibt einen Tisch mit einigen Stühlen, eine Bar und hohe Wände, die darauf warten die Werke von Kunstschaffenden aus der ganzen Welt zu zeigen. „Ich versuche internationaler zu werden. Das ist allerdings mit organisatorischen und bürokratischen Hürden verbunden“, berichtet Wickinghoff gleich zu Beginn über ihre Strategie zur Weiterentwicklung der Galerie. Ein spannender Punkt: Denn wie finden sie die Künstlerinnen und Künstler, die sie in fast monatlich wechselnden Ausstellungen zeigt?
„Das beginnt bei den Akademie-Rundgängen, geht über Messen, bis hin zur Recherche im Internet, dazu kommen die Empfehlungen und Bewerbungen“, erzählt Wickinghoff, „In der Regel haben die Künstlerinnen und Künstler Ateliers, die ich regelmäßig besuche. Immer mehr Bedeutung bekommen die Social Media.“ Gemeint ist beispielsweise Facebook, wo viele Kunstschaffende eigene Seiten erstellt haben. Doch auch bei Kollegen, befreundeten Galerien oder auf Szeneevents ist die Galeristin regelmäßiger Gast. „Ich suche vor allem Nachwuchstalente, die ich in ihrer Entwicklung begleiten kann, aber auch etablierte Künstler sind wichtig für das Portfolio einer Galerie“, stellt Wickinghoff dar, die neben ihrer Tätigkeit als Galeristin weiterhin als Kommunikationsdesignerin tätig ist. Dort hat sie auch ihre Ursprünge, vor der Selbstständigkeit war sie in einer Werbeagentur angestellt und hat auch aus dieser Zeit noch wertvolle Kontakte, die sie über die Jahre gepflegt hat. Denn ein großes Netzwerk ist ebenfalls ein wichtiger Erfolgsfaktor für eine Galerie. Ist die Entscheidung für einen oder mehrere Künstler gefallen, folgt die nächste Herausforderung: Die Auswahl der Werke. Die Galerie setzt zwar den Schwerpunkt auf Malerei, präsentiert aber auch regelmäßig Arbeiten aus den anderen Genres wie: Zeichnungen, Skulpturen, Druckgrafiken, Collagen, Fotos, Keramiken, Rauminstallationen und durchaus auch Performances fanden in der Vergangenheit ein Publikum. Und jedes Mal ist aus dem Oevre der oder des Ausstellenden auszuwählen, denn eine Show zeigt stets nur einen Einblick in das Schaffen der Künstlerin oder des Künstlers. Diese Auswahl trifft Wickinghoff gerne selbst, natürlich in enger Absprache. „Die Kuratierung einer Ausstellung ist die Hauptaufgabe und bereitet mir am meisten Freude“, erklärt Wickinghoff. Eine Aufgabe ist es die eingene Vorstellungen mit den Ansprüchen und Erwartungen der Ausstellenden in Einklang zu bringen. „Als Galeristin muss man sich um seine Künstlerinnen und Künstler kümmern. Sie stehen im Mittelpunkt. Gleichzeitig brauchen sie die Galeristen als Rückendeckung, denn oft sind Künstler eher zurückhaltend im Umgang mit der Öffentlichkeit und froh, wenn jemand für sie und ihre Arbeit spricht“, sagt Wickinghoff in aller Bescheidenheit. Insbesondere in den Tagen unmittelbar nach und vor einer Ausstellung gibt es daher viel zu tun. Der abreisende Künstler ist meist ein wenig wehmütig, wenn die eigenen Werke die Ausstellungsräume wieder verlassen, vor allem, wenn diese nur selten gezeigt werden. Hingegen stehen der oder die Nachfolger bereits in den Startlöchern. Bei manchen Ausstellungen integriert Wickinghoff zusätzlich Designobjekte oder Antiquitäten, beispielsweise um einen bestimmten Zeitgeist widerzuspiegeln. Sind alle zufrieden mit dem Endergebnis steht meist auch schon die Eröffnung, die sogenannte Vernissage, ins Haus. Dabei sind die Anwesenheit des Künstlers oder der Künstlerin sowie der Galeristin Pflicht. Letztere findet begrüßende und einleitende Worte für die Gäste und erzählt in kurzen Worten über die Künstler, deren Werke und eigene Erlebnisse mit ihnen. „Aber ich gebe nicht gern komplette Interpretationen vorab“, sagt Wickinghoff abwägend, die der Ansicht ist, dass die Werke selbsterklärend sein sollten und der Reiz darin besteht, eine eigene Erkenntnis zu entwickeln. „Was der Künstler sich jeweils gedacht hat, sollte nicht die erste Frage sein, man sollte Kunst in einem größeren Zusammenhang sehen. Mal legt ein Künstler einen stilistischen Schwerpunkt, manchmal mit Referenzen an berühmte Vorbilder oder analysiert unsere Sehgewohnheiten um diese auf überraschende Umwege zu leiten. Dann sollte man sich einfach einlassen auf die Emotionen, die beim Betrachten geweckt werden. Großen Respekt habe ich natürlich vor Künstlern, die sich kritisch mit unserer Epoche auseinander setzen, das Ergebnis kann dann provokant und schwierig zu vermitteln sein – ich nenne sowas gern „Museumskunst“, diese ist sehr wichtig für die Kunstgeschichte, aber eine Käuferschaft dafür ist leider rar gesät“, bedauert sie und schließt ein Plädoyer für die Kunst an. Denn diese sei nicht so elitär, wie ihr Ruf es manchmal vermuten lässt. „Man muss nicht Kunst studiert haben, um eine Galerie zu besuchen, ich hoffe nicht, dass sich schon mal jemand hier unwohl gefühlt hat“, sagt sie und die vielen Besucher bei jeder Vernissage scheinen ihr Recht zu geben. Die Galerie hat sich in den letzten 5 Jahren seit ihrer Eröffnung zu einem der Treffpunkte für Kunstschaffende in Essen entwickelt. Die Idee Kunst, im nicht dafür bekannten Frohnhausen, auszustellen und zu verkaufen entstand aus der Bewegung „Freiraum2010“ im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres heraus. „Ich wollte es einfach selbst in die Hand nehmen einen Raum für freie Kunst und Kultur zu schaffen“, erörtert Wickinghoff ihre Gedankengänge, „Und ich bin sicher: Die Galerie ist eine gute Sache!“ Sie versuche, die Kunst vielfältig zu halten und so das Interesse verschiedenster Personengruppen auf die Galerie zu lenken.
Welche Eigenschaften man als Galeristin benötigt? Das kann Wickinghoff auf Anhieb sagen „Vor allem Begeisterungsfähigkeit für die Arbeit eines anderen Menschen.“ Diese nimmt man ihr auf Anhieb ab.
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