Kunst oder Vandalismus?

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Künstler Maurizio Bet und die Nachwuchssprayer: Matti Abramek, Andi Alodisho und Christian Öncü .
 
"Tja dann nochmal bitte von vorne". Matti Abramek hat vergessen die Striche zu zählen.

Im Schutz der Dunkelheit entstehen sie über Nacht. Sie zieren Hauswände, Garagentore, Mauern, Busse und Bahnen. Nicht allzu selten enthalten sie gesellschaftskritische und politische Statements. Graffiti - grell, bunt, provokant und illegal. Ganz legal gesprayt werden darf nun im Jugendhaus "Check In" an der Ohmstraße 32 in Altendorf.

Jeder kennt sie. Die einen verstehen es als Farbterrorismus und Schmiererein. Bei der Jugend wird die Wandmalerei schon längst als moderne Kunst verstanden. Graffiti - ein mittlerweile fest etablierter Bestandteil im urbanen Straßenbild. Sprayen ohne Auftrag ist dennoch kein Kavaliersdelikt. Diese auffallenden Sachbeschädigungen werden mit Freiheits- oder Geldstrafen verfolgt. Künstler Maurizio Bet alias Anteiichi führt die Kinder und Jugendlichen in die farbenfrohe Welt des Writings, Cutings und Fadings ein.

In kleiner Runde wird auf dem Papier gemalt. Sieben Teilnehmer sind angemeldet. Nicht immer sind alle da. „Matti Abramek, Andi Alodisho und Christian Öncü gehören zur festen Gruppe und genießen die Betreuung in kleiner Runde“, erzählt Jonas Ploeger, Mitarbeiter der Jugendhilfe in Essen und Zuständiger für das Projekt „Demokratie Leben“. Zu Anfang malen die drei Jungs Buchstaben, ihre Namen, Motive und Figuren. Schnell füllen sich die weißen Blätter – es wird schattiert und in 3D-Optik gezeichnet. Dabei sei darauf zu achten, dass die Buchstaben eng aneinander geschrieben werden, erklärt Andi Alodisho. Zu jeder Stunde gibt es eine Hausaufgabe. Unter dem Motto „Was in Essen fehlt“ hat der junge Kreative einen Roboter gemalt und trifft damit den Nagel der Zeit.

Die bunte Welt des Graffiti

Kurz geschüttelt und ein leichter Druck auf die Spraydose. Zum warm werden sprüht der 13-jährige Matti Abramek 20 Striche an die Wand. Gar nicht so einfach wie es sich vermuten lässt. Drückt man ein wenig zu fest, zerläuft die Farbe. Auch die Entfernung der Spraydose zur Wand spielt eine große Rolle. Es bedarf nur drei Millimeter Unterschied, dann wird die Linie breit und sprenkelig. „Ich finde es am coolsten, meinen Namen auf die Wand zu malen“, erzählt der elfjährige Christian Öncü. Öffentlicher Raum wird hier nicht beschmutzt. Gemalt wird auf eine drei Meter lange Wand aus Frischhaltefolie. Mehrmals wird das Material an zwei Bäumen umwickelt und kann im Anschluss entfernt werden.

Mehr als nur malen - Kunst- und Erziehungsauftrag

Neben dem Sprayen gibt es draußen auch immer Theorieunterricht und erzieherische Maßnahmen. Der Künstler greift dabei hart durch. Wer nicht hört oder mit der Dose in der Hand losrennt, hat zehn Minuten Spraypause. Maurizio Bet ist hauptberuflich Maler. Seine Workshops finden im ganzen Ruhrgebiet statt. Seit sieben Jahren ist der freischaffende Künstler mit seinen bunten Sprühfarben unterwegs. Von Garagentoren bis Autos – auf Wunsch wird die auffallend bunte Kunst nach Auftrag gefertigt. Durch die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sei der Kontakt zur Jugendhilfe entstanden, erklärt er. Dabei möchte er den Kindern immer etwas Positives mitgeben, so der Sprayer. „Egal wo sie sind, sie sollen wissen, dass man sich an der Umwelt beteiligen kann“, sagt Maurizio Bet.

„Neben dem Malen und Sprayen geht es hier auch um politische Bildungsarbeit, Wertevermittlung und Identitätsfindung“, erzählt Jonas Ploeger. Doofe Fragen gibt es hier nicht und so trauen sich die Teilnehmer, Themen wie Holocaust, Kriege sowie Glaube und Religion anzusprechen. „Ich habe festgestellt, dass sie viel Redebedarf haben und sich stark für das Weltgeschehen interessieren. Außerhalb des schulischen Rahmen fällt es ihnen leichter, darüber zu reden“, erklärt er weiter.

Hoffnung auf ein erneutes Projekt

Maurizio Bet ist von den Jungs begeistert. „Sie sind voller Energie und schaffen es, mich immer wieder zu überraschen. Manchmal zeichnen die Kids eigene Motive – selbstständig und ohne meine Vorgabe.“ Auch die drei Jungs sind sich einig, was den Künstler betrifft: „Er kann sehr gut zeichnen, bringt uns viel bei und ist super cool.“ Besonders freuen sich die Jungs auf das abschließende Projekt - ein Stromkasten wird mit einem gemeinsamen Motiv besprüht. Der Kurs gefällt ihnen und so wollen sie auch bei dem nächsten Projekt wieder teilnehmen. Laut Jonas Ploeger soll der Kurs voraussichtlich in einem halben Jahr erneut stattfinden.
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1 Kommentar
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Bodo Kannacher aus Essen-Süd | 23.02.2017 | 18:34  
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