Freundliche Vielfalt

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Fröhlicher Anstrich: Die Bodelschwinghschule in Altendorf.
 
Erzieherin Christine Böckler (links) mit Schulleiterin Hannelore Herz-Höhnke (rechts).
 
Bodelschwinghschüler im Unterricht.
Essen: Bodelschwinghschule |

Die Bodelschwinghschule, städtische Gemeinschaftsgrundschule mitten in Altendorf, schreibt das respektvolle Miteinander groß.


Als Erstes fällt eins auf: die Ruhe. Der Unterricht läuft, im Gang neben dem Schulbüro arbeitet ein Schüler für sich, im ganzen Gebäude herrscht eine entspannte, freundliche Atmosphäre. „Ich arbeite gerne bei offener Tür, weil ich nah bei den Kindern sein möchte“, sagt Schulleiterin Hannelore Herz-Höhnke.
Als die Rektorin die Schule 1999 übernahm, lag der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund bei 37 Prozent. Heute sind es 97 Prozent. In acht Klassen – zwei Klassen pro Jahrgang – lernen Kinder aus über vierzig Nationen hier Lesen, Schreiben und Rechnen. Die Bodelschwinghschule ist beliebt. Regelmäßig muss die städtische Grundschule Interessenten ablehnen, um die Schülerzahl noch eben überschaubar zu halten. Aktuell gehen in jede Klasse 28 bis 30 Kinder.

Persönliche Arbeit – verbindliche Regeln

Wie schafft man in einem Viertel, wo es viele arme Kinder, viele Alleinerziehende, viele Eltern ohne Job und viele verschiedene Kulturen gibt, eine friedliche Lernatmosphäre? Rektorin Herz-Höhnke erklärt, dass sie selbst alle Kinder kennen müsse. Die Unterrichtsarbeit wird im Team abgesprochen und koordiniert, „alle arbeiten hier gleich“.
Gute Manieren, Ordnung im Schulgebäude (einschließlich der Schultoiletten) und ein offenes, kommunikatives Auftreten sind an dieser Schule Pflicht. Das steht in der Schulordnung, und auf deren Einhaltung achten die Bodelschwinghlehrer konsequent. Von der ersten Klasse an wachsen die Schüler in die Gemeinschaftsregeln hinein, bis sie als Viertklässler auch Verantwortung für andere übernehmen, z. B. Pförtnerdienste während der Pausen oder Patenschaften für Erstklässler.
In einem Trainingsraum bekommen einzelne Kinder zudem Unterstützung beim Durchgehen der Gemeinschaftsregeln. „Wiederholung ist das A und O“, betont die Rektorin. Hierfür finanziert der Rotary Club mittlerweile im dritten Jahr eine sozialpädagogische Ergänzungskraft. Die ehemalige, ausgebildete Stadtteilmutter schlägt für die Schule eine Brücke zu den Familien und macht auch Hausbesuche.

Ganztag mit Extragruppen

Über die optionale Ganztagsbetreuung hinaus (Hannelore Herz-Höhnke: „Einen verbindlichen Ganztag würde ich mir wünschen, dann aber auch die Kräfte und Räume dazu“) gibt es in der Bodelschwinghschule zwei zusätzliche Betreuungsgruppen mit jeweils maximal 12 Kindern.
In der sozialpädagogischen Gruppe, die von der Diakonie unterstützt wird, lernen verhaltensauffällige Kinder vor allem, mit Strukturen umzugehen. Zur „Glückskindergruppe“, die der Rotary Club unterstützt, gehören besonders benachteiligte Schüler. Zusammen kochen, schlafen, in Ruhe Hausaufgaben machen – das, was andere Kinder wie selbstverständlich zu Hause bekommen, erleben die „Glückskinder“ in der Schule.

Projekte, Projekte!

