Notkirchen-Typ B

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Robert Welzel ließ die Besucher auf den Spuren der Apostelnotkirche in Frohnhausen wandern.
 
Einweihung der Apostelnotkirche 1949. (Foto: Archiv Apostelkirche)
Robert Welzel führt durch Apostel-Notkirche



Kirchen gibt es in Deutschland wie Sand am Meer, in unterschiedlichen Stilrichtungen und aus unterschiedlichen Epochen. Außergewöhnlicher dagegen ist ein Gotteshaus in Frohnhausen, welches 1949 gebaut wurde und den Kirchenbau in Deutschland nachhaltig beeinflusst hat: Die Apostel-Notkirche.


Um Interessenten dieses Gebäude näher zu bringen und die Geschichte dahinter zu beleuchten, lud die Evangelische Kirchengemeinde Frohnhausen zu einer rund einstündigen Führung, welche der Stadtteilhistorik Robert Welzel durchführte. Die Führung bestand aus zwei Teilen, einem kleinen Vortrag über den Erbauer der Kirche und die Umstände, die zum Bau führten sowie einer kleinen Führung durch das Gotteshaus.

Architekt der Notkirchen ist Otto Bartning

„Unsere Notkirche wurde im Jahr 1949 vom Architekten Otto Bartning, der den Kirchenbau in Deutschland nachhaltig beeinflusst hat, errichtet“, erklärt Welzel. „Sie besteht aus einfachen Materialien wie Ziegelsteinen und vorgefertigten tragenden Holzelementen, die nach dem Zweiten Weltkrieg relativ leicht verfügbar waren. Finanziert wurde der Bau durch Spenden aus den USA.“
Anlässlich zum 500. Geburtstag der Reformation 2017 gibt es derzeit Bestrebungen, die Apostel-Notkirche, zusammen mit anderen Vertretern ihrer Art, in die Liste der UN-Welterbestätten aufzunehmen. Denn die Apostel-Notkirche ist keineswegs die einzige ihrer Art: Insgesamt 43 solcher Typenkirchen wurden nach dem Krieg gebaut und verteilen sich in ganz Deutschland. In Wesel und Wismar etwa sind es touristische Sehenswürdigkeiten. Die Apostel-Notkirche ist seit jeher ein fester Bestandteil im Gemeindeleben, seit 1989 ist sie Ort für Kunstausstellungen.
Ihr Schöpfer ist der Architekt Otto Bartning, der durch sein Konzept Hilfe zur Selbsthilfe einzigartige sakrale Flächendenkmäler geschaffen hat und als wichtigster Kirchenbaumeister der Moderne gilt. Insgesamt baute er 150 Kirchen, wovon 109 in Deutschland verortet sind.
„Bevor Bartning auf der Bildfläche erschien war der gotische Stil vorherrschend, denn man war der Überzeugung, dass diese Bauart den deutsch-germanischen Geist verkörpern würde. Ursprünglich kam er aber aus Frankreich“, schmunzelt Welzel.
Wie eine Kirche auszusehen hat, gab dann das Eisenacher Regulativ vor: Sie musste zum Beispiel einen Kirchturm besitzen oder einen Chorbogen mit einer gemauerten Kanzel, sprich irgendwie zusammengezimmert ließ man nicht durchgehen. Dieses Konzept wurde dann bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts beibehalten.
„Im Jahr 1919 hat der Kirchenbaumeister eine Schrift veröffentlicht, in der er sich ausführlich zum Kirchenraum äußerte und den Menschen in den Mittelpunkt der Kirche stellte“, so Welzel. „Für ihn war der Kirchenraum per se nicht heilig, erst durch die Wandlung des Menschen im Abendmahl. Vorbild für seine Kirchengestaltung war das Atrium, das griechische Theater. Den wichtigsten Baustoff stellte Holz dar. Stahl wurde, da es als Kriegszeichen galt, nicht verwendet.“
Viele seiner Kirchen errichtete Bartning im Ausland, nicht zuletzt, weil er nicht NS-konform war und nur privat Kirchen errichten konnte.

Notkirchen wurden als Bausatz an die Gemeinden geliefert

Das Konzept Notkirche hatte für Bartning nicht zwingend mit dem Umstand Krieg zu tun. Für ihn war eine Notkirche ein offener Begriff, denn alle Kirchen stellten für ihn eine Art Notkirche dar: Sie bietet Schutz vor Dingen, denen der Mensch im Alltag ausgesetzt ist, dorthin kann man sich in einer Notlage wenden und sie bieten Schutz.
„1942/43 gab es zwischen Deutschland und den USA geheime Verhandlungen, wie man es schaffen konnte, Kirchen in Deutschland wieder aufzubauen. Im Zuge dessen hat auch Essen 1945 eine Notkirche beantragt, vorher wurden Gottesdienste nämlich in Behelfsunterkünften abgehalten. Die Apostel-Notkirche selbst fällt unter den Notkirchen-Typ B. Man witzelt, dass das B für Bartning stehen soll“, meint Welzel mit einem Zwinkern.
Insgesamt 43 Notkirchen wurden in etwa zur selben Zeit errichtet. Weil der Architekt aber nicht auf allen Baustellen zur selben Zeit tanzen konnte, gab es einen Bausatz und eine Bauanleitung. So ein bisschen wie bei IKEA. Das bedeutete, dass die Gemeinde die wichtigen Teile schon vorgefertigt geliefert bekam und daher selbst umso mehr mit anpacken musste: Täglich wurde von 8 Uhr morgens bis zur Dunkelheit gearbeitet, in fünf Monaten stand dann die Frohnhauser Notkirche.
„Betrachtet man die die Kirche von innen fällt die Einfachheit des Raumes auf, der sich einem sofort erschließt“, erklärt Welzel. „Die Außenhülle ist unwichtig, die Decke erinnert an ein Zelt und die tragenden Elemente liegen alle innen. An den Steinen sind noch Brandspuren sichtbar, da das die Trümmersteine waren, die man noch zum Bau verwenden konnte. Das Kreuz im Altarraum kann man herausnehmen, weil manche Gemeinden keinen Altarraum haben und der Bausatz universell einsetzbar sein musste. In den 1960er Jahren wurde die Kirche umgestaltet.“
Zur Einweihung der Notkirche in Frohnhausen schickte der Präsident einer amerikanischen Kirchengemeinde, da ja Geldgeber, einen netten Gratulationsbrief. Auf deutsch!
Momentan gibt es Renovierungsarbeiten in der Apostel-Notkirche. Der alte Boden soll freigelegt werden, der unter dem PVC-Belag verborgen ist. Wie verbunden sich einige Gemeindemitglieder ihrer Kirche fühlen, demonstriert Wilhelm Klaas: Sein Vermächtnis soll dazu benutzt werden, den neuen Boden zu stiften.
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