Wenn Tote sprechen könnten...

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Ihre letzte Ruhestätte fand Familie Kerckhoff im heutigen Gervinuspark. Alle drei Grabstätten zählen zu sogenannten Ehrengräbern.
 
Von der Botanik verschlungen ist das Grabmahl des Ehepaars Atzeroth. Der genaue Blick durch das Blattwerk lässt die Inschrift des Grabsteins erahnen.
Gervinuspark in Frohnhausen ehemaliger Friedhof



Der Sommer naht und der Gervinuspark ist wieder gut besucht: Junge Familien, ältere Herrschaften und Hundebesitzer nutzen ihn gerne. Dass man dabei aber auf unzähligen Toten wandelt, darf man dabei nicht vergessen: Ursprünglich war der Gervinuspark ein Friedhof.


Nachdem „Ela“ eine Spur der Verwüstung auch im Gervinuspark hinterlassen hat, will Grün und Gruga diesen zusammen mit dem Stadtteil nun anhand mehrerer Maßnahmen wieder fit machen. Doch nicht nur das Pflanzen von Bäumen und gestalterische Aspekte sind dabei zu berücksichtigen. Auch auf die zahlreichen Grabsteinen, welche überall im Park verteilt stehen und teilweise nicht als Grabsteine zu identifizieren sind, müssen in das Projekt miteinbezogen werden.
Ein guter Zeitpunkt also, die Toten noch einmal sprechen zu lassen.

Jeder Tote könnte eine Geschichte erzählen

„Wir gehen davon aus, dass der Friedhof in den 1890er Jahren angelegt wurde“, erklärt der Stadtteilhistoriker Robert Welzel. „Es gibt auch eine Aufzeichnung, auf der das Jahr 1874/75 angegeben ist, aber dafür gibt es keine gesicherten Beweise.“ Der Friedhof im Gervinuspark war nicht konfessionsgebunden, was bedeutet, dass jede konfessionelle Ausrichtung hier begraben werden durfte. Zunächst trug er den Namen Kommunalfriedhof der Bürgermeisterei Altendorf im Rheinland, das änderte sich dann im Jahr 1901, als er aufgrund der Eingemeindung in Essen zu Westfriedhof umbenannt wurde. 1960 wurde der Friedhof zur Parkanlage umgewidmet.
„Betritt man den Park von der Ecke Gervinusstraße/Kuglerstraße aus, befindet sich auf der linken Seite, auf dem auch die Ehrengräber der Familie Kerckhoff stehen, der älteste Teil. Rechts, wo auch der Hügel zu finden ist, ist der jüngere Teil“, so Welzel. Wieso man übrigens den Hügel damals angelegt hat, ist heute nicht mehr bekannt. „Vielleicht hätte das eine besondere Grabstätte werden sollen. Das ist aber eine reine Vermutung.“
Angefangen hat alles mit dem Kotten (im weiten Sinn vergleichbar mit einem Bauernhof) Siepmann-Mergelskühler. Von diesem hat die Bürgermeisterei Altendorf das Gebiet gekauft und darauf den Friedhof errichtet.

Erster Bürgermeister Altendorfs ruht im Gervinuspark

Das erste interessante Grab befindet sich hinter Blättern und Buschwerk und erinnert von weitem mehr an die Überreste einer antiken Mauer als an eine Grabstätte. Sicherlich auch deshalb, weil von der Inschrift nicht viel zu erkennen ist, lediglich ein paar Buchstaben lassen auf den „Inhalt“ schließen. „Hier ist der vermutliche Grabstein des Wilhelm Pollerberg gt. Lange. Bei ihm handelt es sich um einen bedeutenden Essener Bauunternehmer, der im Umfeld des Frohnhauser Platzes viele anspruchsvolle Gebäude errichtet hat. Da die Buchstaben nicht mehr komplett sind, ist die Zuordnung etwas zweifelhaft“, so Welzel. „Für Hinweise, ob es sich hier um das Grab von Pollerberg handelt, wäre ich sehr dankbar.“ Und egal, wie die Umgestaltungspläne für den Gervinuspark aussehen: Dieser Grabstein sollte definitiv an seinem Platz bleiben.
Ebenso gilt das für die Ehrengräber der Familie Kerckhoff. Leicht zu erkennen sind sie an den großen weißen Kreuzen auf den Grabsteinen. Wilhelm Kerckhoff war der erste und einzige Bürgermeister der Bürgermeisterei Altendorf. „Weil es sich hierbei im Ehrengräber handelt, dürfen die Grabsteine von ihren Plätzen auch nicht weichen“, erklärt Welzel. „Ela“ ist für die fehlende Kreuzspitze verantwortlich und die runden Löcher in den Grabsteinen sind Spuren von Geschossen des Weltkriegs.

Lebensbejahende Parkanlage ruht auf alten Gräbern

Einen sehr schönen Grabstein hat man für Berta Schuster gemacht, welcher vom Bildhauer Arnold Dahlke aus Weimar hergestellt wurde. „Das ist dem Umstand geschuldet, dass die Verstorbene mit dem Künstler verwandt gewesen ist“, so der Historiker. Darauf abgebildet sind zwei trauernde Jünglinge mit einem Kranz, welcher für eheliche Treue steht und eine Fackel als Symbol für das Lebenslicht.
Etwas abgelegener und ebenfalls im Buschwerk eingefügt steht wohl der originellste Grabstein: Er hat die Form einen zugeschnittenen Baumstamms und sogar ein kleines Vogelnest findet sich darauf. Ein zweiter seiner Art ist sehr schwer zu finden, lediglich im entfernten Hagen wurde Robert Welzel fündig.
Von der Botanik verschlungen ist der älteste Grabstein im Gervinuspark. Das Grab wurde vor 1893 angelegt und beherbergt das Ehepaar Charlotte und Agathon Atzeroth.
„Über die diskutierten Maßnahmen, die Umsetzung der Grabsteine und Konzentration auf einem Platz, bin ich informiert“, schließt Welzel. „Aus Sicht des Stadtgeschichtlers kann ich eine Umsetzung der Grabsteine, wenn sie ohne Not erfolgt, nicht gutheißen. Meiner Meinung nach besteht die Gefahr einer gegenteiligen Wirkung: Dass angenommen wird, dass nur an einer kleinen Ecke des Parks ein Friedhof war, wobei in Wirklichkeit viele tausend Gräber auf dem Parkgelände verteilt liegen.“
Zu besagtem Thema findet am 7. April 2017 eine Führung durch die Frohnhauser Parkanlagen statt, wobei auch der Gervinuspark samt einiger Grabsteine vorgestellt wird. Beginn ist um 18 Uhr. Treffpunkt der Marktbrunnen auf dem Frohnhauser Platz. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung nicht erforderlich.
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