Begeistert äußert sich Rektorin Herz-Höhnke über das Trainingsprogramm „Gewaltfrei lernen“, mit dem die Schule seit sieben Jahren arbeitet: „Unsere Kinder sind respektvoll. Sie kennen Regeln. Und sie wissen, wie man auch außerhalb der Schule mit Konflikten umgeht.“ Um das externe Coaching – ein Konzept der Kölner Pädagogin Sibylle Wanders – bezahlen zu können, haben Schulleitung und Förderverein sich um Sponsoren bemüht. Die Rotarier, die Apothekergenossenschaft NOWEDA eG, die Sparkasse Essen und die Sparda Bank sprangen ein. Weitere Projekte der Schule sind das „Lesebündnis“, das Projekt „Gesunde Ernährung“ und Sprachförderung im Rahmen der bundesweiten Initiative BiSS (Bildung durch Sprache und Schrift), damit die Kinder ihre Deutschkenntnisse verbessern können.
Spaß und Entspannung gehören auch dazu: 2016 hat die ganze (!) Schule einen „Betriebsausflug“ nach Holland (Oostkapelle) unternommen. Gut zu erkennen waren die Schüler dort an ihrem Schul-T-Shirt; etwa die Hälfte trägt es auch im Schulalltag. Die Rektorin: „Ich bin für Schulkleidung, weil sie Gleichheit ausdrückt. Ich trage sie auch bei der Arbeit.“

Mut bewiesen

Natürlich gibt es an der Bodelschwinghschule auch Hindernisse und Rückschläge. Der Einbruch zum Jahreswechsel 2016/17 bei dem die Schule sinnlos verwüstet wurde, gehört dazu. Oder die Schadstoffprüfung, die im Gebäude gerade ansteht. „Hoffentlich müssen wir hier nicht raus!“, bangt die Rektorin. Auch gewaltbereite Mitbürger machen vor den Schultoren nicht immer Halt. So drohte vor einigen Jahren ein Vater, nachdem sein Sohn im Schwimmunterricht Wasser geschluckt hatte: „Ich komm vorbei und schieß Sie alle tot!“
In solchen Situationen ist Hannelore Herz-Höhnke froh, dass sie seit ihrer Jugend Kampfsporterfahrung hat (mit Judo und Modern Arnis): „Dadurch habe ich Mut gefasst, keine Angst zu haben.“ Mit Kindern kennt sie sich von klein auf ebenfalls aus: Sie war eines von sieben Kindern einer Großfamilie in Nordhessen. Sport, Mathematik und Deutsch hat sie studiert. Mit 23 Jahren bekam sie das erste eigene Kind und später drei weitere, während sie schon an einer Frohnhauser Schule unterrichtete.

Die Ärmel hochgekrempelt

Zugesagt hat die Lehrerin an der Bodelschwinghschule im Winter 1999: „Altendorf war dick verschneit, eine Kollegin hatte das Haus weihnachtlich geschmückt – es sah einfach wunderschön aus!“ (Pause. Schmunzeln.) „Dann ist der Schnee aber geschmolzen. Und der ganze Dreck kam wieder zum Vorschein.“ Was tun? Sie hat die Ärmel hochgekrempelt und losgelegt. Möbel besorgt, Eltern mobilisiert, Räume gestrichen, die Schule innen und außen modernisiert.
„Ich wollte gar nicht lange bleiben“, erinnert sich Hannelore Herz-Höhnke. Als nach sieben Jahren in Altendorf das verlockende Angebot kam, an eine hessische Dorfschule zu gehen, wollte sie schon zugreifen. Aber die Kinder weigerten sich, aufs Land zu ziehen. Sie gab nach und blieb. Seitdem pflegt sie unermüdlich ihre Kontakte zu Sozialverbänden, Gewerkschaft, Polizei, Sponsoren – und unterrichtet nach wie vor selbst.
Ihr Aha-Erlebnis, ergänzt die Pädagogin, sei gewesen, als eine deutsche Mutter einmal ziemlich missbilligend zu ihr gesagt habe: „Sie sind wohl so eine ausländerfreundliche Rektorin.“ Da habe sie spontan geantwortet: „Ja. Und wissen Sie was: ich bin das auch gerne!“

Infos

Bodelschwinghschule
Städtische Grundschule
Adresse: Heinrich-Strunk-Str. 25, 45143 Essen
Gegründet: 1907
Anzahl Schüler: 234
Anzahl Lehrer: 13
Anzahl Erzieher: 3
Schulleiterin: Hannelore Herz-Höhnke
Website: https://bodelschwinghschule.essen.de
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